Die Nerven beim Konzert im Schocken in Stuttgart Foto: Steffen Schmid

„Eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“, schreibt „Spiegel online“, „das vielleicht beste deutsche Trio seit Trio“, der „Standard“ in Wien. Die Nerven sind mit ihrem widerwilligen Postrock jedermanns Lieblingsband. Oder sollten es zumindest sein.  

Ein Dreivierteltakt dröhnt, fiept, brummt und scheppert durch den Keller. Die drei Männer auf der Bühne haben ihm das Tanzen abgewöhnt, ihn in ein grimmiges, widerspenstiges Stück Musik gesteckt, mit dem sie am späten Donnerstagabend ihr Konzert im Schocken in Stuttgart eröffnen. Mit dem Konzert feiern Die Nerven ihr Album namens „Fun“, das an diesem Freitag erschienen ist. Die Platte ist geeignet, die Erfolgsgeschichte dieses Stuttgarter Trios fortzuschreiben. Die gut informierten Musikjournalisten der Republik scheinen sich jedenfalls schon jetzt einig zu sein, dass die Platte ein Meisterwerk des Diskurspop ist.

„Tatsächlich habe ich manchmal Angst, dass der Schwindel irgendwann aufliegt“, sagt Schlagzeuger Kevin Kuhn, „dass sich dieser Hype als ein Ding herausstellt, das sich das Internet ausgedacht hat.“ Gitarrist Max Rieger ist da schon realistischer: „Na ja, wir haben schon damit gerechnet, dass wir viel Aufmerksamkeit bekommen“, sagt er, „schließlich haben die ja schon alle die erste Platte gut gefunden. Aber dass das jetzt noch heftiger kommt, ist schon krass.“

„Fluidum“ war im Jahr 2012 eine Platte , auf die sich alle einigen konnten, die Bands wie die Fehlfarben, Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic mögen – ein Album voller ungestümer Gemeinheiten und Repetitionszyklen. Garstig und wahnwitzig mal Punkrock, mal No-Wave ausprobierend. „Alles wie gehabt, nichts hat sich geändert“, texten Die Nerven nun auf dem neuen Album in dem Song „Eine Minute Schweben“. Doch ihre Mischung aus Genervtheit, Frustration und trotzigem Desinteresse inszenieren sie auf „Fun“ jetzt noch kompakter, präziser.

Im Blog von ihrer ersten Tournee behaupteten die drei, sie seien „tief im Herzen eine totale Langweilerband“, Neider haben sie dagegen inzwischen zur „Hipsterband für alte Szenesäcke“ erkoren. Beides stimmt natürlich kein bisschen. Und das Konzert am Donnerstag in der Schocken-Beatbox kann es beweisen. Das Publikum ist jung und gut frisiert, das Trio auf der Bühne eine Sensation. Ausgehend von neuen Songs wie „Und ja“, „Albtraum“, „Hörst du mir zu?“ oder „Rückfall“ erkennt man mal den zappeligen Postpunk von Gang of Four wieder, mal die drastisch-dramatische Songarchitektur der Hardcore-Helden Fugazi, deren Platten Bassist Julian Knoth einst im Plattenregal seines Vaters entdeckte, und mal die Feedback-Schleifen von Sonic Youth. „Als ich zum ersten Mal eine Platte von denen hörte, dachte ich: Wow, der Typ an der Gitarre spielt ja genauso wie ich“, sagt Max Rieger, dem es gleich peinlich ist, das gesagt zu haben. Muss es ihm aber nicht.

Wenn von dem Stuttgart Popwunder gesprochen wird, meinen die Leute in der Regel den unaufhaltsamen Aufstieg des Independent-Labels Chimperator, das zum Beispiel Cro und die Orsons unter Vertrag hat. Es geht dann um gefälligen, vom Hip-Hop infizierten Pop, der in erster Linie Teil einer Spaßgesellschaft sein will. Dass aber abseits dieser Kunterbuntmusik in den eher dunklen Ecken Stuttgarts ein ganz anderes Popwunder gediehen ist, wird oft übersehen. Doch wenn es eine Band gibt, auf die Stuttgart wirklich stolz sein kann, dann sind des Die Nerven. Gerade weil sie so unbequem sind.

„Wir definieren uns schon über unsere Ablehnungshaltung – unsere Abneigung auch gegenüber diesem ganzen Chimperator-Cro-Heisskalt-Scheiß“, sagt Knoth. „Mir kommt es so vor, als ob vor fünf Jahren in Stuttgart ein Eimer umgeschmissen wurde“, sagt Kuhn, „und die klebrige Flüssigkeit, die da drin war, überschwemmt jetzt alles, was mal interessant war.“ Wenn Die Nerven von einer Stuttgarter Szene, in der sie sich zu Hause fühlen, sprechen, nennen sie darum lieber die Namen von obskuren Bands, die Human Abfall, The Lost Rivers, Wolf Mountains oder Jamhed heißen: „Bands, die nicht versuchen zu gefallen, sondern so etwas wie eine Vision haben“, sagt Max Rieger. Musiker, die man am Nordbahnhof oder im Secondhand-Plattenladen trifft.

Dass man Die Nerven inzwischen nicht nur in dieser überschaubaren Szene kennt, sondern auch Magazine wie „Spex“ von der Band schwärmen, ist vor allem Lana Del Rey zu verdanken. Die Erfolgsgeschichte des Trios begann im Sommer 2012, als sie den Song „Summertime Sadness“ eindeutschten, dem Sommer den Spaß und Lana Del Rey den Hit klauten. „Ich fühle mich heute Nacht elek­trisch“, nölten sie zum scheppernden Schlagzeug, polternden Bass und der meckernden Gitarre. Und als kein Text mehr übrig war, skandierten sie zu dritt in missmutiger Ein­tönigkeit: „Sommerzeit! Traurigkeit! Sommerzeit! Traurigkeit!“ Dieser Song, der Del Rey Wort für Wort ins Deutsche, flirrenden Dreampop in knurrigen Postrock und die bittersüße Melancholie des Originals mürrisch in Lustlosigkeit übersetzte, bescherte den Nerven einen kleinen Underground-Smashhit.

Während „Sommerzeit Traurigkeit“ eine Hommage an Lana Del Rey ist, war eine Version, die Max Rieger von DJ Ötzis „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“ aufgenommen hat, nur als Witz gemeint. Inzwischen werden Die Nerven selbst schon gecovert (von der Münchner Band Atatakakatta). Und im Dezember gab es ein Treffen mit der hoch verehrten Bband Tocotronic. Rieger, Knoth und Kuhn machen zwar noch ein Geheimnis daraus – aber alles deutet darauf hin, dass Tocotronic einen Gastauftritt im Video zu dem Song „Angst“ haben werden. Schließlich klingen Die Nerven manchmal wie die unartigen Nachfahren der Hamburger Schule; lassen aber von der Larmoyanz, die Tocotronicauf frühen Alben wie „Digital ist besser“ oder „Es ist egal, aber“ pflegten, nur Bitterkeit übrig. Slogans gleichende Songtitel wie „Ich erwarte nichts mehr“ oder „Nie wieder scheitern“ würden dennoch auch ausgesprochen gut ins Repertoire von Tocotronic passen.

Teil einer Jugendbewegung, ein Sprachrohr der Frustrierten, Wütenden, Depressiven möchten Die Nerven aber trotzdem keinesfalls sein. „Die Generation, der wir eine Stimme verliehen haben, möchte ich gerne mal sehen“, sagt Rieger, gibt dann aber doch zu, dass seine Generation – er ist 20 – in zwei Gruppen geteilt werden könnte: Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die das gefühlige Poetry-Slam-Stück „One Day“ von Julia Engelmann ganz toll und ergreifend finden. Und die anderen? „Jeder, der diesen Zeitgeist-Quatsch nicht mag, dem könnte unsere Musik gefallen“, sagt Max Rieger. „Wir sind die Antithese zu diesem grausigen Populismus.“

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