Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen will mindestens sechs Seuchenstationen im Katastrophengebiet von Mosambik aufbauen. Foto: AP

Im zerstörten Mosambik gehen die Wassermassen von Zyklon Idai nur langsam zurück – nun brechen die ersten Seuchen aus. Inzwischen gibt es schon mehr als 1500 Cholerafälle und zwei Tote. Gelingt den Ärzten der Kampf gegen die Epidemie?

Mosambik - Julia Assane wachte davon auf, dass das Dach ihrer Hütte wegflog. Danach gaben die aus Holz und Lehm gebauten Wände nach: Zusammen mit ihrem Großvater, dem Onkel und Bruder flüchtete die 23-Jährige hinter einen mächtigen Baum am Rand ihres Dorfs, der dem Orkan wie durch ein Wunder standhielt. Aneinander gekauert verbrachten sie die ganze Nacht dort: Als der Wind am nächsten Tag etwas nachließ, gingen sie zum Haus ihres Onkels, von dem noch die Mauern standen.   Zwei Tage später kam die Flut. Morgens trat das Wasser über das Ufer des Busi-Flusses, mittags hatte es bereits das 500 Meter vom Strom entfernte Dorf Mutchenessa erreicht. Erneut blieb Julia und ihrer Familie nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen.  

Drei Tage lang stieg die Flut unaufhaltsam an. Zuweilen reichte Julia das Wasser bis über die Brust. Die Nächte verbrachten sie auf kleinen Anhöhen sitzend im Schlamm, tagsüber hielten sie nach besseren Rückzugsgebieten Ausschau. Zu Essen hatten sie nichts: Erst am dritten Tag tauchte ein Helikopter auf, der mit Proteinen, Kohlehydraten und Vitaminen angereicherte Kekse abwarf. Sie habe nicht gedacht, dass sie das überleben werde, erzählt Julia mit Tränen in den Augen. Soldaten aus einem fremden Land brachten sie mit einem Motorboot nach Beira: Seitdem sitzt die junge Frau in einem Zeltlager in der Nähe des Flughafens der Hafenstadt. Nie wieder werde sie nach Mutchenessa zurückkehren, sagt sie leise: „Wer kann sagen, dass das nicht wieder passiert?“

„Mein Herz tut weh, wenn ich das sehe“

Mit mehr als 170 Kilometern pro Stunde fegte Zyklon Idai am 14. März über die mosambikanische Küste: In Beira, vor allem aber im südwestlich angrenzenden Busi-Distrikt blieben kein Haus und keine Hütte verschont. Drei Tage später kamen aus der anderen Richtung die Fluten, um den Distrikt in einen See von der Größe Luxemburgs zu verwandeln: Mehr als 500 Mosambikaner fanden in den Wassermassen den Tod, in den Nachbarstaaten Simbabwe und Malawi starben weitere 250 Menschen. Fast zwei Millionen Mosambikaner wurden von dem Orkan um Haus und Hof gebracht: Rund 100 000 Häuser und Hütten wurden zerstört oder beschädigt, fast 700 000 Hektar an Feldern ruiniert.

„Etwas Ähnliches hat nicht einmal meine Mutter erlebt“, sagt Luis Inacio – seine Mutter ist über 90 Jahre alt.   Inzwischen herrscht auf dem Busi-Fluss die Ruhe nach dem Sturm. Sanft kräuselt sich sein braunes Wasser in der Sonne. „Dort drüben wurde ich geboren“, zeigt Luis Inacio nach links: „Das Dorf hieß Mutchenessa: Übrig geblieben ist nichts von ihm.“ Am rechten Uferrand taucht das Städtchen Busi auf: Seinen dortigen Laden konnte der Geschäftsmann bisher von Beira aus mit dem Wagen erreichen, doch seit die Flut die Straße und die Brücken zerstört hat, ist der 64-Jährige auf den Flussweg angewiesen. Heute wären Busis ungeteerte Straßen wieder befahrbar – wenn es funktionierende Fahrzeuge gäbe. Das Städtchen sei nicht wiederzuerkennen, sagt Inacio beim Rundgang durch die Trümmer: „Mein Herz tut weh, wenn ich das sehe.“

Nichts blieb vor dem Sturm verschont

Kaum ein Haus verfügt noch über ein Dach, viele Hütten sind spurlos verschwunden, ein Hunderte Jahre alter Baobab-Baum ist auf mehrere Behausungen gestürzt. An den Hauswänden zeigen braune Streifen, wie hoch das Wasser noch vor wenigen Tagen stand. Busis Bewohner haben ihre Matratzen, Möbel und Kleider ins Freie geschleift, um sie in der Sonne zu trocknen; manche sind schon mit dem Wiederaufbau ihrer Hütten beschäftigt.   Nichts blieb vom Sturm verschont. Orkan Idai ­faltete eine Satellitenschüssel wie einen Taco in der Mitte, die Räder eines Rollstuhls ragen aus dem Matsch, das Schwimmbad des örtlichen Hotels sieht wie mit Gülle gefüllt aus. Fließendes Wasser gibt es genauso wenig wie Strom, ein Mobilfunksignal oder funktionierende Elektro- und Dieselmotoren.

Ob Inacios Tiefkühltruhen zerstört sind oder nach dem Trocknen wieder in Gang gebracht werden können, wird sich erst herausstellen, wenn es in Busi wieder Strom gibt. Doch wann das sein wird, weiß keiner.   Inacios Managerin Muanausane Aly war am Abend der Heimsuchung mit ihren drei Enkeln zu Hause. Als der Zyklon das Städtchen erreichte, sah sie als Erstes das Blechdach des Nachbarhauses durch ihren Vorgarten fliegen, dann kam ihr eigenes Zinkdach dran. Als drei Tage später die Flut kam, suchte die Familie Zuflucht auf dem Betondach der nahe gelegenen Moschee: Dort harrten sie mit anderen Stadtbewohnern vier Tage lang aus. Ihre Notdurft mussten sie im Wasser verrichten, einer ihrer Enkel ist inzwischen erkrankt.  

Mehr als 1500 Fälle von Cholera sind bekannt, zwei Menschen sind gestorben

Auch Busis Krankenhaus blieb nicht verschont: Einige Stellen des Daches fehlen ganz, andere sind notdürftig repariert. Einige der 20 Patienten leiden unter wässrigem Durchfall: Aus dem Katastrophengebiet wurden schon mehr als 1700 Fälle von Cholera bekannt, zwei Menschen sind bereits gestorben. Der Cholera-Bazillus ist hier endemisch, also heimisch: Fachleute rechnen damit, dass es wegen der Vermischung des Grund- und Abwassers zu Cholera- oder Typhus-Epidemien kommen wird. Schon sind Logistiker der Ärzte ohne Grenzen in Busi eingetroffen, um neben dem Krankenhaus eine Seuchenstation aufzubauen: Die Hilfsorganisation will mindestens sechs solcher Stationen im Katastrophengebiet errichten. Am Mittwoch hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit einer Impfkampagne begonnen. 900 000 Serum-Portionen wurden nach Mosambik gebracht.

Das „Gute“ an Cholera sei, dass es so einfach zu kurieren sei, sagt eine Ärztin, die anonym bleiben will: „Kranke kommen oft morgens auf allen vieren in die Klinik gekrochen und gehen schon abends wieder aufrecht nach Hause.“ Doch wer die Hilfe nicht rechtzeitig findet, kann innerhalb von wenigen Stunden sterben.  

Der Präsident verliest nur ein Statement

Beira, zwei Wochen nach dem Sturm. In den Schulen sind Tausende von Flüchtlingen einquartiert, nachts schlafen Hunderte Heimatlose auf den Trottoirs der Hafenstadt. Auf dem Flughafen herrscht Hochbetrieb: Von internationalen Hilfsorganisationen gecharterte Maschinen fliegen tonnenweise Nahrungsmittel und Zelte, Anlagen zur Wasserreinigung und Medikamente ein. Nach den Wassermassen hat sich über die Stadt eine Flut an Hilfskräften ergossen: Außer zur Linderung der Not tragen sie zu massiven Preissteigerungen bei. „Wenn sich die Lage der Leute nicht bald verbessert, könnte die Stimmung schnell umschlagen“, sagt ein Mosambikaner. Mosambiks Präsident Filipe Nyusi zeigt sich optimistisch. Beim ersten Besuch im Katastrophengebiet habe er nur Wasser gesehen, jetzt schaue er wieder in lachende Gesichter, sagt der Staatschef in Beiras schickstem Hotel, wo er von ausländischen Hilfsmanagern und Militärs empfangen wird. Zumindest habe der Zyklon nicht die legendären Garnelen der Stadt ausradiert, sagt der Präsident den ausländischen Helfern – und wird von dem UN-Nothilfekoordinator Sebastian Rhodes Stampa mit den Worten getröstet: „Kein Staatschef dieser Welt kann mit einer derartigen Herausforderung alleine fertig werden. Wir bleiben so lange hier, wie Sie das wünschen.“  

Nach der Rettungsphase sei nun die Zeit des Wiederaufbaus gekommen, sagt Nyusi: Die internationale Solidarität zeige, dass es „weltweit ein Bewusstsein von den Folgen des Klimawandels“ gebe. Was getan werden müsse, um derartige Katastrophen zu verhindern? Dazu sagt der Präsident nichts, bei der Pressekonferenz verliest er nur ein Statement.  

Experten machen die Klimaerwärmung für die Zunahmen an Zyklonen verantwortlich

Er habe in den Fluten mindestens 10 000 US-Dollar verloren, rechnet Geschäftsmann Inacio vor – so viel verdient er mit dem Laden nicht in einem halben Jahr. Seine Managerin Aly hat das Geschäft schon wieder auf Vordermann gebracht: Ordentlich aufgereiht stehen die von der Flut verschonten Waren im Regal, an den Wänden ist nicht einmal die braune Wasserstandslinie mehr zu sehen. Inacio macht sich Sorgen um die Zukunft des Ladens: „Inzwischen können sich die Leute hier nichts mehr leisten.“ Viele Bewohner des Bezirks würden nicht zurückkommen, sagt er: Was auch kein Wunder wäre, denn die Zahl und Stärke der Zyklone habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten zugenommen.

Experten machen für den besorgniserregenden Trend die Klimaerwärmung verantwortlich.   Nein, zornig sei er nicht, sagt Luis Inacio: Schließlich könne man auf die Natur nicht zornig sein. Auch Gott sei für das Unheil nicht verantwortlich, sinniert der gläubige Katholik: Vielmehr müsse es sich um das Werk von hinter Gottes Rücken agierenden Dämonen handeln. Dazu könne man durchaus auch die Bewohner der Industrienationen zählen, fährt der Geschäftsmann nach kurzem Nachdenken fort: Sie hätten mit ihrem Lebensstil die ganze Welt durcheinandergebracht, während die Afrikaner jetzt zum zweiten Mal nach dem Kolonialismus die Zeche für ihren Wohlstand zahlen müssten. Sind das nicht genug Gründe, um zornig zu sein sein? Inacio hüllt sich in Schweigen.

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