Gegen Frankreich sollte die Mannschaft von Joachim löw gewinnen – sonst wird es für den Trainer eng. Foto: AP

Die Niederlage gegen die Niederländer zeigt, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihre Krise noch nicht überwunden hat.

Amsterdam - Als fast schon alles gesagt war nach diesem ernüchternden Fußballabend in Amsterdam, gab es aus dem Auditorium im Pressesaal noch eine kurze, knackige Frage an den Bundestrainer: Warum er Jérôme Boateng nicht erlöst habe mit einer Auswechslung? Joachim Löw stellte vom Podium herab eine kurze Gegenfrage. „Wann genau?“, sagte er. „Zur Pause“, bekam er von unten zuhören. Löw überlegte kurz und erklärte, dass er zur Halbzeit noch nicht alles habe umschmeißen wollen und dass er in Hälfte zwei dann auf den Offensivpositionen habe wechseln wollen.

So weit ist es also gekommen. Boateng erlösen, mit einer Auswechslung, diese Frage stand im Raum. Völlig berechtigt übrigens nach dem nächsten irrlichternden, ja erschütternden Auftritt des Innenverteidigers, der sich obendrein mit muskulären Problemen herumplagte.

Das Problem Boateng

Boateng erlösen. Den stolzen Weltmeister von 2014. Vom stolzen Weltmeistertrainer von 2014. Besser kann man die ganze Misere der deutschen Nationalelf mit ihrem größten Problemfeld nach der 0:3-Niederlage am Samstagabend in der Nations League gegen die Niederlande wohl nicht beschreiben und veranschaulichen.

Tiefgreifende Veränderungen hatte der Bundestrainer nach dem WM-Desaster angekündigt. Tiefgreifender aber ist nur die Krise des DFB-Teams geworden – und die des Bundestrainers, für den das nächste Spiel an diesem Dienstag gegen den Weltmeister Frankreich in Paris wegweisend sein wird. Der Hauptvorwurf an Löw, der nicht nur in der Causa des taumelnden Boateng im Raum steht, ist klar: Der Coach setzt zu sehr auf seine Weltmeister von 2014. Er setzt zu sehr auf in der Vergangenheit etablierte Stammkräfte und baut die jungen Spieler zu wenig ein – und das nach diesem blamablen Fußballsommer in Russland.

Keine Wunderdinge erwarten

Löw sagte am Samstagabend dies dazu: Man dürfe keine „Wunderdinge“ von den Spielern Anfang 20 erwarten: „Deswegen ist es immer noch wichtig, dass wir in der Mannschaft eine gute Mischung zwischen Erfahrung und Jugend haben.“ Und weiter: „Wir haben vor vier Wochen gegen Frankreich auch mit Boateng, Mats Hummels oder Toni Kroos ein gutes Spiel gemacht. Man braucht ein paar Spieler mit dieser Erfahrung, absolut.“

Nach dieser Einschätzung wollte Löw niemand widersprechen – warum der Bundestrainer aber die Offensivkräfte Leroy Sané und Julian Brandt zunächst erneut draußen ließ, stieß auf Unverständnis. Wenn, wann nicht jetzt, kann man die wohl talentiertesten Burschen in der Offensive denn mal an höhere Aufgaben ranführen, sie integrieren? Löw sagte: „Sie haben noch nicht die ganz große Qualität, um an ihrem Zenit zu sein, wir dürfen von ihnen keine Wunderdinge erwarten. Brandt, Sané oder Serge Gnabry – die brauchen noch Zeit.“

In der Abwehr fehlen die Alternativen

Klar ist: Vorne hätte Löw die Alternativen für einen Umbruch – hinten in der Abwehr ist die Sache komplizierter. Hier fehlt taugliches junges Ersatzpersonal für die Platzhirsche. Und Niklas Süle, der Ersatzkandidat für die Innenverteidiger Boateng und Hummels, schwächelt derzeit ebenso wie seine Münchner Teamkollegen. Der angeschlagene Boateng musste sogar vorzeitig die Heimreise antreten, Süle steht nun bereit. Wen Löw in Paris auf den anderen Positionen einsetzt und ob er den Mut hat, einige Weltmeister auf die Bank zu setzen, ist dagegen offen.

Klar ist, dass es im DFB-Präsidium offenbar eine Art Notfallplan für den Fall der Fälle gibt. Sollte Löw nun auch noch das Spiel in Paris verlieren (und das womöglich ähnlich hoch wie in Amsterdam), könnte es schnell gehen. Im Fall des Abstiegs aus der Eliteklasse der Nations League sei Löw nicht mehr tragbar, so lautet offenbar die Marschrichtung. An diesem Freitag, drei Tage nach dem Spiel gegen Frankreich, tagt das DFB-Präsidium. Vieles ist dann nach einer weiteren Niederlage denkbar. Das Aus für Joachim Löw. Oder eine Gnadenfrist und eine letzte Chance bei den nächsten Länderspielen im November gegen die Niederlande und Russland. Oder der Beschluss, Löw weiter zu vertrauen.

Keine Argumente gesammelt

In Amsterdam zumindest haben der Bundestrainer und sein Team am Samstagabend dafür keine Argumente gesammelt, was auch der DFB-Spitze nicht entgangen ist. Nachdem er nach Schlusspfiff noch geschwiegen hatte, meldete sich der DFB-Präsident Reinhard Grindel am Sonntag zu Wort. Er rief dazu auf, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. „Dass der Weg unserer Mannschaft nach der WM auch Rückschläge mit sich bringen kann, war uns allen klar. Umso wichtiger ist es, jetzt gemeinsam auf und neben dem Platz als ein Team zusammenzustehen“, sagte Grindel – ein Bekenntnis zu Löw blieb er schuldig.

Auch dem selbst umstrittenen Grindel ist es nicht entgangen, dass die zweite Hälfte in Amsterdam mit der defensiven Anfälligkeit und dem tempoarmen Spiel nach vorne fatal an die Auftritte bei der WM im Sommer erinnerte. Umbrüche und Fortschritte sehen anders aus. Löw selbst, so viel ist klar, ist sich des Ernsts der Lage bewusst. Auf die Frage, ob er nun mit einer Debatte rechne, in der es um seine Person gehen werde, sagte der Coach dies: „Damit müssen wir leben, wenn man so eine Leistung zeigt – ich als Trainer zuallererst.“

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