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Der Bundestrainer macht weiter und hat nach dem WM-Debakel tiefgreifende Veränderungen angekündigt. Das wird auch nötig sein, denn nicht nur Joachim Löw hat zuletzt in seiner eigenen Welt gelebt.

Moskau - Die Zukunft ist geklärt, der Bundestrainer hat Urlaub, genau wie die Nationalspieler bis zum Einstieg in die Vorbereitung bei ihren Clubs. Anfang September trifft man sich wieder. In München geht es im ersten Länderspiel nach der WM gegen Frankreich, drei Tage später in Sinsheim gegen Peru. Tiefgreifende Veränderungen hat Joachim Löw angekündigt nach dem historischen WM-Aus. Aber wie sollen die eigentlich genau aussehen? Klar ist: Löw muss die Dinge grundsätzlich anpacken und ändern – in diesen Punkten, die so etwas wie die Viererkette der Zukunft darstellen.

Das eigene Auftreten: Joachim Löw, das war der Eindruck während des Turniers in Russland und der Vorbereitung darauf, ist endgültig angekommen in seinem eigenen Sonnensystem. Der Weltmeistertrainer schwebte über den Dingen. Er machte sein eigenes Ding – im Glauben, seit dem Triumph von Rio immer richtig zu liegen. So trat Löw auf – und diese an Selbstherrlichkeit grenzende Attitüde übertrug sich bei der WM auf die deutsche Mannschaft.

Der entrückte Löw muss nun wieder einrücken in die wahre Fußballwelt. Raus aus seiner Blase, rauf auf den Platz, und zwar mit vollem Eifer. Löw braucht ein neues Arbeitsethos, einen neuen Geist bei sich selbst. Und er muss ankommen in der Wirklichkeit, die da heißt: Vorrunden-Aus, Ärmel hochkrempeln und nicht mehr mit der Erinnerung an Rio mit Samthandschuhen die Dinge zu bewältigen versuchen. Kolossale Fehleinschätzungen bei Aufstellung und Taktik leistete sich der Coach in Russland. Löw braucht eine neue Demut. Sonst wird er dieses Kalenderjahr als Bundestrainer mutmaßlich nicht überdauern.

Der Bundestrainer braucht keine Untertanen, sondern kritische Geister

Das Trainerteam: Frischen Wind braucht es auch in Löws Trainerteam und dem gesamten Betreuerstab. Es gibt kaum noch eine Diskussionskultur, eher nur noch ein Kuschen vor König Jogi. Der alte und neue Bundestrainer aber braucht keine Untertanen, die ihm treu ergeben sind, sondern fleißige Arbeiter wie den ehemaligen Assistenten Hansi Flick, über dessen mögliche Rückkehr es bereits Spekulationen gibt. Der kritische Geist Flick war zum Beispiel verantwortlich dafür, dass die DFB-Elf bei der WM 2014 Standards trainierte. Dinge also, die auf den Feingeist Löw einen ähnlichen Reiz ausüben wie kalter Espresso.

Löw ließ sich damals überzeugen – und siehe da: Sein Team erzielte in Brasilien ­etliche Tore nach Standards. Jetzt braucht es wieder ein Korrektiv im Trainerteam. Und keine Abnicker. Löw selbst wiederum muss wieder offener werden für andere, auch konträre Gedanken. Und im Zuge dessen womöglich bei seinen offenbar auch in Spielerkreisen nicht mehr unumstrittenen Assistenten Thomas Schneider und Marcus Sorg anfangen.

Fanvertreter beklagen die zunehmende Entfremdung

Der DFB-Tross: Manchmal bekam man beim WM-Trainingslager in Südtirol und auch während des Turniers in Russland das Gefühl, als hätte der DFB jedem Spieler auch noch seinen eigenen Schuhezubinder, Zähneputzer oder Bälleaufpumper zur Seite gestellt. Kaum verwundert hätte es, wenn es in Südtirol für jedes einzelne Mountainbike, mit dem die Profis manchmal zum Training radelten, einen eigenen Beauftragten gegeben hätte, der den Spielern auf Kommando via Headset das Schalten in die Gänge abnimmt. Keine Frage: Der DFB-Tross ist zu einem aufgeblasenen Apparat geworden, der verschlankt werden sollte. Damit der Fokus wieder auf dem Wesentlichen liegt: dem sportlichen Erfolg.

Ziemlich abgehoben wirkt dieser DFB-Tross ja schon länger auf seinem Rundum-sorglos-Verwöhnplaneten. So abgeschottet ist „Die Mannschaft“ vom Rest der Welt, dass man bisweilen den Eindruck hat, die Spieler seien wichtiger als der Papst oder der Bundespräsident. „Der DFB war wohl noch nie so weit weg von den Fans, wie er es heute ist“, sagt Jochen Grotepaß von der Fan-Organisation Unsere Kurve über die zunehmende Entfremdung. Auch er fordert: Der DFB aber muss wieder landen – im echten Leben. Damit auch bei den Profis wieder eine gewisse Erdung eintritt.

Die Nationalelf sollte wieder ein Team zum Anfassen werden

Die Nationalelf spielt eine spezielle Rolle in der Gesellschaft, sie ist in besonderem Maße Allgemeingut. Sie muss wieder ein Team zum Anfassen werden – und keine abgehobene Elitetruppe, die über jedes vernünftige Maß hinaus verwöhnt und abgeschirmt wird. Unter dieser weltfremden Aufgeblasenheit des gesamten Teams hinter dem Team litt ja obendrein auch Löws Arbeit in Russland. Bei einem zu großen Apparat ist es ja oft so: Viele Leute geben viele Dinge an viele Leute weiter. Und irgendwann versanden die Informationen. So ungefähr lief es zuletzt im inneren Zirkel ab – was sich schnell ändern sollte.

Die Spielerauswahl: Joachim Löw muss, so hart es klingt, in sportlicher Hinsicht mit einigen Weltmeistern brechen. Ein Neuanfang mit alten Zöpfen ist nicht drin. Trotz ihrer Verdienste haben einige Helden von Rio nach ihren teils peinlichen Auftritten bei der WM in Russland keine Zukunft mehr. Dass der Bundestrainer nicht den kompletten Neuanfang ausrufen kann und muss, steht außer Frage – die meisten Spieler sind noch immer unter 30. Die Zeit der Erbhöfe aber sollte vorbei sein. Nicht ohne Grund gibt es mittlerweile offenbar heftige Beschwerden einiger jüngerer Spieler im Nationalteam, die eine Ungleichbehandlung bei der WM und in der Vorbereitung sahen. Nicht nur sie fordern: Löw muss künftig wieder streng nach Leistung aufstellen und nominieren. Und zwar nach gegenwärtiger – nicht nach vergangener.

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