Dietmar Bartsch im Wahlkampf Foto: dpa/Danny Gohlke

Die Linke versucht, parteiinterne Baustellen zu schließen und setzt auf die Option Rot-Rot-Grün. Im Straßenwahlkampf wird klar, warum ihr die Kampagnen der CDU eher nutzen.

Freiberg/ Weimar - Über Dietmar Bartsch ist alles ziemlich grau. Manchmal regnet es. Vor dem Schlossplatz in Freiberg, Mittelsachsen, ist eine kleine Bühne aufgebaut. Ein paar Tische und Bänke davor, ein kleines Zelt zum Schutz vor den Tropfen. Der linke Spitzenkandidat ist im Wahlkampfeinsatz. Viele Leute sind nicht gekommen. Aber genug, damit der Redner nicht ins Leere spricht. Es ist erst elf Uhr morgens. Und es ist Donnerstag. Ein schwieriger Tag für die Linkspartei. Der Tag, nachdem die Linke im Bundestag dem Rettungseinsatz der Bundeswehr in Kabul nicht zugestimmt hat. Ihre Abgeordneten haben sich ganz überwiegend enthalten. Natürlich waren sie dafür, dass die verzweifelten Menschen gerettet werden. Aber die Partei hat grundsätzliche Bedenken gegen Bundeswehreinsätze im Ausland. Herausgekommen ist ein Abstimmungsverhalten, das schwer zu erklären ist. In Wahlkampfzeiten ist das Futter für den politischen Gegner. Bartsch weiß das.

 

Die erste Baustelle kann geschlossen werden

Er spricht das Thema direkt an. „Ein Anliegen“ sei es ihm, darüber zu reden. Dann spricht er aber nicht über das Abstimmungsverhalten, sondern allgemein über Afghanistan. 3600 Tote der Allianz, 59 tote Bundeswehrsoldaten und nach 20 Jahren Einsatz ein Land in Armut und Chaos. Die Interventionspolitik sei „grandios gescheitert“. Wer das leugne, habe „nichts begriffen“.

Das nennt man wohl Vorwärtsverteidigung. Das weiß auch Susanne Hennig-Wellsow, eine der beiden Bundesvorsitzenden. Sie steht einen Tag vor Bartsch, am Tag der Abstimmung im Parlament, auf einer ostdeutschen Bühne. In Weimar. „Meine Meinung ist, dass für uns da auch eine Zustimmung möglich gewesen wäre“, sagt sie unserer Zeitung. „Aber . . .“ Die Stirn legt sich in Falten und das könnte heißen, dass die Fraktion so viele Strömungen hat, dass es leichter ist, einen Sack Flöhe zu hüten.

In Weimar geschieht für die Linke Bemerkenswertes. Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, die sonst kaum eine Gelegenheit verstreichen lassen, der Parteiführung mit kleinen rhetorischen Giftpfeilen das Leben schwer zu machen, werben um Stimmen für die Linke. Fast 500 Menschen sind gekommen. Die beiden ziehen eben immer noch. Und alles läuft gut. Keine Häme, keine Kritik, kein Lästern über die angebliche „Lifestyle-Linke“. „Ich muss nicht jeden Programmpunkt gut finden“, sagt Wagenknecht nur, „aber keine andere Partei wendet sich so entschieden gegen Kriegseinsätze, und sie lässt sich nicht von Konzernen kaufen, und dafür sollten Sie sie wählen“. Hennig-Wellsow ist zu den beiden Partei-Ikonen nach Saarbrücken gefahren, um sie einzubinden. In der Partei hat ihr diese Geste viel Respekt eingetragen. Diese Baustelle ist geschlossen.

„Die Wählerschaft ist beweglich“

Dietmar Bartsch hat seine Rede beendet, jetzt will er noch über den Marktplatz gehen, ein paar Hände schütteln und Gespräche führen. Der übliche Smalltalk aller Wahlkämpfer. „Ah, der Mann aus dem Fernsehen“, freut sich eine Dame. Leider kann sie Bartsch nicht wählen, sie kommt aus der Schweiz. Ein Ladenbesitzer erzählt Bartsch, dass Goebbels eigentlich Kommunist gewesen sei, das wisse er aus dem Internet.

Freiberg ist ein schwieriges Pflaster. In der Gegend gibt es eine manifeste rechte Szene. Um die Ecke liegt der Ort Leisnig. Dort frönen rechtsextreme Siedler einer kruden Mischung aus Germanenkult und dunkler Deutschtümelei. Kürzlich kam Ministerpräsident Michael Kretschmer zu einem Corona-Bürgerforum nach Freiberg. Das endete nicht gut. Sein Dienstwagen wurde bedrängt, eine Polizistin verletzt. Aufgerufen zu den Protesten hatte die rechtsextreme Gruppierung „Freies Sachsen“.

Aber Bartsch macht ganz gute Erfahrungen. Schon nach der Rede hatte ihn ein älterer Herr zum Thema Rente angesprochen. Jetzt kommt er wieder. Er habe sich das alles überleg, was Bartsch da gesagt habe. Eigentlich wollte er ja die Grünen wählen. Aber er werde jetzt links wählen. Den Spitzenkandidaten freut das sichtlich. Er zieht Energie aus der Erfahrung. „Klar ist das ein unbedeutender Vorgang. Aber es zeigt doch, wie volatil die Lage ist, wie beweglich die Wählerschaft.“

Ohne die Machthoffnung sieht es für die Linke nicht gut aus

Gestärkt geht es nach Meißen. Schöne Stadt, hässliches Wetter. Der Stand ist neben dem Dom. Zum Glück steht das Rednerpult im Zelt. Aber bei dem Wetter hört außer ein paar Parteifreunden kaum jemand zu. Genau gegenüber ist ein Eiscafé. Da sitzt man im Trockenen. Bartsch wendet sich an die Eis-Esser. Sein übliches Programm. Die Linke als Garant des Sozialstaats, als Bastion gegen Sozialabbau. Der Mindestlohn. Ein wichtiges Thema im Osten. 13 Euro mehr Mindestlohn bedeuten im Osten, dass 40 Prozent der Beschäftigten mehr Gehalt bekommen, sagt Bartsch. Und die Nato. Bartsch nennt sie „ein Relikt aus dem Kalten Krieg“. Er will sie ersetzen durch ein „System der kollektiven Sicherheit unter Einschluss Russlands“. Wie man dieses neue System dann nenne, sei „völlig egal“. Von ihm aus also auch Nato.

Das klingt so gar nicht nach dem herzlichen Bekenntnis, das Olaf Scholz den Linken als Eintrittskarte für eine rot-rot-grüne Koalition abverlangt. Im TV-Triell am Wochenende hat er die Tür für das Bündnis wieder ein Stück weiter zugemacht. Bartsch hatte das schon kommen sehen. „Wenigstens schließen sie ja nichts aus, das ist schon mal was“, sagt er. Er braucht diese Machthoffnung, sonst sähe es für die Linke nicht gut aus. Die Umfragen weisen Zustimmungsraten zwischen sechs und sieben Prozent aus. Das könnte auch noch weiter nach unten gehen, wenn den Wählern die Linke als machttaktisch unwichtig erschiene. Die Linke hofft da ganz auf die CDU. „Die Rote-Socken-Kampagne nützt uns natürlich“, sagt Susanne Hennig-Wellsow. „Das lenkt wieder Aufmerksamkeit auf uns.“ Dietmar Bartsch hat da noch ein anderes Rezept. Da die SPD sich vielleicht zwischen Ampel mit der FDP oder Rot-Rot-Grün mit der Linkspartei entscheiden könne, heiße die Alternative doch: „Linke oder Lindner“. Das ist schön eingängig. Das spitzt zu. Richtet den Fokus auf eine klare Alternative. „Linke oder Lindner“ – der Slogan fehlt jetzt in keiner Rede des linken Spitzenkandidaten.