Wer eine Buchhandlung betritt, ist in einer anderen Welt. Foto:  

Lese- und Bücherorte haben einen ganz besonderen Reiz. Vor allem in Antiquariaten findet man fast immer etwas, was man gar nicht gesucht hat – und betritt eine abgeschottete Welt.

Lassen Sie mich in Kaffeehäusern beginnen. Ich habe nichts gegen Teetrinker. Das sind feine, gebildete Menschen, oftmals mit einem Hang, sich den spirituellen Dingen des Lebens gegenüber zu öffnen. Als Kaffee trinkender Mann galt es, sich, zumindest während meiner Tübinger Studentenzeit in den frühen 1980er Jahren, sensibel zu geben und nicht von vornherein über jene reizvollen Kommilitoninnen abzulästern, die ihre Bude mit Räucherstäbchen aromatisierten und gedankenverloren friesische Kandisstückchen in ihren Tee versenkten.

 

Mit Andrea zum Beispiel, der munter-blonden, zum Glück esoterisch kaum verdächtigen Pfarrerstochter aus Rottweil, ließ ich mich damals gern auf Sitzkissen nieder und gab an, mir kaum etwas Schöneres als eine Tasse selbstgebrühten Tee vorstellen zu können. Heute bin ich zu alt für Lebenslügen und trinke Tee nur in Notfällen. Ich bin Kaffeetrinker aus vollem Herzen und bevorzuge ihn schwarz, schlicht und echt, ohne Zugabe von Zucker, Milch, Zimt oder Pistazien. Americano sagt man heute dazu.

Warum ich über Kaffee rede? Weil ich ihn am liebsten in altmodischen Kaffeehäusern trinke, deren schwere Portale mich in eine abgeschottete Welt führen, in der ich das Draußen vergessen kann – ohne vom Personal angemault zu werden, weil ich nur wenig konsumiere. Im Kaffeehaus lese ich. Zuerst vielleicht die aushängenden Zeitungen und dann sofort einen dicken Roman. Menschen lesen, das ist bekannt, an unterschiedlichsten und ungewöhnlichsten Orten. Manche brauchen ihren Ohrensessel, andere die Badewanne oder das Bett, wobei es mir immer missfällt, wenn Matratzenliebhaber stolz davon berichten, dass sie beim Lesen so prächtig einschlafen könnten – als wäre das der Sinn von Literatur. Nicht einmal Adalbert Stifter hat das mit seinen etwas schwergängigen Romanen „Der Nachsommer“ oder „Witiko“ beabsichtigt. Andere lesen auf Parkbänken oder im Zug – sollten aber den Kleinkinder- und Familienbereich meiden.

Das Kaffeehaus ist bis heute mein liebster Leseort, keine Frage. Angefangen mit den Büchern und dem Lesen hat es freilich weitaus schlichter. In der Heilbronner Stadtbücherei, meinem ersten Leseparadies, einer unerschöpflichen Fundgrube, seinerzeit noch nicht lichtdurchflutet und multimedial wie heute, war ich Stammgast. Wer die Leihfrist überschritt, wurde mit einer Strafzahlung belegt, und generell war es ratsam, sich dem strengen Regiment der Bibliothekarinnen zu beugen, die in meiner klischeegetränkten Erinnerung strenge Frisuren, ja vermutlich Dutte oder Dutts – beide Pluralformen sind zulässig – trugen.

Mit Internatsromanen von Enid Blyton und Anthony Buckeridge fing es an, doch es blieb nicht bei leichter Kost. Durch die Stadtbücherei lernte ich „Combray“ kennen, den ersten Teil von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, oder Hermann Lenz’ in Stuttgart und Wien spielenden Roman „Der Kutscher und der Wappenmaler“, der den Grundstein bildete für meine spätere Doktorarbeit über diesen Autor.

Wer Bücher verschlingt, will Bücher besitzen. Das Heilbronn meiner Jugend besaß im Wesentlichen drei Buchhandlungen, die in Betracht kamen und unterschiedliche Bedürfnisse stillten. Gegen die wackeren Herren Stritter und Determann war rein gar nichts zu sagen, ohne dass sie jedoch eine Chance gehabt hätten gegen Carmen Tabler, meine Favoritin.

Ihr Laden lag in der Titotstraße, die nach einem Heilbronner Schultheiß und nicht, wie ich lange glaubte, nach dem jugoslawischen Staatspräsidenten benannt war. Natürlich war die schwarzmähnige Frau Tabler alles andere als eine beliebige Buchhändlerin. Gewiss, sie verkaufte Neuerscheinungen und führte die Büchergilde Gutenberg, doch ihr Laden entwickelte sich zum politischen Treffpunkt, zum linken Gegenpol im Stadtgefüge. Es gab somit literarische und politische Gründe, sein Geld in die Titotstraße zu tragen. Doch natürlich gehörte zur Attraktivität des Ladens nicht zuletzt die Attraktivität seiner Inhaberin.

Wie ich damals lernte, brauchte es Geschick, um von ihr bedient zu werden. War sie unschönerweise ins Gespräch mit anderen Kunden vertieft, streifte ich durch alle Ecken des Ladens, nahm dies und jenes Buch in die Hand, blätterte abwesend darin. Denn ich musste auf der Hut sein, wollte den Moment nicht verpassen, da Carmen Tabler endlich allein an der Kasse verharrte. Dann legte ich meine Scheinlektüre beiseite, näherte mich ihr zielstrebig und gab meine Bestellungen auf, nicht ohne ein Gespräch anzuzetteln, egal, worüber.

Auf Carmen Tablers Geschäft folgten viele wunderbare, manchmal auch absonderliche Buchhandlungen und Antiquariate. Als Autor kommt man herum. Welches mein schönster Bücherort ist, lässt sich kaum sagen. Gewiss, Daunt Books in London, Galigani in Paris oder Felix Jud in Hamburg stünden in meinem Ranking weit oben. Oder die Livreria Lello in Porto, wo mittlerweile Eintritt erhoben wird, da kein Buchhändler von Touristen leben kann, die wie wild fotografieren, aber keinen Kaufabschluss tätigen.

Vor Antiquariaten empfand ich lange Zeit Scheu. Ehrfürchtig, dachte ich mir, müsste man diese edlen Läden betreten. So wie in Paris das Antiquariat Blaizot, das seit drei Generationen in Familienhand ist. Großvater, Vater, Enkel – alle Blaizots, die die Geschäfte in der Rue du Faubourg Saint-Honoré führten, agierten vom selben Schreibtisch aus, ohne darüber zu vergessen, sich moderne Verkaufsmethoden anzueignen. Nur einmal entschloss sich der heutige Besitzer zu einer Revolution, als er in seinem Büro die Position jenes Schreibtischs änderte. Seitdem hat er den Blick auf die Eingangstür gerichtet und sieht, wer seinen Laden betritt.

Oder das Antiquariat Burgverlag in Wien, unweit der Hofburg. Ein- und Auslass sind über eine Klingel geregelt, die Exklusivität verheißt, indes vor allem dazu dient, Torheiten zahlungsunwilliger Besucher zu verhindern. Wer erst einmal seinen Fuß in das Heiligtum gesetzt hat, verliert jedes Zeitgefühl. Seinem Besitzer Robert Schoisengeier ist es vor einigen Jahren gelungen, mich vom Kauf eines Buches zu überzeugen, das ich gar nicht erstehen wollte. Er zeigte mir mit Unschuldsmiene eine Erstausgabe von Schnitzlers berühmter Novelle „Lieutenant Gustl“, 1901 bei S. Fischer erschienen mit wunderbar verhalten düsteren Illustrationen von Moritz Coschell. 1800 Euro sollte die prachtvolle Ausgabe kosten, ein Betrag, der mein Budget schmerzlicherweise überschritt. Doch zum Glück war nicht nur die Erstauflage im Angebot, sondern auch ein im selben Jahr erschienenes Exemplar der sechsten Auflage, ein gut erhaltenes Stück für 100 Euro. Ich schlug zu und streiche heute zuhause gern über das zarte, am Rücken leicht brüchige Buch.

Wenn ich nicht nach Schnitzler, Hofmannsthal oder anderen Größen Ausschau halte, gehe ich nach Berlin, Stadtteil Wilmersdorf, wo sich das Sportfachantiquariat Drummer befindet. Diesem Eldorado entlegenen Schrifttums verdanke ich großartige Bereicherungen meiner Bibliothek. Jenö Csaknadys „Fußball ohne Brutalität. Erster Ehrenkodex des Fußball-Wettkampfs“, Franz Wittmans „Wie sag ich’s meinen Spielern? Die Gestaltung der Spielerabende bei den Amateurvereinen“, Richard Kirns „Der lachende Fußball“ und Bertram Schmitts „Körperverletzungen bei Fußballspielen. Eine kriminologische Studie über typische Erscheinungsformen und Konsequenzen für die Strafrechtsanwendung sowie über das Verhältnis der staatlichen Strafrechtspflege zur Strafgewalt der Verbände“ kamen dank Drummer in meinen Besitz.

Die Leidenschaft für exquisite Bücherorte gebiert bei manchen den Wunsch, sich dort nicht nur tagsüber aufzuhalten. Elias Canetti erzählt in seinem Roman „Die Blendung“ davon, dass sich Franz Kien – die in seiner Privatbibliothek kein gutes Ende nehmende Hauptfigur – als Kind danach sehnt, eine Buchhandlung zu besitzen, sich in einer solchen über Nacht einschließen lässt und plötzlich Gespenster nahen fühlt: „In der Nacht flogen sie alle her und hockten sich über die Bücher. Da lasen sie. Die brauchten kein Licht, die hatten so große Augen. (…) Zehntausend Bücher, auf jedem hockte ein Gespenst. Drum war es so still. Manchmal hörte er sie blättern. Sie lasen genauso rasch wie er.“

Der Gestank schlecht gelagerter Bücher

Inzwischen gehören solche Einschließwünsche längst zum Angebotsspektrum etlicher Buchhandlungen: Kunden, große und kleine, werden eingeladen, die Nacht oder zumindest den Abend in der Buchhandlung zu verbringen und in aller Ruhe zu schmökern. Mit Gespenstern oder ohne.

Nicht immer finde ich Zeit, Antiquariate persönlich aufzusuchen, und nutze so das vielfältige Internetangebot. Wer Ersehntes online bestellt, muss freilich mit bösen Überraschungen rechnen. Nicht wenige der angebotenen Werke wurden offenkundig nicht sachgemäß gelagert und verwitterten jahrelang in feuchten Kellerverliesen. Was unangenehme Folgen nach sich zieht: Kaum öffnet man die Postsendung, schlägt einem ein muffiger, brechreizfördernder Geruch entgegen, der jede Lust nimmt, dem Buch näher zu treten oder es in Kontakt mit anderen Büchern zu bringen.

Was tun mit solchen übel riechenden Außenseitern? An Ratschlägen mangelt es nicht. Die einen empfehlen, sie mit Natronpulver zu bestäuben, in eine Tüte zu packen und sich in Geduld zu üben. Die anderen raten bei Nikotingeruch dazu, die belasteten Bücher zusammen mit Kaffeepulver in einen Gefrierbeutel zu legen. Und nicht zuletzt sind da noch die, welche Heil darin sehen, müffelnde Objekte gut verschlossen bei minus 18 Grad eine Zeit lang in der Tiefkühltruhe aufzubewahren. Letzteres habe ich erprobt und ein Plätzchen gleich neben meinen tiefgefrorenen Maultaschen gefunden – der Erfolg war mäßig und zudem von der Befürchtung begleitet, dass meine schwäbischen Köstlichkeiten Schaden nehmen könnten. Maultaschen mit feucht-klammen Modergeruch – eine schreckliche Vorstellung.

Das Internet nutze ich übrigens auch dazu, regelmäßig nach meiner ersten Publikation Ausschau zu halten, dem 1980 erschienenen Erzählband „Der Tod der Pferde“. Der Verleger war ein Schulfreund, der eigens dafür einen Verlag gründete, den Stuttgarter Kranich Verlag, in dem interessanterweise außer meinem Werk kein weiteres erschien. Aktuell gibt es im Internet keine Exemplare meiner frühen Prosa. Vor ein, zwei Jahren waren zwei Stück verfügbar, zu einem – natürlich – viel zu niedrig angesetzten Preis. Schmerz- und rätselhafterweise war das signierte Exemplar günstiger als das unsignierte zu bekommen. Das gibt mir bis heute zu denken.

Zuletzt will ich ein persönliches Anliegen vortragen. Vom in Stuttgart geborenen und in Künzelsau aufgewachsenen Hermann Lenz, dessen Werk wie erwähnt meine Dissertation galt, besitze ich alle Erstausgaben. Mit einer Ausnahme: 1936 debütierte Lenz im Hamburger Ellermann Verlag mit einem schmalen Gedicht-Heft. Diese Broschüre konnte ich bis heute nicht aufspüren. Selbst mein Freund, der Verleger und Antiquar Ulrich Keicher, konnte mir nicht weiterhelfen. Sollten also Sie, meine verehrten Damen und Herren . . . Mehr möchte ich dazu nicht sagen.