In einer Kuppel im Eingangsbereich des Bunkers in Tirana sind Fotos von Opfer des Regimes zu sehen. Foto: Krohn

Die Anlagen sind in Stahlbeton gegossene Paranoia eines Diktators. Was zur Verteidigung gegen eine Invasion gedacht war, sind heute Orte der Vergangenheitsbewältigung.

Tirana - Das erste Gefühl ist Beklemmung. Eine steile Treppe führt tief unter die Erde in eine erstaunliche Welt. Nach der Hitze der Großstadt ist es zwar angenehm kühl, doch die Luft riecht muffig. „Über zwei Meter Stahlbeton und mehrere Meter Erdreich trennen uns von der Außenwelt“, erklärt die junge Dame am Eingang des Bunkers. In dieser engen, unterirdischen Schutzanlage sollte der Innenminister Albaniens einen Atomangriff auf sein Land überstehen und seine Truppen zum Gegenangriff führen. Gebaut wurde der Bunker mit seinen 24 Räumen in den 80er Jahren in der Hauptstadt Tirana.

Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur

Doch es kam anders. Das kommunistische Regime brach 1990 zusammen und mit etwas Verzögerung hat in Albanien die Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur begonnen. Viele hoffen, dass nach der Wahl am Sonntag die neue Regierung diesen Weg weiter geht. Der Bunker in Tirana mit dem Codenamen Objekti Shtylla ist seit einigen Monaten ein wesentlicher Teil dieser neuen Zeitrechnung. Die Anlage des einstigen Innenministeriums zeigt, mit welcher Gnadenlosigkeit die Polizei die Opposition verfolgt hat. Verhörräume sind bedrückend real nachgestellt, Lampen flackern nervös, Schreibmaschinen klackern, Abhörgeräte sind zu sehen, akribisch geführte Vernehmungsprotokolle zu lesen, Foltermethoden sind mit Puppen nachgestellt, Erschießungen auf Fotos dokumentiert.

Schon nach den ersten Räumen spürt der Besucher eines: die Paranoia, die das Regime bei ihrem verbrecherischen Tun angetrieben haben muss. Für das Museum musste nur wenig umgebaut oder renoviert werden, dieses Verlies ist gemacht für die Ewigkeit. Nur der neu gestaltete Eingang für die Museumsbesucher wurde in die Wände getrieben, denn es war geplant, dass der Bunker ausschließlich durch einen geheimen Zugang des nahe gelegenen Innenministeriums zu erreichen sein sollte.

Mit eiserner Hand das Land regiert

Viele Jahrzehnte führte Enver Hodscha Albanien mit eiserner Hand und schottete das Land immer weiter ab. Mitten in Europa befand sich der Staat in einem Zustand, den man heute nur noch in Nordkorea finden kann. Albanien glich einem riesigen Gefängnis. In der Zeit des Kalten Kriegs wollte sich Hodscha weder den USA noch der Sowjetunion zuwenden und entwickelte vor allem ein Gefühl: Angst! Er sah sich umzingelt von Feinden. Der Diktator lebte in der ständigen Panik vor einer Invasion.

Enver Hodscha plante, dass alle Albaner im Falle eines Angriffs Zuflucht finden sollten – ein Bunker für jeden Haushalt. 750 000 von diesen grauen, meist pilzförmigen Dingern sollten auf sein Geheiß gebaut werden. Knapp 200 000 sind fertig gestellt worden. Versuche, die Anlagen abzureißen wurden schnell aufgegeben – zu stabil. Auch Pläne, einige von ihnen als Hotels oder zur Pilzzucht zu verwenden, verliefen im Sande. Vor drei Jahren wurde schließlich von der albanischen Nichtregierungsorganisation Qendra Ura (Zentrum Brücke) ein Projekt ins Leben gerufen, um den Bunkern als Ort der Geschichtserzählung doch noch einen Sinn zu geben. Der italienische Journalist Carlo Bollino ist eine der treibenden Kräfte hinter dem umstrittenen Projekt. „Wir wollen den Albanern helfen, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu versöhnen“, erklärt Bollino, der die albanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. „Man kann die Gegenwart nicht verstehen oder Zuversicht in die Zukunft haben, wenn man die Vergangenheit nicht kennt.“

Den Bunkern einen neuen Sinn geben

Unter dem Namen Bunk’Art wurde im Jahr 2014 in Shish Tufina, am Stadtrand von Tirana, der erste große Bunker geöffnet. Seit Jahrzehnten rankten sich Legenden um den geheimen Ort, doch die ersten Besucher konnten kaum glauben, was sie sahen. Die riesige, fast 2700 Quadratmeter große Anlage ist tief in den Berg getrieben. Dort sollten im Falle eines Kriegs das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Albaniens und die Volksversammlung Schutz finden. 106 Zimmer auf fünf Etagen, ein Sitzungsraum, ein Abhördienst, ein Übertragungsraum und ein Kino standen für die Führungsriege bereit.

Eine beliebte Sehenswürdigkeit

Während in dem Bunkermuseum im Stadtzentrum die Schrecken der Diktatur dargestellt werden, geht es in Shish Tufina vor allem um das tägliche Leben unter der Diktatur Enver Hodschas. Der Bunker im Zentrum von Tirana hat sich zu einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten entwickelt. Vor allem junge Leute würden die Ausstellung besuchen, sagt eine Museumsführerin. Die älteren Albaner seien für die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit offensichtlich noch nicht bereit.

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