Die Künstlerin Rosalie ist tot Blumen aus Licht

Von Nikolai B. Forstbauer 

Rosalie (1953-2017) Foto: Daniel Mayer
Rosalie (1953-2017) Foto: Daniel Mayer

In aller künstlerischen Radikalität und Poesie hat Rosalie seit den 1980er Jahren Alltagsmaterialien in Objekte und Installationen verwandelt. Nun trauern Kunst- und Theaterwelt: Nach kurzer, schwerer Krankheit ist die Objekt- und Bühnenkünstlerin am Montag im Alter von 64 Jahren in Stuttgart gestorben.

Stuttgart - In gebeugter Haltung schreiten drei ­Gestalten über die in kaltes Licht getauchte, kahle Erde. Ihre Körper sind in den der Raumfahrt entlehnten Anzügen kaum zu erkennen. Statt der Arme suchen bewegliche Spiralen nach den Fäden, mit denen sie die Weltkugel umspannen können. Noch Bühnenbild oder schon Regie? Es ist eine Frage, mit der sich die Stuttgarter Objekt- und Bühnenkünstlerin Rosalie immer wieder konfrontiert sieht.

Die Szene der drei Nornen, deren Fäden schließlich reißen – Symbol des verlorenen Schutzes der Welt durch die Götter –, eröffnet 1994 zum Finale der Neuinszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ durch Alfred Kirchner und Rosalie (Ausstattung) die „Götterdämmerung“. Ein Bild aus einem zeitlichen und örtlichen Nirgendwo – und doch werden die Katastrophen im „Ring“-Finale angedeutet, erweist sich die Kunst als stark genug, um mit Materialien und ästhetischen Mitteln ihrer eigenen Zeit durch einen Stoff des 19. Jahrhunderts ­Aussagen über eine mögliche Zukunft ­machen zu können.

Der Schluss der „Götterdämmerung“ konfrontiert das Publikum mit dem Nichts. Ende und Anfang zugleich, lässt sich die ­Wiedergewinnung des Lebens verfolgen, das Staunen der Menschen über einfachste natürliche Regungen. Es ist ein Moment, der wie kaum ein anderer die Energie begründet, mit der Rosalie seit Ende der achtziger ­Jahre und erlebbar unter anderem durch Ausstellungen in der Stuttgarter Galerie Rainer Wehr die Welt auch mit Dichtungsringen oder Bürstenenden zum Blühen bringt.

1953 in Gemmrigheim geboren

Auf den selbst inszenierten Nornen- Schrecken antwortet Rosalie, die eigentlich Gudrun Müller heißt, mit mitunter galoppierender Heiterkeit. Sie malt mit Granulat und lässt 1998 in Düsseldorf mit den „Flossis“ erstmals jene Wesen aus dem Rhein ­steigen, deren Erfolg zuweilen die Sicht auf den Kern des Schaffens verstellt. So braucht es dieses Mal die Bühne, um das Licht – und damit die Farbe – auf neuen Wegen durch den Raum zu führen.

Bereits in Bayreuth experimentiert ­Rosalie mit Lichtleitfasern, 760 Kilometer des neuen Materials der ­Telekommu­nikation nutzt sie erstmals für die Bühne. Doch erst zwölf Jahre später ist Rosalie so weit, Lichtleitfasern Figurationen werden zu lassen. Staatsschauspiel Stuttgart und Kammerorchester präsentieren in Rosalies Lichtgeflechten am 31. Dezember 2006 die Projekte „Verklärte Nacht“ und „Pierrot lunaire“. Und eilends geht es weiter: Für die Biennale in Sevilla entwickelt ­Rosalie 2008 ihr bis dahin größtes Lichtgeflecht: „Helios – La Nube Luminosa“. Ein Mammutprojekt, das auch inhaltlich Rückendeckung und Reibung braucht. Beides bietet seit 2006 Peter Weibel. Der Präsident des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe räumt einen Lichthof des ZKM für die ­Installation von „Hyperion_Fragment“ und fördert Rosalies Arbeit mit dem Licht auch danach noch weiter. ­

Sevilla, Tokio, Mailand, Bayreuth – Rosalie, zudem mit einer Professur an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach betraut, ist nahezu ständig unterwegs. „Heimat ist für mich überall, wo ich mich gerade aufhalte“, sagt sie. Und doch bleibt das Besondere. 1953 in Gemmrigheim geboren, schätzt sie noch immer den eigenen Charakter der Landschaft dort, „den Duft der Wiesenblumen, die Farben der Obstbäume“. Stuttgart wiederum „bleibt der Ausgangspunkt“. Hier ist ihr Atelier, von hier aus startet sie zu ihren Projekten. Wie 1992 nach Bayreuth.

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