Die Ukraine erwehrt sich mit westlicher Hilfe eines mörderischen Angriffs von Seiten Russlands. Der Westen muss seinen Pazifismus hinterfragen. Und die Kirche schwankt zwischen Friedenssehnsucht und Entschlossenheit, das Mögliche zu tun.
Frieden auf Erden. Das ist die Weihnachtshoffnung in aller Kürze. In diesem Jahr ist sie besonders ohrenbetäubend. Die Sehnsucht nach Frieden auf dieser Welt und in Europa, in der Ukraine, ist so groß wie die Ratlosigkeit, wie dieser Friede endlich gelingen kann. Längst ist deutlich, dass ein schnelles Ende des russischen Angriffskriegs nicht in Sicht ist. Ist der Satz „Frieden schaffen ohne Waffen“ noch mehr als ein Satz für Weihnachtspredigten?
Nicht nur die politischen Debatten darüber, wie auf die Aggression Wladimir Putins angemessen zu reagieren ist, drehen sich seit Ende Februar je länger desto mehr im Kreis. Auch die kirchliche und theologische Friedensethik steht durch den Angriffskrieg auf die Ukraine vor neuen Fragen. Nicht, weil plötzlich nicht mehr gilt, was einmal getragen hat, sondern weil wir ethische Positionierungen immer wieder daraufhin befragen müssen, ob sie noch angemessen sind und ob sie angesichts der konkreten Situationen und Kontexte Bestand haben. Die Situation in der Ukraine ist komplex, weil die Akteure im Krieg mehr sind als Russland und die Ukraine.
Die Vision vom Frieden entspricht nicht immer der Realität
Der Friede, von dem an Weihnachten geredet und gesungen wird, ist umfassender Friede, Shalom. Wohlergehen für alle, das Schweigen der Waffen, Friede im Kleinen zwischen Menschen. Das ist eine Vision, die auf Erden immer nur in Teilen Wirklichkeit ist. Zu deutlich sehen wir, dass umfassendes Wohlergehen und genügend zu essen für alle, Frieden und das Schweigen der Waffen nicht der Realität entspricht. Aus christlicher Sicht ist die Aufrichtung dieses umfassenden Friedens Gottes Sache. Am Shalom orientiert sich das politische und gesellschaftliche Engagement für den Frieden. Er ist die Orientierung für unser Nachdenken über den Frieden und das Engagement für den Frieden. Die Vision des Friedens, von dem die biblischen Texte sprechen, verändert die Wirklichkeit und ist der Orientierungsrahmen für das friedensethische Nachdenken.
Wir brauchen auch in Sachen des Friedens die Kraft der Unterscheidung. Dazu gehört der Blick darauf, was unsere Verantwortung ist, aber auch die realistische Wahrnehmung der Grenzen dessen. Als Kirche bezeugen wir in dieser Gesellschaft und in dieser Welt die Verheißungen, die weit über das hinausgehen, was in unserer Gestaltungsmacht steht. Wir sind als Christen im weiten Horizont der Friedensverheißungen der Engel von den Feldern in Bethlehem aus der Weihnacht unterwegs. Mit der Verheißung des großen Friedens im Ohr sind wir realistisch und bescheiden und gehen mutig und demütig Schritte hin zum Frieden, wissend um die Begrenztheit unserer Bemühungen und die Möglichkeit, dass auch die verheißungsvollsten Ansätze scheitern können.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir uns aus der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung zurückziehen. Es bedeutet aber sehr wohl, dass wir ehrlich und selbstkritisch unsere Haltung, unsere Sprache und unsere Überzeugungen daraufhin überprüfen, wo sie zur Ideologie zu werden drohen.
Aus christlicher Sicht stellen wir uns den humanitären Folgen des Krieges: Flucht und Vertreibung, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Menschenhandel, sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen und Menschen mit anderer geschlechtlicher Orientierung. Diese Sicht hat ihren Grund in der Parteilichkeit Christi für die von Gewalt Betroffenen, für die Mühseligen und Beladenen.
Die Kirche muss der Ideologisierung entgegentreten
Immer geht es um die Perspektive, von der aus formuliert wird, was dem Frieden dient. Die Forderung nach und der Einsatz für Gewaltlosigkeit sind ein starkes Signal, wenn sie von denen kommen, die von Gewalt unmittelbar betroffen sind. Sofern wir nicht unmittelbar betroffen sind, kann unsere Aufgabe nicht darin bestehen, den Bedrohten Gewaltlosigkeit nahezulegen und ihnen das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Aber wir tun alles, um die Kräfte zu stärken, die dem Frieden dienen, die Gewaltlosigkeit wagen und die sich auf Schritte der Versöhnung machen. Das beinhaltet auch, klar zu benennen: Krieg widerspricht Gottes Willen!
Neben den konkreten Gefahren des Krieges und der Waffengewalt ist in den Debatten über den Krieg und in den Reaktionen auf das, womit wir nicht erst seit dem 24. Februar 2022 konfrontiert sind, immer wieder eine Form der Ideologisierung zu beobachten. Friedensethik und theologische Reflexion haben die Aufgabe, solche Ideologisierungen aufzudecken und mit dem scharfen und zweiten Blick auf die Komplexitäten, die Dilemmata und auch auf die Ratlosigkeit zu sehen und ihr einen Raum zu geben.
Wie gelingt ein Zusammenleben in pluralen Gesellschaften?
Das gilt auch für die Rede von der Zeitenwende. Deren ideologischen Gehalt gilt es klar und deutlich zu kritisieren. Mit seiner Rede hat der Bundeskanzler im März eine radikale Neuorientierung der deutschen Sicherheits- und Außenpolitik gefordert. Auch vonseiten der theologischen Ethik wurde der Begriff immer wieder aufgenommen, ergänzt um die Einschätzung, dass die Friedensethik insgesamt und die Orientierung einer am Primat friedenslogischer Optionen orientierten Haltung gescheitert sei.
Zugleich begegnet in den politischen Argumentationsmustern immer wieder die Rede von einer „Verteidigung der westlichen Werte“. Eine solche Ideologisierung erschwert die nüchterne sachliche Debatte.
Die Frage kann nicht sein, welches Wertesystem gewinnt. Vielmehr muss unsere Frage sein: Wie kann es gelingen, dass Frieden und Versöhnung ein Zusammenleben in einer diversen und pluralen, demokratischen Gesellschaft ermöglichen? Dessen Stärke zeigt sich darin, dass unterschiedliche Wertesysteme in konstruktiven Streit miteinander eintreten und dass um zukunftsfähige Antworten auf gegenwärtige Fragen gerungen wird.
Friedensethik muss ich auch der Ratlosigkeit stellen
Dem Gedanken eines Scheiterns der bisherigen Friedensethik liegt die Vorstellung zugrunde, Friedensethik müsse sich siegreich durchsetzen oder eben scheitern. Eine solche Vorstellung übersieht, dass auch und gerade das Arbeiten am Frieden sich in tastenden, mutig experimentierenden und auf langatmige Prozesse setzenden Wegen vollzieht. Zwischen „Nie wieder Krieg!“ und „Nie wieder Faschismus!“ liegen die Optionen der ethischen und politischen Debatten. Auch die Dilemmata liegen je länger desto mehr vor unseren Augen. Klar ist: Der Bruch des Völkerrechts und die brutale Missachtung der Menschenrechte durch Russland dürfen keinen Erfolg haben. Ebenso klar ist: Die militärische Gewalt bringt jeden Tag neuen Tod und Zerstörung und schafft keinen Frieden.
Wir brauchen den Mut zur Demut in der gegenwärtigen Situation. Friedensethik ist stark, wenn sie Dilemmata nicht vorschnell auflöst, sondern benennt und dennoch auf dieser Basis erarbeitet und dafür eintritt, was den Frieden fördert und ihm dient. In einer Bedrohungssituation wie der, die wir erleben, stellt sich die Frage, ob der Einsatz militärischer Gewalt zur Abwehr der russischen Aggression moralisch gerechtfertigt ist.
Das zweite Dilemma besteht in der Frage, ob es moralisch gerechtfertigt ist und wenn ja, in welcher Form, den Abwehrkampf durch ausländische Regierungen zu unterstützen.
Gesprächskanäle müssen genutzt werden
Das dritte Dilemma besteht darin, ob die Kirchen aus moralischen Gründen das militärische Handeln unterstützen oder sich auf diplomatische Friedensbemühungen und zivile Hilfe für in Notlage geratene Menschen konzentrieren sollen.
Der weite Horizont der Hoffnung auf den umfassenden Frieden bietet den Rahmen dafür, auch angesichts der Dilemmata das Mögliche zu tun. Dazu gehört humanitäre Hilfe für die Menschen, die von Krieg und Gewalt getroffen sind. Dazu gehört auch, die Gesprächskanäle zu nutzen, die es beispielsweise im Rahmen der Kirchen gibt, um die Kräfte zu stärken, die sich für gewaltfreie Konfliktlösungen einsetzen und die nach dem Ende des Krieges zum Aufbau einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft beitragen können. Auch friedenspädagogische Projekte und Friedensforschung gehören zu den Schritten auf dem Weg des gerechten Friedens. Dass auch verheißungsvolle Ansätze scheitern können, führt zu Realismus, darf aber keinesfalls dazu führen, nicht alles in unserer Macht Stehende zu tun, um zum Frieden beizutragen.
Im Blick auf den gesellschaftlichen Diskurs brauchen wir den Mut für eine neue Kultur der Ratlosigkeit. Sie steht einer verletzlichen Kirche und Gesellschaft gut zu Gesicht, weil damit neue Zwischenräume für einen realistischen Blick auf die Komplexität der Lage entstehen. Es geht nicht darum, schulterzuckend zu schweigen. Aber eine theologisch begründete Kultur der Ratlosigkeit öffnet den Blick dafür, dass politische Entscheidungen unter dem konkreten Handlungsdruck immer auch Entscheidungen bleiben, die nicht frei von Schuld sind.
Es ist Aufgabe der Kirche, an der Hoffnung festzuhalten
In den Gesprächen in der weltweiten Ökumene und in der kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Ideologisierungen jeder Couleur haben wir gelernt, dass der eigene theologische, kirchliche und persönliche Standpunkt sich einem Kontext verdankt und damit notwendig begrenzt ist. Die Wahrheit – auch das, was moralisch richtig ist – liegt nicht vollständig in unserer Hand. Wir entdecken sie, wir suchen nach ihr und ringen um sie, aber sie ist immer größer als wir selbst.
Die konkreten Herausforderungen angesichts des Krieges in der Ukraine und die Spannung zwischen der Hilfe für die von Gewalt Bedrohten und Betroffenen und dem Festhalten an der Kraft gewaltloser Konfliktlösungen und die damit verbundenen Dilemmata lassen sich nicht schwarz-weiß auflösen. Deswegen geht es auch um den Mut, zu dieser Unauflöslichkeit zu stehen, der Ratlosigkeit Raum und Worte zu geben, Gottes Bewegung in die Welt wahr- und aufzunehmen und dann nach Kräften das Friedensdienliche zu tun.
Vor diesem Hintergrund liegt unser Hauptaugenmerk darauf, die Kräfte zu stärken, die dem Frieden dienen, die Gewaltlosigkeit wagen und die sich auf Schritte der Versöhnung machen. Wir haben es mit unterschiedlichen Gewaltkonstellationen zu tun, die wir als Kirche in den Blick nehmen müssen. Wir stehen an der Seite von Opfern von Gewalt. In all dem ist es die Aufgabe der Kirche, am Überschuss der Hoffnung festzuhalten und diesen Ton in die gesellschaftlichen Debatten hineinzubringen. Es geht darum, realistisch, differenziert und nüchtern hinzusehen, wo himmelschreiende Gewalt geschieht, und realistisch zu sehen, wo die Grenzen unserer Verantwortungs- und Machtsphäre liegen. Realismus im theologischen Sinn bedeutet aber auch, darum zu wissen, dass das, was uns trägt, größer ist als unsere Vernunft, unsere Erkenntnis und unsere Verantwortung.
Wege der Versöhnung sind möglich
Wir werden den umfassenden Frieden nicht schaffen. Es gibt keine direkte Linie von der Vision des umfassenden Friedens zu einem Maßnahmenkatalog. Aber die konkreten Schritte in unserem Verantwortungsbereich sind an der Vision von Frieden und Gerechtigkeit orientiert. Unsere Aufgabe ist es, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Gesprächskanäle offenzuhalten, denen, die um friedliche Lösungen ringen, den Rücken zu stärken, konkrete humanitäre Hilfe zu leisten, Traumatisierten und Geflüchteten sichere Räume und Zuflucht zu gewähren und so den Boden dafür zu bereiten, dass Wege der Versöhnung entstehen. Damit es eine Zeit nach dem Krieg gibt, in der der Friede eine Chance hat. Eine Zeit, in der die Weihnachtsvision wahr wird, die wir in diesem Jahr mit besonders offenen Ohren und Herzen hören: Friede auf Erden!