In einigen Orten wird künftig nicht mehr jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert.Foto:factum/Bach Foto:  

Die evangelische Kirche muss weiter sparen – auch Pfarrer. In den fünf Dekanaten im Landkreis Ludwigsburg werden zusammen so viele Stellen gestrichen, wie der Strohgäu-Bezirk heute Stellen hat. Das Dekanat Ditzingen trifft es prozentual am stärksten.

Ludwigsburg - Bei diesen Zahlen muss nicht nur derDitzinger Dekan Friedrich Zimmermann, sondern jeder seiner vier Amtsbrüder und jeder der mehr als 120 Pfarrer im Landkreis tief schlucken: Die evangelische Landeskirche will, dass in den nächsten sieben Jahren alleine im Kreis Ludwigsburg 19 Pfarrerstellen gestrichen werden – also fällt bis Ende 2024 praktisch der heutige Bezirk Ditzingen weg. So viele Stellen, auf 100 Prozent gerechnet, haben jetzt die 13 Kirchengemeinden im Strohgäu. „Die Zahlen sind ganz schön herb“, sagt Friedrich Zimmermann, „auf uns kommen andere Zeiten zu.“ In seinem Bezirk sind vier Stellen zu streichen, gleich 21 Prozent. Dies ist der höchste Wert unter den Flächendekanaten in Württemberg. Nur Stuttgart-Bad Cannstatt, -Degerloch und -Zuffenhausen trifft es noch härter.

All dies steht im sogenannten „Pfarrplan 2024“ der Landeskirche. Dieses Sparkonzept wird vor allem durch den Rückgang der Mitgliederzahlen ausgelöst: Jedes Jahr sind es rund 1,5 Prozent weniger Gläubige. Dadurch fehlt viel Geld. Der Oberkirchenrat (OKR) in Stuttgart plant langfristig, obwohl zur Zeit die Kirchensteuereinnahmen auf Rekordhöhe sind. Denn es ist eine Pensionierungswelle unter den Pfarrern in Sicht, und es streben weniger Theologiestudenten ins Pfarramt. Deshalb, so die Kirchenleitung, seien Kürzungen nötig. Wie diese umgesetzt werden, ist Sache der Basis. Die Dekanate bekommen nur Zielzahlen – diese sind bekannt (siehe Info), sie sollen durch einen Beschluss der Landessynode am 18. März unverrückbar werden.

Den meisten Dekanen ist eines klar: ohne Veränderungen der Strukturen, sprich der Gemeindegrößen und -grenzen, werden die Kürzungen nicht umzusetzen sein. Für Vorschläge sind überall Gremien eingerichtet. Denn es könne nicht sein, meint Zimmermann, dass man einfach ein paar 100-Prozent-Stellen auf 75 Prozent oder die Hälfte kappe. Denn Teilzeitstellen seien sehr unattraktiv. Wird ein solches Pfarramt frei, gibt es häufig keine Bewerber. „Es muss das Ziel sein, attraktive Stellen zu schaffen“, meint Zimmermann – das heißt, durch Zusammenlegungen neue Vollzeitstellen zu erreichen. Die man beim Ruhestandseintritt eines Pfarrers oder dessen Wechsel wieder rasch besetzt bekommt.

Ein Pfarrer für zwei Gemeinden möglich

Das kann in der Konsequenz aber auch bedeuten, dass die Gemeinden zwar so bleiben, wie sie sind – dass aber beispielsweise zwei Gemeinden einen gemeinsamen Pfarrer haben. „Wir müssen wegkommen vom ,nur-uns-sehen’“, sagt Zimmermann. Und dabei blickt er auf Ditzingen mit seinen Stadtteilen und den noch verschiedenen vier Gemeinden, auf Gerlingen mit seinen drei Gemeinden und auf Korntal-Münchingen als Ganzes.

Die Angst in manchen Gemeinden, die eigene Kirche bleibe künftig zu, teilt der Ditzinger Dekan nicht. Die Pfarrer müssten sich auf sonntägliche Doppeldienste einstellen – in der einen Kirche etwa um halb zehn, im Nachbarort dann um elf Uhr – und die Gemeindeglieder dürften es nicht mehr „als Desaster ansehen, wenn der Gottesdienst nicht mehr jeden Sonntag in meiner Kirche ist“. Wenn der Hunger nach Gemeinschaft und Gottes Wort groß sei, meint der 60-Jährige, „dann fahre ich auch ein paar Kilometer“. Die Leute würden heute das Auto nehmen zum Einkaufen, zum Sport und zum Musikverein – „nur beim Gottesdienst tut man sich schwer“.

Die Fusion von Kirchengemeinden gebe es seit Jahren, sagt der Ludwigsburger Dekan Winfried Speck – zum Beispiel in der Ludwigsburger Weststadt oder in Remseck. Die Kooperation als Gesamtkirchengemeinde sei in der Kreisstadt gang und gäbe, in Kornwestheim seien alle früheren Gemeinden zusammengeschlossen. „Wir wollen in einen breiten Prozess des Miteinanders“, so Speck, „es gibt verschiedene Wege und noch keine offizielle Generalidee.“ Teilzeitstellen hält Speck in größeren Gemeinden für möglich, als Einzelpfarramt eher für schwierig. In seinem Dekanat sei der Mitgliederverlust nicht so stark wie anderswo – es gebe viele Neubaugebiete, zum Beispiel in Grünbühl. Speck sieht ein „hartes Stück Arbeit“ und ein „hartes Ringen“.

Ein „schwerzlicher Prozess“ sei die Streichung von 3,75 Stellen im Bezirk, meint der Besigheimer Dekan Eberhard Feucht. Über die Aufgaben des Pfarrers müsse man neu nachdenken, ebenso darüber, was von hauptamtlichen Diakonen und Jugendreferenten, aber auch von ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet werden könne. Der Pfarrer könne durch eine Aufstockung des Sekretariats entlastet werden, und er müsse auch nicht der Chefredakteur des Gemeindebriefes sein. Auch könne man ehrenamtliche Prediger und Ruhestandpfarrer um mehr Dienste bitten. „Pfarrplan heißt nicht, dass eine Kirchengemeinde ihre Identität aufgeben muss.“

Zentrale Gottesdienste

Eine „sehr, sehr große Herausforderung“ sieht der Vaihinger Dekan Reiner Zeyher. „Wir müssen ganz neu denken“ – zumal der nächste Pfarrplan bis 2030 bereits angekündigt sei. Auch er sieht die Notwendigkeit, größere Einheiten ins Auge zu fassen. „Jedem ist bewusst, dass dies eine große Herausforderung für alle ist.“ Zentrale Gottesdienste würden Realität. Zeyher sieht den Nutzen der ehrenamtlichen Prediger – es könne allerdings nicht das Ziel sein, mit diesen „Lücken zu stopfen“.

Die Ziele könne man nicht anders erreichen als durch Zusammenfassen, meint der Marbacher Dekan Heinz-Werner Neudorfer. „Ich hatte gedacht, dass es nicht ganz so dick kommt.“ In seinem Bezirk sind bis 2024 dreieinviertel Stellen zu kürzen – und vorher, als Altlast des gültigen Pfarrplanes 2018, nochmals zwei halbe Stellen. Großbottwar und Winzerhausen seien schon zusammengeschlossen, ebenso Höpfigheim und Kleinbottwar, Marbach und Rielingshausen seien im Gespräch.

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