Mond über Unterriesingen und Oberriesingen – Szene aus „Die Kirche bleibt im Dorf“ Foto: Theater

Als Fernsehserie war „Die Kirche bleibt im Dorf“ beim Publikum sehr beliebt. Wird die Esslinger Landesbühne, wo Christine Gnann das schwäbische Volksstück jetzt inszeniert hat, an diesen Erfolg anknüpfen können?

Stuttgart - Manche Quellen der Lachkultur scheinen unerschöpflich zu sein: Karl Rossbauer aus Unterrieslingen kommt liebend gerne zur Maria Häberle nach Oberrieslingen, obwohl die Familien miteinander verfeindet sind. Sie sind Romeo und Julia auf dem Dorfe, wobei zur Familienfehde der schwäbischen Capulets und Montagues sich die Tatsache gesellt, dass es nur in Oberrieslingen eine Kirche und nur in Unterrieslingen einen Friedhof gibt. Als ein Amerikaner anreist, um die Kirche zu kaufen, ist die Exposition komplett und der Krimi – was will der Fremde mit der Kirche, wieso ist sie ihm zehn Millionen wert? – kann beginnen. Vor zwei Jahren betrat der „Sheriff von Linsenbach“ in Begleitung von Wieland Backes die Bühne des Esslinger Landestheaters, jetzt also heißt es ebendort „Die Kirche bleibt im Dorf“. Abermals liegt die Regie in den Händen von Christine Gnann, die auch schon für die ersten zwei Folgen der für die Landesbühne adaptierten Hörspielreihe „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“ verantwortlich war.

Schirmers Strategie der Rückeroberung

Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, dass derIntendant Friedrich Schirmersich bloß dem allgemeinen Trend anschließt, nicht nur Romane und Spielfilme, sondern sogar Fernsehfilme für die Bühne bearbeiten zu lassen und sich so, parasitär, auf erprobten Erfolgen auszuruhen. Es ist aber auch eine andere Interpretation möglich. Die Lokalposse, ein im 19. Jahrhundert vorwiegend im süddeutschen Raum verbreitetes und beliebtes Theatergenre, auch das Volksstück und das Bauerntheater haben ihre Stoffe weitgehend an das demokratische Medium des Fernsehens abgegeben. Wenn Schirmer es ernst damit meint, dass er Theater für die Region machen und nicht unbedingt mit dem nur fünfzehn Kilometer entfernten Staatstheater konkurrieren will, erweist es sich als plausible Strategie, aus dem elektronischen Medium zurückzuholen, was durch das Kollektiverlebnis im Theaterraum eine eigene Kraft entwickelt. Im Fernsehen hat sich Ulrike Grotes Film „Die Kirche bleibt im Dorf“ von 2012 zu einer 24-teiligen Serie erweitert. Jetzt reisen die Protagonisten mit der Landesbühne leibhaftig dorthin, wo ihre Geschichte spielt: in die schwäbische Provinz.

Der blutende Taufengel

Reinhold Ohngemach – er hat auch in vier Folgen der Fernsehserie mitgewirkt – spielt Gottfried Häberle, den Bürgermeister von Oberrieslingen, und bildet das Zentrum der Inszenierung. Er beherrscht den Stil des Volkstheaters und verkörpert den Typus des – zu Recht oder Unrecht – als stur imaginierten schwäbischen Bruddlers. Sein Gegenspieler ist der von Peter Kaghanovitch verkörperte, sich über den geblähten Bauch streichende Pfarrer Schäuble. Als gebürtiger Schweizer ist er nicht der Einzige im Ensemble, der das Schwäbische unüberhörbar als Fremdsprache spricht. Bei einem Genre, in dem der Dialekt konstitutiv ist, irritiert das doch. Die Zweiteilung der Personenkonstellation setzt sich im Bühnenbild von Judith Philipp fort. Links das nicht sehr einladende Gasthaus der Häberles, rechts die nur durch Konturen angedeutete Kirche. Aus dem Schnürboden senkt sich Taufengel herab, der aus der Nase blutet: „Mir henn a Wondr!“ Und während die Fernsehserie die Stars der Rockgeschichte von den Beatles bis zu Bruce Springsteen ausbeutet, bedient sich die Theaterfassung in heimischen Gefilden. Auf eine armselige Version von „Are You Lonesome Tonight“ möchte man dann gerne verzichten. Für Elvis Presley ist in diesem schwäbischen Kirchendorf kein Platz.

Das Resümee? Ein Geniestreich ist „Die Kirche bleibt im Dorf“ nicht. Die Komik hält sich in Grenzen, nach einem tieferen Sinn sollte man nicht allzu verbissen suchen. Wer lachen kann, wenn ein Amerikaner „noi“ als Gegenteil von „alt“ versteht, wird an der Aufführung seinen Spaß haben. Für die Übrigen bleiben ein paar Momentaufnahmen wie der minimalisierte Traktor, der mit einer Sau über die Bühne fährt und mit Würsten zurückkehrt.

Aufführungen am 16. und 19. Dezember in Esslingen.

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