Die Kelly Family in der Schleyerhalle Kelly-Nostalgie: Alte Zeiten in leicht neuer Form

Von Thomas Morawitzky 

Die Kelly Family war ein Phänomen der 1990er Jahre. Nach langer Pause haben sich sieben der Geschwister wieder zusammengefunden, beschwören die Gefühle von einst wieder herauf. In Stuttgart traf die Band auf 10.000 Fans.

Stuttgart - Alle, die die Hanns-Martin-Schleyerhalle restlos füllen, am Samstagabend, haben ihre Erinnerungen mitgebracht, an die singende Familie, die vor 20 Jahren ihre Herzen und die Hitparaden eroberte. Auch Angelo, Jimmy, Joey, John, Kathy und Patricia, jene Geschwister, die sich nun wieder zusammengeschlossen haben und auf Tournee sind, erinnern sich. „Ihr Lieben!“, ruft Patricia Kelly hinaus, „Wir freuen uns, wieder in dieser verdammt super Stadt zu sein!“

„In Stuttgart“, gesteht Patricia Kelly, „habe ich meinen ersten Kuss bekommen.“ Freilich, fügt sie hinzu, sei es bei einem Kuss geblieben, damals, als die Familie im grün-roten Doppeldeckerbus durchs Land zog, in Fußgängerzonen spielte. Ihr Bruder Jimmy, zwei Jahre jünger als sie, erinnert sich nicht oder ganz anders an die Stadt. „Stuttgart?“, sagt er, überlegt, zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf. Doch dann fällt ihm etwas ein: jene Wette, die er in Dublin verlor, wegen der er sich sein langes Haar abschnitt. Der Vater, Dan Kelly, erfuhr vom Haarschnitt unmittelbar vor einem Konzert, das die Familie auf dem Cannstatter Wasen für 80 000 Zuhörer geben sollte. „Damals“, sagt Jimmy, „waren die langen Haare unser Markenzeichen.“

Im September 1997 fand dieses Konzert vermutlich statt; „zwei Spezialisten“ erinnert sich Jimmy, sorgten dafür, dass der plötzlich kahle Sänger wieder aussah wie ein echter Kelly: „Ich musste eine Perücke tragen!“ Die hüftlangen Haare der Jungen waren es, die Kleider vom Flohmarkt, das Leben der Großfamilie auf einem Schiff im Kölner Hafen, die Geschichten von der Straße, die die Kelly Family Mitte der 1990er Jahre zum eigentümlichsten Medienphänomen ihrer Zeit werden ließ.

Die Leiden von damals sind vergessen

Ein Teil der Jugend tanzte zu Technorhythmen, ein anderer zum Hiphop, ein dritter gab sich Grunge und Metal hin – und Scharen Jugendlicher, Mädchen vor allem, schwärmten für eine Gruppe, die anmutete wie eine Inkarnation der braven US-Serie „Unsere kleine Farm“ aus den 1970er Jahren. Der Erfolg der Kellys war verblüffend, für manche auch verstörend; ihr Eskaptismus füllte Stadien spaltete das Publikum, sorgte für Spott.

Die Familie selbst begann unter ihrem Erfolg zu leiden, zog sich zurück. Vater Dan Kelly starb 2002 in Köln; die elf Kinder, die mit ihm bisweilen auftraten, gingen ihre eigenen Wege, auch das gepflegte Bild der heilen Welt im Abseits der Konsumgesellschaft begann zu bröckeln.

Die sieben Kellys, die nun in Stuttgart auf der Bühne stehen, scheinen all dies vergessen zu haben. Oder denken nur mit milder Ironie daran zurück. Es ist ein Abend des Wiedersehens, Wiedererkennens. Die Idole sind gealtert – Kathy ist nun 54 Jahre alt, Paul, wie sie ein Kind aus Dan Kellys erster Ehe und nur in frühen Jahren mit der Familie unterwegs, ist 53, hat einen langen Soloauftritt als Sänger und Drehleierspieler. John ist 50, Patricia 48, Jimmy steht kurz vor seinem 47. Geburtstag, Joey ist 45, Angelo, einst das Nesthäkchen, ein Star noch vor dem Stimmbruch, ist füllige 36 Jahre alt, trägt das Haar noch lang und lässt es fliegen, wenn er sich ans Schlagzeug setzt und aufregend darauf donnert.

Gereifte Persönlichkeiten

Dan Kelly war US-Amerikaner mit irischen Wurzeln; seine Kinder kamen in den USA oder in Spanien zur Welt, lebten an vielen Orten Europas, lange in Deutschland. Sie plaudern mit ihren Fans in der Schleyerhalle locker und in flüssigem Deutsch, singen ihre Lieder auf Englisch, Spanisch und Französisch: „Une famillie c’est une chanson“. Ein neues Album der Kelly Family erschien im Frühjahr 2017 – es enthält alte Hits in neuen Arrangements sowie neue Songs. Und so funktioniert auch das Konzert in der ausverkauften Schleyerhalle: großzügig schöpfen die Kellys aus der Vergangenheit, präsentieren sich dabei aber, so viele Jahre später, als gereifte Persönlichkeiten. Patricia pflegt einen rustikal karierten Look, ihre Geschwister dagegen haben auf die eine oder andere Weise den Glamour für sich entdeckt. John tritt zunächst mit einem goldenen Zylinder auf.

„Why Why Why“, der Kelly-Hit von 1995, kommt früh schon, Joey spielt dazu die wilde E-Gitarre, gibt auch späterhin den Solisten und den bösen Buben, tobt, schlägt die Saiten, zeigt seine Zähne. „Keine Angst, er ist nicht so böse, wie er tut“, sagt einer seiner Brüder. Eine Vorbühne zieht einen weiten Kreis in die Halle, schließt einen Teil des Publikums ein. Flammen schießen auf, Konfetti regnet herab, Wellen blauen Wassers irrlichtern über den Bühnenboden, auf der Bildwand mischen sich Vergangenheit und Gegenwart.

Irgendwann wird auch geschunkelt

Zu Beginn des Konzertes werden die Kellys von sechs versierten Musikern begleitet; später treten sie als Geschwister dort hinaus, nahe an ihr Publikum, begleiten sich selbst. Sie spielen auf akustischen Instrumenten, Akkordeon, Gitarre, Trommel, Mundharmonika, sie singen, sie tanzen. Sie beschwören ihre irischen Wurzeln herauf und vierblättriger Klee dreht sich hinter ihnen.

„An Angel“, 1994 auf Platz 2 der deutschen Hitparade, wurde einst gesungen von Angelo und Paddy Kelly – nun beginnen John und Angelo das Stück, Patricia und Kathy steigen ein, die Geschwister finden zusammen, die Halle singt selig mit. Irgendwann dann schunkelt auch das Publikum. Der Kelly Family gelingt es im Jahr 2018, die alten Gefühle zu erneuern, noch einmal Gospel, Folklore, Pop und Schlager, die Rock-Pose und die schmelzende Ballade zusammenzubringen. Ihr Publikum hat erlebt, wie sie erwachsen wurden und träumt mit ihnen noch einmal seinen liebsten Traum.

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