Regina Kemle im Hof der Wohnung des Schlossverwalters: Die schönen Pflanzen muss sie übrigens nicht selbst gießen, das macht die Schlossverwaltung. Foto: Horst Rudel

Regina Kemle wohnt im Schloss Ludwigsburg. Ihre Gäste staunen immer wieder über ihren ungewöhnlichen Wohnort. Die vielen Touristen stören sie nicht. Nur der Pizzabote hat manchmal Probleme mit der Adresse.

Ludwigsburg - Es ist das beste Smalltalk-Thema für jede Party. Regina Kemle muss nur einmal unverbindlich etwas in die Runde werfen wie „Ich wohne im Schloss Ludwigsburg“, und schon hat sie die Aufmerksamkeit aller. So prunkvoll, wie man sich das nun vorstellt, mit Kronleuchtern an der Decke und knarzendem Eichenparkett am Boden, ist es aber nun doch nicht. Kemle möchte mit ihrer Wohnung ja auch keinen Eindruck schinden. Und dennoch: „Unsere Gäste sind jedes Mal total beeindruckt“, sagt die 56-Jährige.

Genau genommen wohnt Kemle aber gar nicht im Schloss, sondern nebenan: in der ehemaligen Wohnung des Kastellans, also des Schlossverwalters. Sie wurde 1725 symmetrisch zur Schlosswache als Randbebauung des hinteren Schlosshofes errichtet. Das Gebäude gehört also zu den ältesten der Stadt – was auch Vorteile hat: „Der Mietspiegel der Stadt orientiert sich am Alter des Gebäudes. Er reicht aber nur 100 Jahre zurück“, sagt Kemle.

Ein echtes Schnäppchen in Anbetracht der Lage

Wie viel ihr Vermieter – der Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg – von ihr monatlich verlangt, will sie nicht genau sagen. Nur so viel: In Anbetracht der Lage und des hervorragenden Zustands der Wohnung ist es ein Schnäppchen. „Wir haben hinter uns das Blühende Barock und vor uns die Innenstadt“, schwärmt Kemle.

Da sei man auch gerne bereit, über gelegentliche Nachteile der exponierten Lage hinwegzusehen. Beispielsweise, wenn allzu neugierige Touristen in die Küche lugen. „Einmal stand ein Chinese bei uns im Hausgang und wollte etwas wissen“, erzählt ihr Lebensgefährte Karl Schwarz. Und oft nutzen Hochzeitspaare die idyllische Kulisse der Wohnungsfront mit den Weinreben und den barocken Bögen für Fotos vor Kemles Haustür. „Aber da sind wir sehr kooperativ“, sagt sie. Einmal musste Kemle einen eingeschüchterten Pizza-Boten beruhigen, der angesichts der Adresse wohl zuerst mit einer Scherzbestellung gerechnet hatte.

Einmal stand ein Chinese im Hausflur

Kemle ist aber nicht nur Bewohnerin, sondern auch so etwas wie eine Botschafterin des Schlosses. Viele Jahre gab sie, verkleidet als Mätresse Amanda, Kostümführungen im Schloss. So kam sie auch an die Wohnung, die früher nur für Bedienstete des Schlosses verfügbar war. Sie gibt heute zwar auch noch Führungen, aber nur noch viermal im Jahr. Nun ist es eine Themenführung zu Frauen im Schloss.

Sollte Kemle, die ihre Brötchen heute mit computerunterstütztem Zeichnen verdient, auf ihrem Weg in die Wohnung im Schlosshof aber einem recht verloren dreinschauenden Touristen begegnen, würde sie den auch nicht einfach stehen lassen. „Mir als Schlossführerin macht es einfach extrem Spaß, zu erklären und zu helfen“, sagt Regina Kemle.

Der Flur ist 15 Meter lang

Seit 2014 wohnt Kemle in der 111 Quadratmeter großen Wohnung, die vor allem eins ist: sehr, sehr lang. 15 Meter misst der Flur, von dem die einzelnen Zimmer abzweigen. Im Inneren deutet kaum etwas auf die imposante Lage hin, es könnte eine ganz normale Altbauwohnung sein – wenn da nicht Kemles Faible für Historisches wäre. So hat sie in der Küche eine alte Urkunde von Carl Eugen aus dem Jahr 1769 hängen. Und im Wohnzimmer gibt es Bilder vom Schloss Ludwigsburg, von Kaiser Wilhelm I. und einer königlichen Jagdszene.

Eine echte historische Stätte findet sich im Gewölbekeller des Gebäudes: eine Mikwe. Die rituelle Reinigungsstätte der Juden ist mittlerweile von Holzplanken bedeckt – aber sie weckt natürlich das Interesse der historisch interessierten Kemle: „Joseph Süß Oppenheimer soll hierin gebadet haben, als er in der Mömpelgardstraße gewohnt hat“, sagt sie. Eine andere Einrichtung durfte Kemle kurzerhand umwidmen: im ehemaligen Zwinger der Schlosshunde stehen nun die Motorräder von Schwarz und Kemle. Die beiden sind leidenschaftliche Motorradfahrer und verursachen öfter irritierte Blicke, wenn sie nach einem Ausflug am Sonntagabend ihre Maschinen durch den Schlosshof schieben. Aber was machen die beiden, wenn sie einmal spätabends in den Schlosshof wollen? Bekannterweise schließt die Schlossverwaltung am Abend die Tore. „Für Anwohner gibt es einen Geheimeingang“, sagt Kemle. Wo der ist, verrät sie aber nicht.

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