Das Schweizer Quintett Ikarus setzt auf ungewöhnliche Arrangements Foto: Olivier Baumann

Ohne Worte wird die menschliche Singstimme zum vollwertigen Instrument – jedenfalls dann, wenn man sie einsetzt wie die Schweizer Band Ikarus am Samstag im Stuttgarter Club Kiste.

Stuttgart - Als Stefanie Suhner die Stimme erhebt, wird es ganz still im kleinen Club Kiste: Niemand kann sich den schimmernden Tonkaskaden entziehen, mit denen sie beim Konzert der Schweizer Avantgardeband Ikarus den Raum füllt. In den hohen Lagen weckt sie Assoziationen an Feengesang, wie immer der wirklich klingen mag. Suhner kommt ohne Worte aus wie ihr kongenialer Gesangspartner Andreas Lareida: Sie lautmalen markante Motive, drehen grazile Vokalpirouetten umeinander, weiten das Scat-Universum zu einer völlig neuen Kunstform.

Begleitet werden sie von einem Piano-Trio, das ebenfalls vieles anders macht. Der Komponist ist hier der Schlagzeuger, und Ramón Oliveras arbeitet mit komplexen Polyrhythmen, denen er das Harmonische unterwirft. Wie eine kühle Kopfmischung aus Neuer Musik und Avantgarde-Metal klingt das, Oliveras nennt als Einflüsse Béla Bartók und die schwedischen Progressiv-Metal-Monster Meshuggah. Die Rhythmen sind fein konstruiert und oft ungerade, doch man merkt es kaum – denn sie bestehen aus markanten Mustern, sind in sich stimmig wie das musikalische Gesamtbild.

Eine sehr eigene Handschrift

Oliveras kann fast alles am Schlagzeug vom vertrackten Disco-Beat bis zum atmosphärischen Streicheln der Felle mit den ­Besen. Er kombiniert ansatzlos hinter- und durcheinander und wirkt dabei völlig unangestrengt. Diszipliniert und virtuos geben Pianist Lucca Fries und Kontrabassist Moritz Meyer den Rhythmen Klänge, wobei die sehr eigene Handschrift dieser Formation ihre Ausdrucksmöglichkeiten mitunter einengt. Der Mann am Klavier kann viel mehr, und in wenigen Momenten lässt er aufscheinen, welche Bereicherung es sein könnte, wenn er nicht so streng im kompositorischen Korsett bleiben müsste.

Die Stücke aber sind stark zugeschnitten auf die beiden Vokalisten, deren Darbietung mitunter Züge einer künstlerischen Performance trägt. Mal imitiert Suhner den Klang einer Morse-Übertragung, mal Lareida ein Theremin inklusive der zugehörigen Gestik. Bei einem kurzen Pfeif-Duett verschränken sich die Laute zu einem faszinierenden Muster. Und immer wieder erklingt dieser Feengesang, dem sich niemand entziehen kann. Ikarus erinnern daran, wie wohltuend die Sprache reiner Musik wirkt in einer an Worten übervollen Welt.

Der Schweizer Musiker und Produzent Nik Bärtsch hat das aktuelle Ikarus-Album „Chronosome“ produziert, erschienen ist es bei Ronin Rhythm Records.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: