Jessica Bisceglia im Canapé: In dem Trossinger Tanzclub hat sie viele Rave-Partys besucht. Foto: Andreas Reiner

Jessica Bisceglia wächst in einem Dorf am Rande des Schwarzwalds auf. Heute ist sie Influencerin, Model, Ingenieurin und Social-Media-Expertin.

Schura hat zwei Sportplätze, zwei Gaststätten, eine Landmaschinenwerkstatt und 1600 Einwohner. Der Kontrast zu Berlin, Paris und New York könnte nicht größer sein. Die Metropolen der Welt sind zwar Teil des Berufslebens von Model Jessica Bisceglia, aber hier in ihrem Heimatdorf tankt die ehemalige Miss Schwarzwald und Miss Baden-Württemberg Energie.

 

Die 31-Jährige schaut in der Grundschule von Schura vorbei, einen der für sie prägenden Orte. Wenig hat sich verändert in all den Jahren. Wie damals lärmen auch heute Abc-Schützen mittags nach dem Gong über den Schulhof. „Hallo, ach das ist ja witzig, was machst du denn hier?“ Die herzliche Begrüßung kommt von Marc Sasse, der Ende der 90er Jahre als junger Lehrer hier anfing und wie Jessica auch im Handballverein ist. Stühle und Tische aus hellem Holz, die Tafel – im Klassenzimmer sieht es aus wie früher. Jessica Bisceglia lächelt.

Sie träumt früh davon, ein Model zu werden

Ihre Kindheit lässt sich mit einem Wort beschreiben: schön. Mit zwei Cousins und einer Cousine spielt Jessi, wie sie gerufen wird, fast jeden Tag. Wenn es irgendwie geht, sind die Kinder im Freien, Platz zum Toben gibt es massig. Verstecken im Maisfeld macht Jessica am meisten Spaß. Schon damals träumt sie davon, Model zu werden, schaut „Germany’s Next Topmodel“. Doch sie selbst im Rampenlicht, bei ihrem Lampenfieber? „Ich war früher schüchtern.“ Ein Referat vor der Klasse zu halten, davor habe ihr gegraut. Daheim, wenn sie in ihrem Jugendzimmer auf dem Bett liegt, malt sie sich trotzdem aus, wie es wäre, wenn sie ein berühmtes Model wäre.

Irgendwann beginnt sie damit, sich selbst zu fotografieren und die Selfies auf SchülerVZ und dann auf Facebook zu posten. Milliarden Mädchen machen das weltweit, aber nur sehr wenige bekommen die Resonanz, die sie sich erhoffen. Jessica Bisceglia zählt zu ihnen. „Ich bekam meine ersten Aufträge.“ Mit 17 beginnt sie zu modeln.

Anfang Juni 2019 gewinnt Jessica Bisceglia in Bad Peterstal die Wahl zur Miss Schwarzwald. „Ich habe davor tagelang nicht geschlafen“, erzählt sie. „Aber danach war ich eine andere Person.“ Ihr Selbstvertrauen ist gewachsen. Als Schwarzwälder Model posiert sie nun in der traditionellen Tracht. Man könnte sagen: Sie bläst den Staub vom Bollenhut. Der nächste Paukenschlag: Jessica Bisceglia wird zur schönsten Frau Baden-Württembergs gekürt. Als Vorbereitung auf die Wahl zur Miss Germany geht es mit den anderen 16 regionalen Schönheitsköniginnen in ein Camp nach Ägypten. Knigge-Regeln, Rhetorik und das kleine Social-Media-Einmaleins stehen auf dem Stundenplan.

Ingenieurin der Medizintechnik

Als „Miss Ländle“ steht Bisceglia im Februar 2020 bei den Wahlen zu Miss Germany im Europa-Park Rust auf der Bühne, unter den rund 1500 Zuschauern sind auch ihre Familie und viele Freunde. „Es fühlte sich für mich an wie ein Heimspiel.“ Am Ende landet sie unter den Top sechs. Die Siegerin heißt Leonie von Hase – Model, Mutter und Unternehmerin, geboren in Namibia, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Eine gestandene Persönlichkeit, die überall mitreden kann. Auch Jessica Bisceglia hat zu diesem Zeitpunkt schon bewiesen, dass sie genauso schlau wie schön ist: An der Hochschule Furtwangen hat sie einen Abschluss als Ingenieurin der Medizintechnik gemacht.

Doch an einem gut dotierten Job als Master of Technical Physician – so ihr offizieller akademischer Titel – ist sie zunächst nicht interessiert. Erst einmal will sich Jessica Bisceglia in den sozialen Medien austoben, das ist inzwischen ihre Welt. Als kurz nach der Miss-Germany-Wahl das Coronavirus auch die Laufstegbranche monatelang lahmlegt, nutzt sie die Möglichkeiten des Internets umso intensiver. Neben ihrer Model-Karriere baut sie sich ein zusätzliches Standbein auf. Bei einem Safthersteller aus dem benachbarten Neuhausen ob Eck steigt sie als Social Media Managerin ein. Als sie dort anfängt, hat die Instagram-Seite der Firma 9000 Follower, bei ihrem Ausscheiden ist die 100 000er-Marke geknackt.

Auch das Fernsehen entdeckt sie

Ermutigt von diesem Erfolg, wagt Jessica Bisceglia den Schritt in die Selbstständigkeit und bietet Unternehmen Social-Media-Coachings an. Als Influencerin arbeitet sie branchenübergreifend, zu ihrem Kundenkreis gehören beispielsweise ein Reisebüro und ein Gartencenter. Auf ihrem eigenen Instagram-Account mit mehr als 26 000 Followern arbeitet sie als Markenbotschafterin für regionale Firmen, Modelabels und andere Unternehmen. Auch das Fernsehen wird auf sie aufmerksam. Vom Privatsender Vox wird sie zur Doku-Soap „Die schönste Braut“ eingeladen. Motto der Sendung: „Schlichte Eleganz auf dem Lande“. Jessica wird „zweitschönste Braut“. Auch der bekannte Hochzeitsplaner Frank „Froonck“ Matthée ist begeistert. Seine einzige Kritik: In Jessicas Look könne er „keine ländliche Eleganz entdecken“. Offen bleibt, was er damit meint.

Wie war es, in der Provinz aufzuwachsen? Jessica Bisceglia erzählt: Nach der Grundschule in Schura ging es auf die Realschule in Trossingen. Dort beginnt sie auch damit, Handball zu spielen – bei der HSG Baar in der Bezirksliga. „Wir Handball-Mädels waren best friends, auch abseits des Spielfelds.“ Am Wochenende geht das Team zusammen auf die Piste. Wie in ländlichen Gebieten üblich, ist auch in Trossingen und Umgebung das Auto das Transportmittel der Wahl. „Ich war immer die Fahrerin, denn nach ein, zwei Gläsern Wein ist bei mir Schluss.“

Schöne Nächte auf dem Dancefloor

Der Tanzclub Canapé ist gesetzt. Rave-Partys sind für viele Menschen, die Anfang der 90er Jahre geboren wurden, ein Magnet – auch für Jessica Bisceglia. „Das extreme Auspowern auf der Tanzfläche hat mir schon immer gutgetan.“ Doch wegen der Corona-Auflagen muss das Canapé 2020 wie Tausende andere Clubs schließen. Am Eingang hängen noch Plakate. „90s Flashback“ – das war am 7. März 2020 die letzte Veranstaltung, Fotos auf der Facebook-Seite zeigen glückliche Gesichter vom Partyvolk. Die nächste „Rave with us“ war für den 14. März angesetzt. Dazu kam es nicht. Die geplante Wiedereröffnung scheiterte an verschärften Brandschutzbestimmungen. Für Jessica Bisceglia ist damit ein Stück ihrer Jugend verloren gegangen.

Für den ehemaligen Stammgast schließt der Pächter Giorgio Paldino die Tür noch einmal auf. Jessica Bisceglia setzt sich auf die Stufen vor dem DJ-Pult und blickt auf den Dancefloor. Ihr Blick fällt auf eine Discokugel neben der Theke. „Die ist von meinem Vater“, sagt sie. Pasquale Bisceglia, der als Vierjähriger mit seinen Eltern von Süditalien nach Süddeutschland kam und Heizungsmonteur ist, hat die Kugel einmal bei Installationsarbeiten einfach so mitgebracht.

Ihre zweite Heimat liegt in Apulien

Die Wurzeln ihres Vaters, sagt Jessica Bisceglia, wären ein wichtiger Teil ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit. Mindestens einmal im Jahr ist sie in Mattinata, dem kleinen apulischen Küstenort, aus dem ihr Vater stammt. Dort besucht sie die Großmutter, Tanten und Cousins. „Italien ist meine zweite Heimat“, sagt Jessica Bisceglia.

Ihre erste Heimat bleibt das Dorf Schura mit den zwei Sportplätzen und die Kleinstadt Trossingen, die außer dem größten Saurierfriedhof Europas auch nicht viel Abwechslung bietet. „Ich brauche diese Ruhe“, sagt Jessica Bisceglia. „Das langweilige Leben hier erdet einen.“