Vor dem Kapaliswarar-Tempel spielt sich das Leben auf dem Gehweg ab. Auf dem Boden zu sitzen ist in Südindien üblich. Foto: Kirsten Rick

In Chennai tanzen Götter auf Tempeltürmen, während Tuk-Tuks hupend durch den Verkehr drängeln und der Duft von Jasmin selbst in der Hitze einen Hauch von Sanftheit verspricht.

Schwüle liegt über der Stadt, als hätte jemand eine feuchte Hand auf den Himmel gelegt. Chennai dehnt sich flach aus, eine Weite aus Straßen, Staub und Stimmen. Der Asphalt flimmert, die Luft riecht nach Abgasen und Früchten, nach Meer vielleicht.

 

Im Bus zieht die Stadt vorbei wie ein nie endender Film. Motorräder, Busse, Tuk-Tuks – alles hupt, alles drängt, alles lebt. Zwischen Stromleitungen und Palmen leuchten Plakatwände mit Göttern, Stars und Politikern, oft ist schwer zu unterscheiden, wer wer ist. Shrawan Kumar, der Guide, steht vorn im Gang, das Mikrofon am Mund. Er spricht über Chennai, als wäre es ein Lebewesen mit Launen.

Eine atmende Fläche, die täglich wächst

Früher hieß die Stadt Madras und bestand aus acht Dörfern, erzählt er. Heute zieht sie sich achtzig Kilometer nach Süden, fünfzig nach Westen – eine atmende Fläche, die täglich wächst. „Pro Tag kommen etwa sechzig Familien hierher“, sagt Shrawan Kumar. Niemand wisse es genau, denn: „In Indien gibt es keine Meldepflicht. Die nächste Volkszählung beginnt im September. Ich bin gespannt, wie viele es dann sind.“ Wer hundert Quadratmeter Land besitzt, darf nur hundertfünfzig Quadratmeter „Teppichfläche“, also auf zwei Stockwerke verteilte Wohnfläche, bauen.

Die Geburtsstunde des modernen Chennai lässt sich erstaunlich genau datieren. Am 22. August 1639 kaufte der englische Kaufmann Francis Day im Auftrag der Britischen Ostindien-Kompanie einem lokalen Herrscher einen schmalen Landstreifen an der Koromandelküste ab. Daraus entstand Fort St. George – Keimzelle einer Metropole, die heute zu den größten der Welt zählt.

Stadtführer Shrawan Kumar Foto: Kirsten Rick

Wellblechdächer, Antennen, Wassertanks, Wäscheleinen. Dazwischen Palmen, Tempeltürme, bunte Fassaden mit verblassten Filmplakaten. Eine Stadt ohne Horizont, aber mit unzähligen Geschichten. Im Stadtteil Mylapore hält der Bus an einer Kreuzung, an der der Lärm dichter ist als die Luft. Frauen sitzen am Straßenrand, fädeln Blüten auf, stapeln Gemüse in geflochtenen Körben. Der Duft von Jasmin mischt sich mit dem von Abgasen. Die Hitze lässt die Luft flirren. „Chennai hat drei Jahreszeiten“, sagt Shrawan Kumar. „Heiß, heißer, am heißesten.“

Gesegnete Reisknödel kommen in den Teich

Der Kapaliswarar-Tempel bildet das spirituelle Zentrum des Viertels. Seine bunten Tortürme sind voller Figuren: Elefanten, Pfauen, Tänzerinnen, Dämonen – jede Geste eingefroren in Bewegung. Vor dem Tempel liegt ein stiller Teich. Familien bringen Opfergaben für Verstorbene, Reisknödel werden gesegnet und dem Wasser übergeben. Bei Festen fahren die Götter auf prächtigen Wagen durch die Straßen, „damit sie auch mal rauskommen“. Dann sehen die Götter auch die Marktstände am Straßenrand. Die kleinen Buden, Haushaltswarenlädchen, in denen die Verkäufer edelstahlglänzende Tiffins (das sind diese mehrstöckigen Henkelmänner) oder bunte, geflochtene Einkaufstaschen, typisch für diese Region, anbieten.

Chennai Foto: StZN/Yann Lange

Neben einem Obststand steht ein junges Paar. Die Frau trägt einen Sari mit breiter Borte, goldenen Schmuck, in der Hand ein Smartphone. An ihren Zehen funkeln Ringe. „Daran erkennt man, dass ich verheiratet bin“, sagt sie lächelnd, bevor beide im Gedränge verschwinden.

Der Verkehr in Chennai ist ein System, das sich jeder Logik entzieht. Mopeds, Busse, Tuk-Tuks, Autos, ein Ochsenkarren – alles bewegt sich gleichzeitig, keiner hält an, alle hupen. Mylapore, erklärt Shrawan Kumar, sei „von den Engländern noch für Pferdekutschen entworfen“. Mitten im Chaos wächst eine neue Ordnung: 47 Kilometer U-Bahn sind bereits in Betrieb, weitere Linien werden gebaut. Unter der Erde entsteht, was oben kaum möglich ist – eine Spur von Struktur.

Nicht weit entfernt steht die St. Thomas Basilica, weiß und neugotisch, ein Relikt kolonialer Geschichte. Sie wurde 1893 an jener Stelle errichtet, an der der Apostel Thomas im Jahr 72 nach Christus gestorben sein soll. Drinnen riecht es nach Wachs und Reiniger, eine Frau wischt den Boden. Beim Tsunami 2004 blieb die Kirche unversehrt, obwohl das Meer nur wenige hundert Meter entfernt liegt. „Ein Wunder“, sagt Shrawan Kumar. In einer Seitenkapelle liegen Reliquien des Apostels. Eine Nonne hält ihr Handy in der Hand, in der Klapphülle steckt ein Bild eines Heiligen – goldglänzend, mit Strahlenkranz, fast wie ein Popstar. Heilige werden hier wie Bollywoodstars dargestellt, Politiker auch.

Chennai ist eine Stadt am Meer. Marina Beach – zehn Kilometer goldener Sand, fast leer in der Mittagshitze. Offiziell heißt es, der Strand sei der zweitlängste der Welt, nur Rio sei länger. In Wirklichkeit ist er weniger Postkartenmotiv.

Vom Straßenrand bis zum Wasser dauert es einige Minuten, der Strand ist so breit, dass man den Ozean fast suchen muss. Es fühlt sich an wie eine Wanderung durch eine Wüste. Im Schatten alter Boote buddeln Hunde, ein Liebespaar sucht Schutz vor der Sonne. Die Verkaufsstände sind noch geschlossen, sie öffnen erst am Abend.

Die Stadt ist zugleich laut und still, heilig und profan

Shrawan Kumar erzählt, dass nur wenige Kinder in Chennai schwimmen können. Der Strand ist kein Ort für Badegäste, eher ein öffentlicher Salon am Meer. Abends, sagt er, kommen Tausende: Familien, Verkäufer, junge Paare. Dann leuchten die Lichter der Fahrgeschäfte, es riecht nach frittierten Snacks, und aus der Wüste wird ein Festplatz.

Das Government Museum, das zweitälteste des Landes, wurde 1851 gegründet. Ein weitläufiger Komplex im Indo-Sarazenischen Stil, mit roten Fassaden und schattigen Innenhöfen. In der Bronze-Galerie lenkt Shrawan die Aufmerksamkeit auf eine Figur: Ardhanarishvara, halb Frau, halb Mann. Zwei Gestalten, ein Leib. Die rechte Seite mit Axt und bulligem Stand; die linke mit sanftem Hüftschwung. In Indien werden Gegensätze selten getrennt gedacht. Hier stehen Schöpfung und Zerstörung, Ruhe und Bewegung, Mann und Frau im selben Körper. Vielleicht erklärt das auch diese Stadt: laut und still, heilig und profan, alles zugleich.

Selbst die Augenbrauen tanzen

Der Campus der Kalakshetra Foundation wurde 1960 etwas außerhalb der Stadt angelegt: flache Gebäude, roter Staub, im Zentrum ein gigantischer Banyanbaum. Gegründet 1936 von Rukmini Devi Arundale, gilt Kalakshetra heute als eine der wichtigsten Schulen für Bharatanatyam, den traditionellen indischen Tanz. In den Sälen stampfen nackte Füße rhythmisch auf den Holzboden, begleitet von Gesang und einem Schlaginstrument. Die Spannung reicht bis in die Zehenspitzen. Hände malen Zeichen in die Luft, Finger formen ein Alphabet aus Bewegungen, erklärt Prasath, der seit dreißig Jahren hier unterrichtet. Die Augen folgen den Händen, selbst die Augenbrauen tanzen.

Am Ende bleibt Chennai als Zustand: Hitze und Hingabe, Lärm und Konzentration, Gegenwart und Jahrtausende – alles zugleich. Man verlässt die Stadt mit staubigen Schuhen, geschärften Sinnen und dem Gefühl, dass hier alles Bedeutung hat.

Info

Anreise
 Mit Lufthansa ( www.lufthansa.com ) oder Air India ( www.airindia.com ) ab Frankfurt nach Chennai.

Unterkunft
The Accord Metropolitan im Zentrum, drei Restaurants, Innenpool, Doppelzimmer mit Frühstück ab 120 Euro, www.theaccordhotels.com/metropolitan-chennai .The Leela Palace Chennai, Palasthotel am Meer, DZ/F ab 210 Euro, www.theleela.com .Trident Chennai, in der Nähe des Flughafens, Zugang zur Bahn, beliebte Lage, DZ/F ab 115 Euro, www.tridenthotels.com .

Veranstalter
Die beschriebene Reise kann man bei Gebeco buchen. „Begegnungen in Südindien“ ist eine 18-Tage-Erlebnisreise mit deutschsprachiger Reiseleitung, Preis pro Person ab 2895 Euro, www.gebeco.de . Die 20-tägige Wanderreise „Exotik Südindien“ von Wikingerreisen startet in Chennai. Preis ab 2835 Euro, www.wikinger-reisen.de .

Aktivitäten
Der Zugang zum Kapaliswarar-Tempel ist kostenfrei; für die obligatorische Schuhaufbewahrung am Eingang wird jedoch eine Spende erwartet. Es gilt ein strenger Dresscode (keine kurzen Hosen oder Röcke, Schultern müssen bedeckt sein). Das zentrale Heiligtum ist nur für Hindus zugänglich. Die Besuchszeiten richten sich nach dem Tagesablauf der Götter: Diese werden um 9 Uhr mit Musik geweckt (Frühstück), halten ab 12 Uhr eine Mittagspause, werden um 16 Uhr gewaschen und halten ab 21 Uhr Nachtruhe. St. Thomas Basilica: neugotische Kirche mit der angeblichen Grabstätte des Apostels Thomas, geöffnet täglich von 5 bis 20 Uhr, www.santhomechurch.org .Government Museum im Pantheonkomplex in Egmore, www.govtmuseumchennai.org .Kalakshetra: Tanzschule und Kulturzentrum, https://kalakshetra.in .

Allgemeine Informationen
Indisches Fremdenverkehrsamt, www.incredibleindia.gov.in/en .