Der Neckar als Lebensraum – in der Region Stuttgart gibt es da nur wenige Lichtblicke. Deshalb arbeitet die IBA ’27 zusammen mit vielen Partnern an einer langfristigen Strategie, um die Flusslandschaft aufzuwerten und erlebbar zu machen.
Der Fluss und die Menschen – wie wichtig diese Verbindung auch in der Region Stuttgart ist, das haben Andreas Hofer, der Intendant der Internationalen Bauausstellung Stadtregion Stuttgart (IBA), und seine Mitstreiter ebenfalls erkannt. Den Neckar als Lebensraum besser nutzen zu können, den Menschen in der Region zumindest an ausgesuchten Plätzen einen besseren Zugang zum Fluss zu ermöglichen und ihn erlebbar zu machen, daran arbeiten mittlerweile sehr viele Akteure in der Kommunen, die mit und am Fluss leben. Der „Neckar als Lebensraum“ ist deshalb eines der fünf Leitthemen der Architektur- und Stadtplanungsschau 2027. Dabei geht es den IBA-Machern auch um bauliche Veränderungen.
IBA-Projekt in Untertürkheim ist auf dem Weg
So soll möglichst noch bis zur IBA ’27 das Projekt „Wohnen am Fluss“ im Lindenschuhviertel in Untertürkheim umgesetzt werden. Zusammen mit einer von der Stadt Stuttgart an dieser Stelle geplanten Neckarpromenade könnte in Untertürkheim ein erstes Leuchtturmprojekt zur Neugestaltung eines Uferabschnitts entstehen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die IBA ist ein Milliarden-Projekt
Vorrangig steht aber im Fokus der IBA-Macher, mit allen Neckarkommunen gemeinsam eine neue Form der Zusammenarbeit zu entwickeln – mit dem Neckar samt allen seinen Nebenflüssen als verbindendem Element. Jeder Partner könne dabei seinen kleinen, in der Summe aber doch bedeutenden Beitrag zur Neudefinition des Neckars leisten. Geprägt ist das Handeln der IBA also vom Gedanken, dass Netzwerke von zentraler Bedeutung sind, sollen die Menschen sich den Fluss als Lebensraum zurückerobern. Auf der Suche nach Partnern ist IBA-Chef Hofer in der Landeshauptstadt auf das vom Bund geförderte, in Kooperation zwischen der Stadt Stuttgart und der Universität entstandene Projekt „Wechsel“ gestoßen.
Bei der Suche nach Freiräumen fündig geworden
Frieder Hartung vom Amt für Stadtplanung und Wohnen und Dan Teodorovici vom Städtebauinstitut der Universität Stuttgart haben auf Stuttgarter Gemarkung nach Entwicklungsräumen für eine „Stadt am Fluss“ gesucht – und sind durchaus fündig geworden. Auf einer Presseradtour haben die Experten jüngst einige ihrer Überlegungen vorgestellt. Auch Hartung und Teodorovici plädieren dafür, das Neckartal als „herbe Schönheit“ zu akzeptieren, die ohne Zweifel vorhandenen Brüche nicht zu negieren, sondern sie in den Neugestaltungsprozess zu integrieren. Auch angesichts des Klimawandels stehe der Fluss vor neuen Aufgaben. Er brauche Raum, um neben seiner Funktion für Industrie und Infrastruktur verstärkt als Naherholungs- und Retentionsraum zu dienen.
Die Brüche dürfen nicht negiert werden
Als eines der größten städtebaulichen Entwicklungsgebiete, in dem sich auch in einem überschaubaren Zeitraum erste Veränderungen realisieren ließen, haben die Autoren der Studie das Gebiet zwischen dem alten Kraftwerk und dem Berger Steg ausgemacht, das nun als „Neckarufer Stuttgart-Ost“ auch ein Projekt im Rahmen des IBA-’27-Netzes ist.
Infolge des anstehenden Wandels bei der Energieversorgung könnten dort Flächen frei werden, die man dann neu nutzen könnte. Gedacht sei unter anderem an eine Revitalisierung des Wasserwerk-Areals und eine Umnutzung des alten Kraftwerks. In der Nähe des Kraftwerks sei ein Landschaftspark vorstellbar, außerdem Flächen für kulturelle Events. Auch über eine Neudefinition der Bundesstraße 10 müsse langfristig nachgedacht werden. Ob aus der Schnellstraße wirklich jemals aber ein Stadtboulevard wird, das ist noch absolute Zukunftsmusik. Überhaupt: Das alles, dessen ist sich Andreas Hofer bewusst, wird noch lange Zeit dauern, bis es umgesetzt wird. Bis zur IBA 2027 werden, wenn überhaupt, nur sehr wenige und sehr kleine Schritte zur Wiederbelebung des Neckarufers umzusetzen sein. Das Engagements der IBA richte sich beim Neckar also weit in die Zukunft. Hofer: „Wenn bei der Umgestaltung der Neckarufer die Erkenntnisse, die bei der IBA gewonnen wurden, in die Planungen einfließen, dann haben wir schon viel gewonnen.“
Autos genießen den Luxusausblick auf den Fluss
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Bauausstellung will das Neckargold heben
Vielleicht helfen ja auch ein paar Denkanstöße weiter, die Situation am Neckar zu verbessern. Verzweifelt fragen sich die IBA-Macher unter anderem, warum das Mineralbad Leuze in seiner heutigen Form dem Neckar so sehr die kalte Schulter zeige. Die Verbindung vom Daimler-Museum zum Neckar sei zudem deutlich verbesserungsfähig.
Auch die Frage, ob die Autos im pittoresk gelegenen Daimler-Parkhaus am Neckararm in Untertürkheim den ganzen Tag lang den Luxusausblick ins Grüne und aufs Wasser genießen dürfen, scheint berechtigt. Wäre es nicht sinnvoller, so die IBA-Überlegung, an dieser Stelle eine Kantine oder eventuell sogar ein Betriebsrestaurant zu bauen, das für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich ist?