Das Neue Schloss – vom Akademiegarten aus betrachtet. Hier könnte eine Außengastronomie entstehen. Unterhalb der Freitreppe ist der Ausgang eines Korridors vom Ehrenhof her angedacht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Gewünscht haben es sich viele Stuttgarter und Stuttgart-Besucher schon lange, jetzt besteht Hoffnung, dass der Wunsch in absehbarer Zeit Wirklichkeit wird.

Stuttgart - „Wo geht’s denn da rein?“, fragt das Ehepaar aus Bayern, das über den Ehrenhof des Neuen Schlosses spaziert. Die Antwort lautet: nirgendwo. Das Neue Schloss ist Touristen, überhaupt Besuchern verschlossen. Außer wenn Führungen angeboten werden. In der einstigen Residenz der württembergischen Herzöge und Könige, die im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und – auch auf Drängen unserer Zeitung – von 1957 an wieder aufgebaut wurde, hat sich die Landesregierung eingerichtet: In dem zum Eckensee ausgerichteten Flügel ist das Finanz-, im anderen das Wirtschaftsministerium untergebracht. Der rekonstruierte Marmorsaal im Mitteltrakt ist ebenso wie der Weiße Saal für repräsentative Anlässe und Veranstaltungen reserviert.

Keine Chance also, einfach mal so reinzuschneien, wie Martina und Gerald von Hermanni aus Augsburg sich das im Anschluss an einen Musicalbesuch vorgestellt hatten. „Schade“, sagen sie. „Wir kommen wieder, wenn das Schloss offen ist.“ Das könnte mit etwas Glück 2024 der Fall sein. Denn Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist als Hausherr entschlossen, den Mitteltrakt des stadtbildprägenden Gebäudes Touristen wie den von Hermannis und vor allem den Stuttgartern zugänglich zu machen. „Die Sanierung des Mitteltrakts des Neuen Schlosses bietet der Landesregierung die einmalige Chance, diesen historischen Ort für die Bevölkerung zu öffnen.“

„Wir öffnen das Haus für Menschen, Veranstaltungen und Gastronomie“

Erinnerungen werden wach an das von dem Stuttgarter Kommunikationsexperten Johannes Milla entwickelten und 2012 in unserer Zeitung vorgestellten „Bürgerschloss“, das sich Milla ganz ohne Ministerialbeamte, mit einer Motzecke für die Bürger, einer Demokratiestube und anderem mehr ausmalte. Die Bürger spielen auch in den Überlegungen des Staatsministeriums die zentrale Rolle: „Wir öffnen das Haus für Menschen, Veranstaltungen und Gastronomie“, sagt der Sprecher der Landesregierung, Arne Braun. Von „Bürgerschloss“ will man allerdings nicht reden. Der Begriff sei durch Milla besetzt. Man nehme ­jedoch bewusst Impulse seiner Ursprungsidee auf.

Seit Kurzem liegt im Staatsministerium eine eigene Ideenskizze vor, umgesetzt in einem Modell des Berliner Architekten Martin Sting, der schon bei der Modernisierung der Villa Reitzenstein und dem Neubau des dortigen Eugen-Bolz-Hauses federführend war. Auch mit Schlössern kennt Sting sich aus: Sein Büro hat das Schloss Bellevue in Berlin, Sitz des Bundespräsidenten, saniert. Seine Machbarkeitsstudie für das Neue Schloss beinhaltet Folgendes:

die Sanierung und Öffnung des Mitteltrakts, einschließlich des bei der Bombardierung unversehrt gebliebenen Untergeschosses mit seinen Gewölbedecken – laut Architekt Sting „mit der schönste Teil“. Die Räume könnten für Ausstellungen genutzt werden und ein Ort für politische Bildung sein – angelehnt an Überlegungen Millas. Auch die Gamezone, die Spielemesse des Trickfilmfestivals, könnte dort tageweise einziehen. Die Bespielung der Räume soll in die Hände eines Art-Kuratoriums gelegt werden.

die Wiederherstellung der ursprünglichen Raumstruktur im Parterre des Mitteltrakts. Dort ist daran gedacht, einzelne Räume zu rekonstruieren und ausgewählte Teile der 1944 rechtzeitig ausgelagerten und damit vor der Zerstörung geretteten früheren Einrichtung zu zeigen.

die partielle Öffnung von darüber liegenden Räumen samt Marmorsaal und Ausguck auf dem Neuen Schloss.

einen unterirdischen Durchgang vom Ehrenhof – beginnend auf der Höhe des dortigen Brunnens – zum Akademiegarten hinter dem Neuen Schloss. Eine Idee, die schon in den 50er Jahren entwickelt, damals aber nicht weiterverfolgt wurde. – offene Durchgänge durch beide Seitenflügel und damit eine direkte Verbindung von der Planie zum Eckensee und umgekehrt. Die Seitenflügel blieben für die Öffentlichkeit ansonsten aber zu.

ein gastronomisches Angebot zum bisher wenig belebten Akademiegarten und eventuell zur Planie hin. In diesen westlichen Teil des Schlosses soll die Kantine des Finanzministeriums verlegt werden, die sich bislang im Obergeschoss des Mitteltrakts befindet.

Wünschenswert ist aus Sicht des Staatsministeriums in einem zweiten Schritt auch eine Tiefgarage im vorderen Teil des künftig autofreien Ehrenhofes mit Zufahrt vom Planietunnel aus. Die Zustimmung des Finanzministerium dazu ist offen.

„Ein Geschenk des Landes an die Stadt“

Das Staatsministerium legt Wert darauf, dass es sich um „erste Überlegungen“ handelt. Deshalb könne man auch noch keine Aussagen über die Kosten treffen. Die Planungshoheit liege beim Land, die Stadt als Genehmigungsbehörde sei in Grundzügen informiert. „Jetzt geht’s darum, diese Pläne unter Berücksichtigung eines Bürgerbeteiligungsverfahrens umzusetzen, damit die gute Stube des Landes für alle offen ist“, sagte Ministerpräsident Kretschmann unserer Zeitung. Laut Sprecher Braun will Staatsministerin Gisela Erler im Frühjahr dafür „50 ausgesuchte Bürger und Multiplikatoren gewinnen“. Stuttgart werde von dem Vorhaben profitieren, meint er: „Das ist ein Geschenk des Landes an die Stadt.“

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn freut’s: „Wir begrüßen die Pläne der Landesregierung, Teile des Neuen Schlosses zu sanieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagte er unserer Zeitung. „Das ist ein Zeichen für Bürgernähe und Transparenz.“ Schon jetzt seien das Neue Schloss und der Schlossplatz wichtige Anziehungspunkte im Herzen der Stadt – nicht für die Stuttgarter, sondern auch für Besucher aus aller Welt. „Durch die öffentliche Nutzung werden dieses Stuttgarter Wahrzeichen und seine Historie endlich erlebbar.“ Besonders begrüßenswert sei die Idee, die Zufahrt zum Schloss unter die Erde zu verlegen und den Ehrenhof autofrei zu machen, sagte Kuhn. „Das ist seit langem ein großer Wunsch der Stadt.“

Auch die Besuchergruppe aus Altötting, die ebenso wie das Ehepaar von Hermanni dieser Tage fragend vor der prächtigen, aber verschlossenen Kulisse stand, würde das Geschenk dankend annehmen: „Bei unserem nächsten Stuttgart-Besuch können wir das Schloss hoffentlich besichtigen.“

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