Boris Palmer Das Tübinger „Alphatier“ polarisiert

Von Christine Keck 

In der Weinstube Göhner treffen sich regelmäßig die Chefs der alteingesessenen Betriebe in Tübingen. Hier ist man dem umstrittenen Rathauschef wohlgesonnen. Foto: Horst Haas
In der Weinstube Göhner treffen sich regelmäßig die Chefs der alteingesessenen Betriebe in Tübingen. Hier ist man dem umstrittenen Rathauschef wohlgesonnen. Foto: Horst Haas

Oberbürgermeister Boris Palmer zeigt Kante bis es wehtut. Am Handwerkerstammtisch wird er als wirtschaftsfreundlich gepriesen, die Grüne Jugend ist stinksauer auf ihn. Eine Annäherung an den Provokateur von der Basis her.

Tübingen - Es ist die Selbstherrlichkeit, die sie stört, das Lautstarke oder, wie einer aus der Runde nach dem dritten Viertele Rotwein sagt: „Er hat halt eine dumme Gosch.“ Die Rede ist von Boris Palmer, dem angeblich bekanntesten Oberbürgermeister der Republik, einem Grünen mit einem schwarzen Kern und markanten Facebook-Posts, die ihm im Netz als rassistische Hetze regelmäßig um die Ohren fliegen. Der Ort ist ein schwäbisch-geselliger: ein Handwerkerstammtisch in der Tübinger Unterstadt. Donnerstags in den ungeraden Kalenderwochen treffen sich in der Weinstube Göhner die Chefs der alteingesessenen Betriebe, vom Installateur bis zum Elektriker. Wer wissen will, wie Boris Palmer bei den Bürgern ankommt, muss nur eine Weile auf der hölzernen Eckbank sitzen und zuhören.

Nein, gewählt habe er ihn nicht, sagt Ulrich Maier, Stuckateur in sechster Generation und einer, der Palmer auch mal auf Facebook seine Meinung sagt. Aber für Tübingen sei er trotzdem der Richtige. „Er ist ausgesprochen wirtschaftsfreundlich“, lobt Maier. Er frage sich, wann Palmer endlich zur CDU wechselt. Ihm gefalle es, dass der Rathauschef in Sachen Tierschutz und Asylpolitik von seiner Parteilinie abweiche. Auch eine schnellere Abschiebung von straffällig gewordenen Flüchtlingen sei eine sinnvolle Forderung. Als Vater von vier Töchtern wisse er um die Ängste der Frauen in der Stadt bei Dunkelheit. Und der Drogenhandel im Alten Botanischen Garten, mitten im Zentrum, habe jahrelang floriert, er sei vor allem auf das Konto der Schwarzafrikaner gegangen.

Palmer bringt Ökologie und Ökonomie unter einen Hut

Der „Trump von Tübingen“, wie es hinter vorgehaltener Hand über Boris Palmer heißt, wird am Stammtisch geschätzt. Als einer, der jedem die Hand schüttelt und morgens auf dem kurzen Fußweg von seiner Wohnung im Zentrum bis zum Rathaus schon alles erfährt, was die Stadt umtreibt. Als clever und wortgewandt, als egozentrisch und provozierend, als Kommunalpolitiker, der seinen Gemeinderat viel zu wenig einbinde und trotzdem Erfolg habe, als einer, der Ökologie und Ökonomie unter einen Hut bringt. „Er ist ein Alphatier hoch zehn“, sagt Hermann Leimgruber, Bäckermeister und Chef des Café Lieb, wo die Brezeln noch von Hand gemacht werden. Leimgruber meint das positiv.

„Er schlägt nach seinem Vater, dem Helmut Palmer “, darin sind sich alle am Tisch einig. Sie erzählen Geschichten vom Remstalrebellen und dessen politischen Ambitionen. Von dessen Aufritten auf dem Tübinger Wochenmarkt, wo er erst seine Ware verkauft und dann zum Megafon gegriffen hat, um in Richtung Rathaus zu schimpfen. Nur eines findet Leimgruber gar nicht gut: Gemeinsam Vierteleschlotzen könne man mit dem Rathauschef nicht. „Es ist schade, aber der trinkt ja nichts.“

Am Handwerkerstammtisch punktet der Pragmatiker

Zwischen Flädlesuppe, Rostbraten und Schnitzel fällt das Votum äußerst wohlwollend aus. Der 45-jährige Mathematiker, der immer wieder die Parteispitze der Grünen vergrätzt hat und publikumswirksam in Talkshows steile Thesen formuliert, punktet am Stammtisch in der Unistadt. Seine zweite Amtszeit im Rathaus hat er Ende 2014 mit einer satten Mehrheit von fast 62 Prozent begonnen.

Der unbequeme Realo, der ungern auf Ratschläge hört und Eigensinn für eine Tugend hält, legt sich ganz im Sinne der freien Meinungsäußerung vor allem auf Facebook mit jedem an, egal ob radikal links oder ultrarechts. Mit seinem Politikstil hat er sich in Tübingen aber auch etliche Gegner gemacht: Die Grüne Jugend Tübingens ist stinksauer auf Palmer und seine Alleingänge. „Wir sind ununterbrochen dabei, uns von Boris Palmer zu distanzieren“, schimpft die Sprecherin Lisa Merkens.

Sie erzählt, dass es keinen Spaß mache, im Schatten des übermächtigen Oberbürgermeisters grüne Positionen wieder geradezurücken. „Findet ihr das nicht auch Scheiße?“ Das werde sie an Infoständen oft von Palmer-Kritikern gefragt. Meist könne sie nur zustimmen. Sie habe genug von „pauschalisierenden Verurteilungen von Menschen, die schwarz sind“, genug von abfälligen Bemerkungen in Facebook-Posts über Flüchtlinge. Palmers Positionen in Sachen Asyl passten am besten zur CSU.

Er habe das Erbe seiner ersten Amtszeit geschändet, sagt die Sprecherin der Parteijugend

„Die Jugend steht nicht mehr hinter ihm“, sagt die 19-jährige Studentin der Geoökologie. Sie spricht von großen Frustrationen und Austrittstendenzen an der Basis der Partei. „Er hat das Erbe seiner ersten Amtszeit geschändet“, urteilt Merkens. Sie empfehle ihm, sich stärker auf Tübinger Angelegenheiten zu fokussieren. „Boris muss doch nicht jedes Thema kommentieren, das durch die Bundespolitik geistert.“

Nicht verstehen kann Merkens, dass der Rathauschef ständig darauf poche, in den sozialen Netzwerken lediglich als Privatperson unterwegs zu sein. „Das nimmt ihm doch keiner ab.“ Für superpeinlich hält sie das Niveau seiner Sprache, für ärgerlich seinen herablassenden Ton. Der Facebook-Post „Hab dich nicht so, wenn dich ein Araber fickt“ sei vor Kurzem mal wieder ein Höhepunkt der Geschmacklosigkeit gewesen, sagt die Nachwuchsgrüne. Palmer hatte auf den Kommentar einer Userin geantwortet, mit der er im Dauerschlagabtausch steht – und später seine drastische Wortwahl als ironische Überspitzung relativiert.

Es ist eine Mischung aus Verzweiflung und Resignation, die Merkens Sätze wie diesen sagen lässt: „Ein CDU-Oberbürgermeister macht es einem leichter, weil man offen dagegen Partei ergreifen kann.“

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