Wo liegt der Ursprung des Hundes als Haustier? Ein Tübinger Forschungsteam geht davon aus, dass eiszeitliche Menschen vor 15 000 Jahren im Süden Baden-Württembergs wilde Wölfe gezähmt haben. Ein Besuch in der Gnirshöhle.
Engen - Fast ein bisschen versteckt zweigt der Weg zur Gnirshöhle ab. Einige Hundert Meter geht es von der Kleinstadt Engen unweit des Bodensees ins Brudertal hinein, bis ein kleiner Pfad nach links in den Nordhang führt. „Es ist schon spannend, das alles gleich von innen zu sehen“, sagt Susanne Münzel von der Uni Tübingen auf dem Weg nach oben. Es ist erst ihr zweiter Besuch vor Ort – ihren Arbeitsalltag bestimmt die Höhle allerdings seit einigen Jahren maßgeblich: Sie ist der Fundort Tausender Fossilien aus der Endphase der letzten Eiszeit, die im Alpenraum vor rund 10 000 Jahren endete.
Als Archäozoologin untersucht Münzel regelmäßig solche Überreste von Tieren aus Grabungen, alleine aus der Gnirshöhle hat sie rund 5000 Knochen ausgewertet. Von der einstigen Artenvielfalt in dem Tal zeugt eine Liste, die Münzel unter dem Arm trägt: Schneehasen, Wildpferde und Eisfüchse haben hier einst gelebt.
Die Höhle darf nur unter Aufsicht besucht werden
Die meiste Aufmerksamkeit aber liegt seit Längerem auf einem Unterkiefer, der in der Tabelle unter dem Schlagwort „Hundeartige“ aufgeführt ist. Zu dieser Familie der sogenannten Caniden zählen sowohl Hunde als auch Wölfe. Das Besondere: Der Knochen aus der Gnirshöhle lässt sich weder der einen noch der anderen Gruppe eindeutig zuordnen. Er bringt damit Licht in die bislang umstrittene Frage, wo der Ursprung des ältesten bekannten deutschen Haustiers liegen könnte. „Wir gehen davon aus, dass in dieser Höhle Wölfe von Menschen aufgezogen wurden“, sagt Münzel.
Bis zur Fundstelle ist es aber noch ein ganzes Stück. Über 43 Stufen schlängelt sich der Weg nach oben zum Höhleneingang zwölf Meter über der Talsohle, wo Höhlenführer Alfred Rigling mit einem großen Schlüsselbund vor einer Gittertüre wartet. Die Höhle darf nur nach vorheriger Anmeldung und unter Aufsicht besucht werden, um die Funde nicht zu beschädigen. „Die Verriegelung war nötig, weil es immer wieder zu illegalen Ausräumungen gekommen ist“, berichtet Alfred Rigling.
Im Inneren besteht Helmpflicht
Nach dem Eintritt in die Höhle verläuft der Gang sofort nach rechts. Mit einem Mal wird es still. Kein brausender Wind mehr, keine raschelnden Blätter. Das Gestein schimmert gelblich, elf solarbetriebene Lampen bringen eine vollständige Ausleuchtung.
Bevor es weiter ins Innere geht, steht ein obligatorischer Stopp bei einem Ständer mit zehn Schutzhelmen an. So viele Besucher sind normalerweise gleichzeitig zugelassen, in Coronazeiten ist die Höchstzahl zur Wahrung des Mindestabstands auf vier Personen begrenzt. Rigling legt persönlich Hand an, bis der Kopfschutz ideal sitzt. Wie nützlich die Helme sind, zeigt sich schon auf den ersten Schritten: Schnell verengt sich die Höhle, meist kommt man nur noch im gebückten Gang vorwärts. Mehrmals streift der Helm die Decken und Wände.
Mehrere Meter senkrecht in die Tiefe zu den Kalkkristallen
Wenig später gabelt sich der Weg in zwei Höhlenkammern. Münzel weist nach rechts auf ein Schild, das den Schriftzug „Gnirshöhle I“ trägt: „Aus dieser Kammer stammt der Großteil der Funde, die wir ausgewertet haben.“ Ein an der Wand befestigtes Seil gibt auf dem abschüssigen Weg Halt, bis man einen Abgrund erreicht. Mehrere Meter geht es auf einer Leiter senkrecht in die Tiefe.
Unten angekommen weist Rigling auf einen roten Strich an der Felswand. „Alles unterhalb dieser Markierung“, sagt er mit ausgestreckter Hand, „war verschlossen und mit Sediment befüllt.“ An der Decke glitzern Kalkkristalle, die fast schon Diamanten ähneln. Sie haben sich über die Jahrtausende im stehenden Wasser geformt, als sich der Kalk an den Wänden kristallisiert hat.
2017 tauchte der Knochen überraschend wieder auf
Irgendwo hier befindet sich auch die Fundstelle des Caniden-Unterkiefers. Wo genau, lässt sich gar nicht mehr sagen. Die Entdeckung liegt schon über vier Jahrzehnte zurück, als das Institut für Urgeschichte der Uni Tübingen hier Grabungen durchführte. Seinerzeit landete der Knochen zur Analyse auf dem Schreibtisch von Münzels Doktorvater Hans-Peter Uerpmann. Da die Möglichkeiten damals aber längst nicht so weit wie heute waren, geriet die Thematik zunächst in Vergessenheit. Das änderte sich 2017, als infolge von Uerpmanns Emeritierung dessen Büro geräumt wurde und der Knochen Münzel in die Hände fiel.
Auf Basis des aktuellen Forschungsstands warf sie einen frischen Blick auf das rare Fossil. Und das nicht alleine: Die Genetikerin Saskia Pfrengle forschte zu diesem Zeitpunkt an der Uni Tübingen im Rahmen eines Wolf-Hund-Projekts, der Paläoökologe Chris Baumann schrieb gerade an seiner Dissertation über Hundeartige. So fand sich ein interdisziplinäres Forschungsteam, das den Unterkiefer aus verschiedenen Perspektiven auswertete.
Das Tier hat sich nicht wie ein wild lebender Wolf ernährt
Die Erkenntnisse lassen aufhorchen: Das in den Proben enthaltene Erbgut spiegelt eine große genetische Bandbreite vom Wolf bis zum Hund wider. Auch anhand der äußeren Merkmale kann der Knochen nicht eindeutig zugeordnet werden – das gilt vor allem mit Blick auf die Kulissenstellung der Zähne, die versetzt anstatt hintereinander stehen. „Diese Stellung entsteht durch eine Verkürzung der Schnauze, die typisch für den Beginn der Domestikation bei Hunden ist“, sagt Susanne Münzel.
Zudem hat sich das Tier in der Gnirshöhle nicht wie ein wild lebender Wolf ernährt. Chris Baumann kann das rekonstruieren durch die Analyse der Stickstoff-15-Isotope in dem Fossil: Je höher der Wert ist, desto proteinreicher war die damalige Ernährung. Hierbei lasse sich ein deutlicher Unterschied zwischen Wild- und Haustieren erkennen, betont Baumann: „Wenn ein Tier sich frei entscheiden kann, wählt es immer die höherwertige Nahrung.“
Wie sich das Alter eines Knochens errechnen lässt
Dass die Werte des Knochenmaterials aus der Gnirshöhle deutlich niedriger als bei frei lebenden Wölfen sind, lasse auf ein Füttern durch den Menschen schließen – etwa mit Rentieren oder Hasen. Wölfe hingegen hätten sich damals vermutlich von toten Mammuts ernährt, deren Fleisch eine höhere Proteinqualität aufweise. „Wir sehen hier also aufgrund einer eingeschränkten Ernährung den Anfang einer Domestikation wilder Wölfe in der Gnirshöhle“, erläutert Chris Baumann.
Auch die Datierung des Unterkiefers deckt sich mit dieser Annahme: Er ist etwa 15 000 Jahre alt, was die Tübinger durch die Radiokarbonmethode errechnet haben – das Verfahren beruht darauf, dass in abgestorbenen Organismen der Anteil an gebundenen radioaktiven Kohlenstoffatomen mit der Zeit abnimmt. Für ebenjene Zeit sind auch menschliche Siedlungsspuren im Brudertal nachgewiesen, unter anderem durch den Fund eines menschlichen Oberschenkelknochens. Das Tübinger Forschungsteam geht deshalb davon aus, dass späteiszeitliche Menschen in der Gnirshöhle Wölfe gezähmt und aufgezogen haben. Diese Annahme soll sobald wie möglich überprüft werden durch die Auswertung der Kern-DNA – bislang wurde nur die mütterliche Linie untersucht. „Auf die Ergebnisse sind wir sehr gespannt“, sagt Archäozoologin Susanne Münzel auf dem Rückweg. Die Gnirshöhle wird sie noch eine Weile beschäftigen.