Zehntklässler aus Schönäich beim Besuch in Dachau Foto: Deniz Erdem/Johann-Bruecker-Realschule

Einmal im Jahr fahren Zehntklässler der Johann-Bruecker-Realschule Schönaich in das KZ Dachau. Obwohl die Nazi-Zeit mehr als 80 Jahre zurückliegt, lässt der Ort die Jugendlichen tief bedrückt zurück.

Weit über 40 000 Todesopfer, Folter, medizinische Experimente, Erschießungen – das Konzentrationslager (KZ) Dachau gehörte zu den am längsten bestehenden Internierungs- und Todeslager der Nationalsozialisten. Von 1933 bis 1945 sind rund 200 000 Menschen dorthin deportiert worden. Bis heute zählt das KZ Dachau, das nur 20 Kilometer von München entfernt ist, zu den Schreckensorten der deutschen Nazi-Terrorherrschaft.

 

Wie wirkt ein Ort aus einer entfernten Zeit auf junge Menschen heute?

Was macht so ein Ort mit jungen Menschen, für die das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zeitlich lange zurückliegt und nur durch Filme, Bücher, Besuche an Tatorte oder die wenigen Gespräche mit Zeitzeugen noch darstellbar ist? Zwei zehnte Klassen der Johann-Bruecker-Realschule in Schönaich haben am 8. November eine Exkursion nach Dachau unternommen, um Schüler mit dem Schrecken zu konfrontieren und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Schon am Eingangstor beginnt das Grauen

„Da das Thema Nationalsozialismus in der 9. oder 10. Klasse Teil des Lehrplans ist, organisieren wir jedes Jahr eine Fahrt mit Führung in das KZ. Auch dieses Mal waren wieder zwei zehnte Klasse mit Lehrkräften vor Ort“, erklärt Deniz Erdem, Geschichtslehrerin an der Schönaicher Schule. Schon bevor die Schüler das Eingangstor des KZ mit der hochzynischen Inschrift „Arbeit macht frei“ durchquerten, tauchten sie in das Grauen ein. „An der Stelle erläuterte der Guide, dass hier alle nach Dachau deportierten Menschen durchgehen mussten. Hier verließen sie die Rampen“, sagt Erdem.

Kurz danach ging es in den Bunker, wo Häftlinge verhört, eingesperrt, gefoltert und erschossen wurden. „Das war für die Schüler sehr bedrückend. Gerade die 70 mal 70 Zentimeter-Zellen, in denen Menschen stehend ihre Haft absolvieren mussten, erschütterten alle“, erzählt Erdem. Über die Ausstellung, in der Fotos und Dokumente Einblicke in das Leiden und Sterben von Zigtausenden geben, ging es zu den Grundmauern der einstigen Baracken. „Sehr eindringlich wurde deutlich, wie die Menschen schlafen und essen mussten und wo sie auch zu Tode kamen“, so die Pädagogin.

Schritt für Schritt wird der Schrecken spürbar.

Besuch im Krematorium hinterlässt Spuren

Besonders bedrückend wurde die Stimmung kurze Zeit später. Auch wenn historisch wenig Belege dafür gefunden wurden, dass auch in dem bayrischen KZ Massentötungen durch Vergasung stattfanden, stehen die sogenannten Brausebäder und Verbrennungsöfen für den gewaltsamen Tod von mehreren Zehntausend Menschen. „Dort durften die Schüler selbstständig durchlaufen, wenn sie dies wollten. Zwei Schülerinnen entschieden sich dagegen. Alle anderen kamen fassungslos hinaus. Was dort vor rund 80 Jahren passierte, hinterließ Spuren“, beschreibt Erdem.

Zunächst scheint die Zeit der Verfolgung und systematischen Ermordung von Millionen von Menschen, für Jugendliche, die um das Jahr 2006 erst geboren sind, fern. Tatsächlich aber können alle Schüler zumindest einen Bezug zu Gewalt und Diktaturen herstellen, wie die Lehrerin erläutert: „Wenige haben noch hochbetagte Großeltern, die von der Zeit erzählen können. Jugendliche mit Migrationsgeschichte haben zwar die deutschen Verbrechen nicht in der Familie präsent, dafür aber durch Erfahrungen in den Herkunftsländer ihrer Eltern zum Beispiel eine Relation. Vor allem die Jugendlichen, die Wurzeln im Westbalkan haben, wo Familien im ehemaligen Jugoslawien durch den Krieg in den 1990er-Jahren auch grauenhafte Verbrechen erleben mussten.“ Andere flüchteten vor wenigen Jahren aus Ländern, in denen Regime gewaltsam gegen Bürger vorgingen. „So konnten trotz der Einzigartigkeit des Holocaust alle Parallelen ziehen“, sagt Erdem.

Ob deutsche Wurzeln oder nicht – die Verantwortung für ein demokratisches System, das nicht ausgrenzt und aussortiert, spürten alle. „Junge Menschen sind wachsam und teilen die Meinung, für die Demokratie verantwortlich zu sein. Dachau hat gezeigt, was passiert, wenn Menschen aufgrund von Merkmalen oder Meinungen verfolgt und getötet werden. Deshalb lautete das einhellige Fazit der Schönaicher Schüler: ‚Da muss jeder hin. Ein KZ wie Dachau sollte jeder gesehen haben!’“