Das Mittelfeld der Nationalelf macht Hoffnung für die EM im nächsten Jahr – mit drei unterschiedlichen Typen, die eine zentrale Achse von internationalem Format bilden.
Mönchengladbach - Joachim Löw, das bot dieser entspannte Fußballabend zum Abschluss, referierte unten in den Katakomben des Mönchengladbacher Borussia-Parks über seine Trinkgewohnheiten. Nach den Spielen, das sagte Löw – seit vielen Jahren Bundestrainer und Genussmensch in Personalunion –, „trinke ich immer ein Glas Wein. Nicht nur als Belohnung, sondern auch mal aus Frust. Das gab es auch schon.“
Samstagnacht war im Düsseldorfer Teamhotel Genusstrinken angesagt. Zum einen, weil Löws Jungs vorher mit dem 4:0 über Weißrussland die Qualifikation für die EM nächstes Jahr schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Nordirland an diesem Dienstag in Frankfurt (20.45 Uhr) klargemacht hatten. Und zum anderen, weil Löw, nun ja, schon vorher in einer Art Genießermodus sein konnte. Weil ihm beim Anblick seiner zentralen Achse im Mittelfeld womöglich ähnlich warm wurde ums Herz wie beim Genuss eines edlen Tropfens.
Denn Joshua Kimmich, Toni Kroos und Ilkay Gündogan, das ist, wenn man so will, die Prädikats-Auslese des deutschen Spiels. Es ist: das Herzstück.
Im Zentrum herrscht Klarheit
Kroos überragte gegen die Weißrussen mit zwei Toren, die anderen beiden fielen zwar ein bisschen ab mit ihren durchwachsenen Leistungen, aber dennoch: Das zentrale deutsche Mittelfeld steht mit Blick auf die EM. Es ist ein Ausrufzeichen inmitten all der Fragezeichen drum herum. Die Abwehr ist das große Sorgenkind des Bundestrainers mit den Verletzten um den Chef Niklas Süle und der mangelnden Qualität. In der Offensivreihe hängt vieles von der Genesung Leroy Sanés ab, der wie Süle an einem Kreuzbandriss leidet.
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Im Zentrum aber, da gibt es Klarheit. Drei Mittelfeldmänner von absolutem internationalem Topformat hat Löw zur Verfügung – und drei, die bei drei Clubs als Stammkräfte spielen, die nicht zu den schlechtesten in Europa zählen. Kroos (Real Madrid), Gündogan (Manchester City) und Kimmich (FC Bayern) werden sich bis zur EM im Sommer auf Topniveau tummeln und messen, was angesichts nur noch einer Länderspielperiode (Mitte März) bis zur unmittelbaren Turniervorbereitung im Mai und Juni nicht die schlechtesten Aussichten für Löw sind.
Kroos hat Großes vor
Zu was insbesondere Kroos nach dem WM-Desaster von Russland 2018 wieder fähig ist, zeigte sich am Samstag. Die starke Leistung bewog Löw am späten Abend zu einer Lobeshymne. „Toni hat ein überragendes Spiel gezeigt. Man kann ihn auch in Bedrängnis anspielen, er findet immer eine Lösung“, sagte Löw und lobte seinen „Stabilisator“ für dessen „überragende Orientierungsfähigkeit auf dem Platz“.
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Kroos selbst hat mit Blick auf die EM Großes vor. Er will sich, klar, für das WM-Debakel in Russland rehabilitieren. „Bei der WM hatten viele nicht die Form, um vornewegzugehen. Bei elf Leuten brauchst du viele auf dem Platz, die vorangehen“, sagte er und ergänzte: „Ich persönlich erwarte das von mir.“
Ähnlich entschlossen trat Kroos zuletzt auch bei den vergangenen Länderspielen auf. Einen Hang zur Arroganz, häufig ein Vorwurf aus der Vergangenheit ob seiner lässigen Spielweise, kann ihm aktuell niemand mehr ernsthaft vorwerfen – im Gegensatz zum WM-Turnier in Russland.
Der Weltmeister als Vorbild
Toni Kroos grätscht: Dieser eigentliche Widerspruch an sich war schon in den vergangenen Länderspielen zu bestaunen. Jetzt gegen die Weißrussen wieder, und zwar am Anfang, mittendrin und auch zum Schluss. Der alte Fahrensmann sucht seine neue Rolle offenbar noch ein bisschen im Umbruchkosmos, weshalb er auch mal unerwartete Dinge tut.
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Für Löw ist Kroos derzeit sogar das Vorbild schlechthin für all seine jungen Spieler: „Er arbeitet vor und nach dem Training für sich. Er ist top professionell. Das sehen natürlich die Jungen.“
Gündogan ist der Einfädler
Kroos und Gündogan brauchen wohl eher keine Vorbilder innerhalb des DFB-Teams, sie sind längst selbst welche – und verkörpern wie Kroos die Hoffnung auf ein gutes EM-Turnier. Kimmich hat sich längst zum aggressiven Anführer und versierten Spieleröffner auf der Sechserposition entwickelt, er ist in Sachen Siegeswillen wohl unübertroffen, sowohl beim FC Bayern als auch bei der DFB-Elf. Und dass er nun in München unter dem neuen Coach Hansi Flick offenbar wie im Nationalteam auf der Sechs zum Einsatz kommen soll – diese Entscheidung seines ehemaligen Assistenten dürfte Löw gefallen.
Ebenso wie der Fakt, mit Gündogan, dem Einfädler mit den schnellen Pässen, eleganten Drehungen und einer Übersicht, die ihresgleichen sucht, den Mann fürs Besondere zu haben.
Kimmich, Kroos, Gündogan – diese Achse ist eine stabile Konstante. Das Herz des deutschen Spiels, so viel scheint sieben Monate vor der EM klar zu sein, es schlägt in der Mitte.