Stimmt der Abstand? „Stuhlprobe“ für die Freilichtspiele auf dem Haller Marktplatz vor der Großen Treppe. Foto: Ufuk Arslan

Theater in Zeiten des Konjunktivs: Eigentlich wäre an diesem Samstag Premiere auf der Großen Treppe in Schwäbisch Hall gewesen. Doch w egen Corona beginnt die Saison, auf die Gastronomie und Handel gehofft haben, dieses Jahr erst am 24. Juli.

Schwäbisch Hall - An diesem Samstag hätte die „Maria Stuart“-Premiere auf der Großen Treppe vor Sankt Michael stattfinden sollen. Der Haller Oberbürgermeister hätte mit der schweren Amtskette vor der Brust die Begrüßung gehalten. Die Premierengäste hätten sich im Anschluss auf Einladung der Stadt zum feuchtfröhlichen Empfang im Rathaus versammelt. Hätte, hätte, hätte. Jetzt kommt „Alles anders!“.

Dieser Satz trifft in Corona-Zeiten ja auf alles zu, in Schwäbisch Hall lautet so in diesem Jahr das Motto der traditionsreichen Freilichtspiele. Denn im Gegensatz zu den Kollegen der Burgfestspiele Jagsthausen (Hohenlohekreis) haben die Verantwortlichen eine Entscheidung für oder gegen die Spielzeit lange verschoben. Und jetzt entschieden: Es wird eine Sommersaison 2020 geben.

Die Suche nach Kontakt bildet die Klammer zwischen den Stücken

„Wir erfinden das Theater neu“, sagt Intendant Christian Doll. Ein ausgefeiltes Hygienekonzept soll die Sicherheit der Zuschauer und die der Schauspieler garantieren. Statt maximal 1600 werden vor der Großen Treppe höchstens 400 Stühle stehen können, das hat eine „Stuhlprobe“ ergeben. Online können lediglich Doppelplätze gebucht werden.

Gruppen müssen sich über die Touristinformation anmelden, damit der Sicherheitsabstand von 1,50 Metern eingehalten werden kann. Mit einer Neuinszenierung und zwei wegen der Abstandsregeln um­inszenierten Wiederaufnahmen will der Intendant das Publikum auf den Marktplatz locken. Auch Musik vor dem Neuen Globe (maximal 220 Zuschauer) und Theater dahinter auf der Parkbühne (maximal 144 Zuschauer) wird am Kocherufer geboten. „Die Suche nach Kontakt, das Verlangen nach dem anderen, die Lust auf Nähe“, sagt Doll, bilde die Klammer zwischen den Stücken.

Die Freilichtspiele sind dringend auf Sponsoren angewiesen

Der Intendant, der rund 70 Prozent seines in normalen Zeiten 2,8 Millionen Euro umfassenden Etats einspielen muss, will wenigstens „mit einem blauen Auge“ davonkommen. „Ich rechne mit über 100 000 Euro Defizit und hoffe, das wir unter 200 000 Euro bleiben.“ Theaterfreunde haben die Wahl: Tauschen sie bereits gekaufte Karten zurück, spenden sie das Geld oder bestehen sie auf Rückzahlung? Das steht ihnen frei. Umso dringender, sagt der Intendant, seien die Freilichtspiele auf Zuschüsse und Sponsoren angewiesen. „Wir gehen mal davon aus, dass uns die Stadt nicht hängen lässt“, sagt Doll. Diese müsste ohnehin Interesse daran haben, dass die Freilichtsaison nicht völlig ins Wasser fällt. „Klar ist, dass die Gewerbetreibenden in der Stadt massiv von den Freilichtspielen und ihren rund 70 000 Gästen pro Jahr profitieren“, sagt OB Hermann-Josef Pelgrim, der auch Erster Vorsitzender der Freilichtspiele ist.

„Die Freilichtspiele bringen Umsatz und Leben in die Stadt“, sagt auch Heike Riedel, die in einer der schmucken Gassen nahe dem Marktplatz die Kleiderei No. 14 betreibt. Die Gäste aus den Metropolen schätzten den Charme der kleinen Stadt und ein Einkaufserlebnis jenseits der großen Ketten. „Das sind Kunden, die Jahr für Jahr gekommen sind.“ Für Christian Rieger, der das Gasthaus Bergl in der Fußgängerzone betreibt und sich im Verein Hall aktiv engagiert, wiegt der Ausfall der Saison in den Monaten Juni und Juli schwer: „In der Freilichtspielsaison verdienen wir das Geld, das wir brauchen, um über den Winter zu kommen.“

Die meisten Hotelgäste haben bisher noch nicht storniert

Optimistisch gibt sich Volker Dürr, der Inhaber des Hotels Hohenlohe: „Für uns ist es eine große Hilfe, wenn überhaupt etwas stattfindet.“ Das sei auch psychologisch wichtig. Im ersten Haus am Platz ist seinen Angaben zufolge während der Freilichtspiele Hauptsaison. In normalen Zeiten buchten jährlich rund 1400 Theaterfreunde die Arrangements, die neben Übernachtung, Karten samt Decke und Kissen auch ein Vier-Gang-Menü und andere Annehmlichkeiten enthalten. Das kommt an, trotz Preisen von um die 200 Euro pro Person – je nach Zimmerkategorie. Viele Gäste hätten ihre Buchung nicht storniert, sondern abgewartet: „Wir werden alle anschreiben, sobald wir einen Spielplan vorliegen haben.“ Das soll nach dem Willen von Christian Doll schnell geschehen. Der Kartenvorverkauf soll am 27. Juni beginnen. Am 24. Juli soll’s losgehen. Der Intendant schickt noch ein Stoßgebet hinterher: „Ich hoffe nur, dass wir 2021 normal spielen können.“

Schauspieler Walter Sittler wird auf der Großen Treppe eine Benefizvorstellung seines Erich-Kästner-Programms geben. Der Erlös geht an die Schauspielerinnen und Schauspieler, die in diesem Jahr nicht engagiert wurden. Das Engagement des Stuttgarters kommt nicht von ungefähr: Tochter Jennifer ist neuerdings Dramaturgin bei den Freilichtspielen.

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