Die Klimakrise ist die Folge eines Fehlers im Wirtschaftssystem. Ein schneller Umbau tut not, kommentiert Werner Ludwig.
Hitzerekorde in immer kürzerer Folge, katastrophale Dürren, Waldbrände und schmelzende Alpengletscher, die wie jüngst in den Dolomiten zur tödlichen Gefahr werden können. Dazu Extremniederschläge, die wie in Australien ganze Landstriche unter Wasser setzen. Wer die Klimakrise weiter ignorieren will, muss sich schon sehr anstrengen. Den Kopf in den Sand zu stecken ist keine Option, denn auch der ist vielerorts unerträglich heiß. Viel schneller als erwartet ist der Klimawandel auch in den gemäßigten Breiten angekommen – wie die Katastrophe im Ahrtal vor einem Jahr zeigt. Es ist zwar nach wie vor schwer, einzelne Wetterextreme direkt mit der Erderwärmung in Verbindung zu bringen. Auch früher hat es verheerende Überschwemmungen und Dürrejahre gegeben. Allerdings lässt sich mit statistischen Methoden klar zeigen, dass die Häufigkeit solcher Ereignisse durch den Klimawandel zunimmt – und weiter zunehmen wird. Mit fatalen Folgen für Ökosysteme, Ernährung und Gesundheit.
Die Umweltschäden spiegeln sich nicht in den Rohstoffpreisen wider
Vor diesem Hintergrund mutet es seltsam an, dass die Regierungen der großen Industrieländer seit Beginn des Ukraine-Kriegs um fast jeden Preis neue Lieferanten für fossile Energie gewinnen wollen. Obwohl doch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas unbestritten Haupttreiber der Erderwärmung ist. Dazu passt, dass der Ölkonzern Saudi Aramco zum wertvollsten Unternehmen der Welt avanciert ist. Neue Bezugsquellen für Öl und Gas mögen kurzfristig helfen, massive wirtschaftliche Einbrüche zu vermeiden. Doch die Rastlosigkeit von Politikern jeglicher Couleur bei der Suche nach neuen Energiepartnern zeigt auch in aller Deutlichkeit die bedenkliche Sucht unserer Volkswirtschaften nach billigem fossilem Stoff.
Dass es so weit kommen konnte, hängt mit einem Konstruktionsfehler unseres Wirtschaftssystems zusammen: Die Umweltschäden in Billionenhöhe, welche durch die exzessive Nutzung fossiler Energien und anderer natürlicher Ressourcen entstehen, spiegeln sich bis heute nicht ausreichend in den Rohstoffpreisen wider. Die entsprechenden Kosten gingen und gehen somit allenfalls zum Teil in die Bilanzen von Unternehmen und die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen von Staaten ein. Anders gesagt: Die Gewinne und Wachstumszahlen der vergangenen Jahre sind massiv überzeichnet. Diese Bilanzmanipulation war für alle lange Zeit sehr bequem. Sie nährte die Illusion, der Wohlstand könne immer weiter wachsen. Doch die Kosten für den Raubbau an den natürlichen Ökosystemen lassen sich nicht einfach unter den Tisch kehren. Sie sind real, wie nicht nur der Klimawandel belegt.
Die Weltlage eröffnet auch Chancen für ein nachhaltigeres System
Bereits in der Coronapandemie wurde deutlich, dass unsere Art zu leben und zu wirtschaften auf tönernen Füßen steht und damit sehr anfällig ist für Störungen jeglicher Art – seien es gerissene Lieferketten oder Probleme mit der Energieversorgung. Die derzeitige Krise rückt ins Bewusstsein, was unsere eigentlichen Lebensgrundlagen sind: die Nahrungsmittel und Rohstoffe, die der Planet bietet, sowie eine halbwegs intakte Umwelt. Die neueste Modekollektion, ein teures Smartphone oder ein schickes E-SUV stehen auf dieser Skala sehr weit hinten.
So trostlos die Weltlage erscheinen mag – sie eröffnet Chancen für den Aufbau eines nachhaltigeren Wirtschaftssystems. Der schnelle Umstieg auf eine weitgehend klimaneutrale Energieversorgung – der nun hoffentlich mit dem nötigen Elan vorangetrieben wird –, ist dabei nur einer von mehreren Bausteinen. Nachhaltiges Wirtschaften erfordert auch eine konsequente Beschränkung auf das Wesentliche und neue Definitionen für das, was wir Wohlstand nennen.