Das lange geübte Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern wankt, das Vertrauen schwindet – das ist ein Risiko für die Zukunft des Standorts, meint unser Autor.
Geht es nach dem Willen der Wirtschaft, dann soll dieses Jahr endlich die von ihr dringend angemahnte Zeitenwende in der Arbeitswelt bringen: mit Umwälzungen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Immer größer wird die Ungeduld, immer aggressiver wird der Ton. Landauf landab werden die Arbeitnehmer auf nachhaltige Einschnitte eingestimmt – Arbeitgebervertreter sehen das Heil in einem Verzicht auf einstmals hart erkämpfte Errungenschaften.
Manche wollen nur die früheren Gewinnmargen retten
Viele Beschäftigte in den Industrieregionen haben bereits ein Horrorjahr hinter sich, in dem ihnen ein Stellenverlust und andere Grausamkeiten in Aussicht gestellt wurden. Logisches Ziel der Wirtschaft ist es, den Standort überlebensfähig zu halten. Doch ist vielfach gar nicht mehr zu unterscheiden, ob die Unternehmen infolge einer realen existenziellen Schieflage die Arbeitskosten herunterfahren oder ob sie eher die vormals üppigen Gewinnmargen retten wollen, um ihren Anteilseignern etwas Gutes zu tun.
Da nutzen Arbeitgeber einfach die Gunst der Stunde, um zu konsolidieren, wie es im Manager-Sprech beschönigend heißt – womit oftmals umbauen, kürzen, streichen gemeint ist. Wer jetzt Beschäftigten verordnet, den Gürtel enger zu schnallen, setzt auf einen gebremsten Widerstand in einer ohnehin defensiv eingestellten Belegschaft.
In der Dauerkrise sind die Nerven zum Zerreißen gespannt. Nun weicht die Loyalität zu heimischen Produktionsstätten und Belegschaften nicht selten einem nüchternen betriebswirtschaftlichen Kalkül: Die Kosten müssen runter – um jeden Preis. Lange vorbei sind die Zeiten voller Auftragsbücher, als die Gewerkschaften mit möglichen Streiks ihrerseits einen starken Hebel hatten.
Nun schlägt das Pendel zur anderen Seite aus: Vor der Drohkulisse von Standortschließungen und Stellenabbau können die Arbeitgeber auf Unternehmensebene weitreichende Vorstellungen durchsetzen. Die Beschneidung der Homeoffice-Freiheiten gehört da noch zu den milderen, weil einfach zu exekutierenden Maßnahmen. Entlastung bei den Kosten für die Arbeitgeber gegen Jobsicherheit für die Arbeitnehmer – dieser Deal hat sich in kritischen Phasen schon oft bewährt. In der Industrie gibt es dafür bewährte Instrumente. Doch das Interesse der Arbeitgeber daran schwindet.
Wer sitzt am längeren Hebel?
Besorgniserregend ist auch, dass den Betriebsparteien das gegenseitige Vertrauen abhanden zu kommen droht. Die Fähigkeit, im Konsens sachgerechte Lösungen zu entwickeln, war lange eine Stärke von Tarif- und Betriebspolitik. Aus Debatten über zentrale Fragen der Mitbestimmung oder das Kleinklein des betrieblichen Alltags wird heute schnell ein Gegeneinander – der Versuch zu beweisen, wer am längeren Hebel sitzt.
Furcht um die Sicherheit des Jobs breitet sich aus
Klar ist, dass sich alle in einer rasant veränderten Welt bewegen und die in langen Aufschwungjahren angeeignete Bequemlichkeit abstreifen müssen. Was ein wirtschaftspolitischer Rollback dem Standort bringen soll, ist aber offen. Dieses Land hat so viele kluge, kreative und engagierte Kräfte – da kann es um die Unternehmen nicht so schlecht stehen, wie das Gerede vom „freien Fall“ glauben macht. Dennoch breitet sich eine teils konkrete, teils diffuse Furcht um die Sicherheit des Arbeitsplatzes aus. Mit weitreichenden Folgen für die Volkswirtschaft: Die Zahl der Angstsparer nimmt zu, konsumiert wird nur noch zurückhaltend.
Aufbruchstimmung kann in der Konfrontation kaum entstehen. Es ist daher ein schmaler Grat zwischen Aufrütteln und Panikmache. Wer Belegschaften bedroht, motiviert sie nicht und gewinnt erst recht keine guten Leute. Die Sozialpartnerschaft, lange Zeit eine Basis des Erfolgs, darf in dieser Krise nicht unter die Räder kommen.