Es gibt zurzeit einige, die froh sind um jedes Lebensmittel, das sie nicht bezahlen müssen. Foto: z

Durch Kurzarbeit und Entlassungen geraten in der Krise immer mehr Menschen in eine finanzielle Schieflage. Auf den Fildern springen dann etwa die Fildertafel oder die Foodsharer aus Stuttgart-Sillenbuch ein.

Filder/Sillenbuch - Nichts Gutes soll in der Tonne landen. Mehrmals die Woche holen in Sillenbuch Mitglieder von Foodsharing bei Läden und Produzenten Lebensmittel ab, die genießbar sind, sich aber nicht mehr verkaufen lassen. Im Fair-Teiler am Gosheimer Weg kann sich jeder kostenfrei daran bedienen. Die vier Samstagsabholungen jedoch sind seit Kurzem reserviert. Brot, Gemüse und mehr gehen an Menschen im Bezirk sowie in Ostfildern, die coronabedingt durch Kurzarbeit oder Jobverlust plötzlich weniger Geld in der Tasche haben – und dadurch auch weniger Essen im Kühlschrank.

Wer ist betroffen? Die Foodsharing-Botschafterin Annette Jickeli spricht von einem „ganz bunten Blumenstrauß“. Darunter sind etliche Alleinerziehende, die ihre Anstellungen verloren und sich stattdessen daheim um ihre Kinder gekümmert haben, ein arbeitsloses Studentenpaar, eine Asiatin, deren Arbeitsvisum abgelaufen ist, die ihren Heimflug aber nicht antreten konnte, ein Paar aus der Reisebranche ohne Beschäftigung, Musiker oder Kunstschaffende, aber auch Rentner, die einen deutlichen Preisanstieg bemerkten und daher froh um jeden Salatkopf seien, den sie nicht bezahlen müssen. Annette Jickeli hat erfahren, dass in etlichen Familien aktuell das Geld schon am 10. im Monat knapp wird. „Ich denke, das verschafft ihnen Luft“, sagt sie über die kostenlosen Waren.

Man könne das Ausmaß wohl nicht absehen

Tanja Herbrik kennt die Nöte. Sie ist beim Kreisdiakonieverband Esslingen die Leiterin des Fachbereichs Armut und Beschäftigung und unter anderem für die Fildertafel in Filderstadt-Bernhausen zuständig. Dort kaufen täglich bis zu 120 Bedürftige günstige Lebensmittel ein. Berechtigt sind jene, die Hartz IV beziehen, eine Grundsicherung im Alter erhalten oder anderweitig auf staatliche Hilfen angewiesen sind, um ihr tägliches Leben zu bestreiten. Seit Corona kommen allerdings vermehrt auch Anfragen von Kurzarbeitern und Leuten, die ganz frisch gekündigt wurden, erzählt Tanja Herbrik. „Ich glaube, das Ausmaß können wir noch gar nicht absehen.“

Beim Kreisdiakonieverband wird den Menschen in der Corona-Krise geholfen – mit Schuldner-, Sozial- und Lebensberatungen, in Gruppen für Alleinerziehende, aber auch konkret mit Lebensmitteln. Wer nachweisen kann, dass eine finanzielle Schieflage besteht, bekommt unbürokratisch eine Übergangskarte für die Tafel. Mehrere dieser Ausweise sind bereits im Umlauf. „Wir lassen niemanden im Regen stehen“, betont Tanja Herbrik.

Es gebe eine große Hilfsbereitschaft

Nach einer Delle zu Beginn der Corona-Krise seien auch die Regale wieder gut gefüllt, ebenso die gepackten Tüten, die bei den Tafelläden in Echterdingen und Ostfildern-Nellingen ausgegeben werden. Der Bundesverband habe eine Ausnahmegenehmigung erteilt, Waren zuzukaufen, denn sonst darf nur das verteilt werden, was Supermärkte und andere Läden abgeben. Zum Kaufen braucht es Spenden. „Wir gehen zum Teil gezielt auf Firmen zu, aber wir erleben auch eine große Solidarität“, sagt Tanja Herbrik.

Auch die Sillenbucher Foodsaverin Annette Jickeli berichtet von großer Hilfsbereitschaft. Privatpersonen hätten bereits für Bedürftige eingekauft. Zudem spende das Augustinum abgepackte Speisen, die die Senioren nicht verzehren. Auch Jickeli glaubt, dass der Bedarf so schnell nicht abreißen wird. „Es kommen immer neue Leute dazu. Die Not wird größer.“

Unterstützen:
Wer Foodsharing unterstützen möchte, schreibt eine E-Mail an die Adresse annette.jickeli@gmail.com.

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