Schäleisen, Axt und Krämpen – die Waldarbeiter in Hausach finden es gut, dass sie beim Floßbau mal nicht mit der Motorsäge ranmüssen. Foto: Siebold

Im Kinzigtal bauen Waldarbeiter ein Floß, das zur Eröffnung der Landesgartenschau in Lahr im April präsentiert werden soll – schwimmen wird es dort allerdings nicht.

Schwarzwald - Ein paar Minuten noch, und der schon geschälte kerzengerade Fichtenstamm ist fertig. „Gutes Werkzeug und Können“, lobt Reinhard Himmelsbach (51) seinen Kollegen. Während er mit dem Schäleisen einen weiteren frisch geschlagenen Stamm aus dem Staatswald von Hausach im Kinzigtal (Ortenaukreis) von der Rinde befreit, setzt Franz Schmalz (62) seine messerscharfe Axt an das dicke Ende des Stammes und spitzt es mit kräftigen Schlägen wie einen Bleistift zu. Revierleiter Klaus Dieterle steht mit dem Krämpen, einem Hebewerkzeug zum Verrücken des Stammes, bereit. „Das ist mal eine Abwechslung, nicht immer nur Motorsäge“ sagt Franz Schmalz und lächelt zufrieden über sein Werk.

Die Forstwirte und der Förster sind dabei, ein Floß herzustellen, das im April zur Landesgartenschau in Lahr, im benachbarten Schuttertal, das Publikum an die jahrhundertealte Flößertradition im größten Landkreis des Landes Baden-Württemberg erinnern soll. Es sind genau gesagt zwei Flöße – Fachausdruck: Gestöre – mit jeweils sieben Stämmen zwischen fünf und sechs Metern Länge, die mit Wieden zusammengebunden werden. Wieden sind biegsam gemachte dünne Stämme von Tanne und Haselstrauch. Das zwölf Meter lange Floß wiegt knapp drei Tonnen und ist „nur“ ein kleines Demonstrationsobjekt. „Die früheren Flöße waren bis zu 600 Meter lang und transportierten 600 Festmeter Holz“, erklärt Forstrevierleiter Dieterle.

Amsterdam steht quasi auf Schwarzwaldtannen

Das war in der Blütezeit des Holztransports vom Schwarzwald über zunächst kleine, dann größere Flüsse wie Schiltach und Kinzig und dann den Rhein bis nach Holland. Das Seefahrerland brauchte Holz für Schiffe und Pfähle für den Städtebau. Amsterdam steht buchstäblich auf Schwarzwaldtannen. Wann genau Holz aus dem Schwarzwald erstmals geflößt wurde, ist nicht dokumentiert. Noch nicht, als die Römer da waren. Doch schon der Dom in Speyer (1050) und das Münster in Straßburg (1176) wurden mit geflößtem Holz aus dem Schwarzwald gebaut. Die ersten Nachweise gibt es im 14. Jahrhundert, die Städte Wolfach, Schiltach und Gengenbach wurden die Zentren der Flößerei. Selbst kleine ­Bäche bis hinauf nach Alpirsbach und Bad Rippoldsau wurden flößbar gemacht. Oft wurde ein Stamm nach dem anderen ins Tal gelassen. Dort, auf den angestauten „Schwellweihern“, wurden sie zusammengebunden und weiter Richtung Rhein transportiert.

Flößerei war ein Geschäft für die ganze Region. Fürstliche Dekrete legten die Rechte fest, damit nicht nur die Waldbesitzer, sondern auch die Bürger der Städte vom Handel profitierten. Vom Schwarzwald bis zum Rhein durchquerten die Flöße bis zu zehn Herrschaftsgebiete mit eigener Zollhoheit. Die Flöße transportierten auch Brennholz, Waren und Menschen. Auf dem Rhein übernahmen schon früh kapitalkräftige Unternehmen, regelrechte Konzerne, die Regie. Die Schwarzwälder Flößer kehrten zurück, um den nächsten Konvoi auf der Kinzig zusammenzustellen. Ein Floß nach Holland war wochenlang unterwegs.

Raubbau ließ das Geschäft mit dem Holz erlahmen

Die erste Blütezeit der Flößerei endete mit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Erst als später die Niederlande zur See- und Kolonialmacht aufstiegen, folgte ein weiterer Aufschwung. Da kamen die holländischen Einkäufer persönlich in den Schwarzwald, um die geeigneten Hölzer auszusuchen. Bis heute nennen die Einheimischen besonders groß und gerade gewachsene Nadelbäume Holländertannen. Jahrelanger Raubbau ließ das Geschäft jedoch bald wieder erlahmen, im nördlichen Schwarzwald am Kniebis bei Calw musste 1767 der Holzeinschlag eingestellt werden. Noch einmal, mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, wurden Unmengen von Holz als Energieträger und Baumaterial gebraucht. Doch bald machte die Eisenbahn dem Wasserweg Konkurrenz. 1895 fuhr das letzte „echte“ Floß kinzigabwärts. Der witterungsanfällige, gefährliche, langsame und verlustreiche Wasserweg hatte gegen Schiene und Straße keine Chance.

„Wir wollen an die große Bedeutung der Flößerei in der Region erinnern“, sagt der Förster Klaus Dieterle. Das Holz spielt nach wie vor eine große Rolle im Kinzigtal. 90 000 Hektar Wald gibt es im Ortenaukreis vom Schwarzwald bis zum Rhein. Das sind fast 40 Prozent der Gesamtfläche. Schwarzwaldtannen gehen auch heute noch auf Reise – bis nach Japan, wo Weißtannenholz für Totenbretter verwendet werden. Das Hausacher Floß wird – per Lkw – im März nach Lahr gebracht und dort zur Eröffnung der Landesgartenschau im April vor Ort zusammengebaut, aber nicht zu Wasser gelassen.

Flussflößerei als immaterielles Kulturerbe

Die Flößerei ist jahrhundertelang genutzt worden, um Stammholz zu verschicken. Schon Phönizier und Römer flößten Holz für Schiffe auf dem Mittelmeer. Die Flussflößerei ist 2014 als Kulturform in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen worden, wird aber nicht mehr praktiziert. Die Flößerei spielt noch in Kanada, Norwegen, Finnland und Russland eine Rolle.

Im Schwarzwald pflegen Vereine und Museen das Andenken an die Flößertradition, wie in Gengenbach, in Bad Wildbad, in Wolfach und in Schiltach.