Die großen Hollywoodstudios sind geschockt: Netflix könnte mit Filmen wie Martin Scorseses „The Irishman“ auf Oscar-Kurs sein. Auch die Kinobetreiber sehen Streamingdienste als gefährliche Konkurrenz. Aber sind die Ängste berechtigt?
Stuttgart - Ein wenig Störfeuer hatten sie erwartet, eine solch spektakuläre Demütigung eher nicht: Hollywoods etablierte Großstudios sind bei den Nominierungen für die Golden Globe Awards, für den traditionellen Anheizerpreis des Oscar-Rennens, in die zweite Reihe geschoben worden. Wichtiger als die Filme von Disney, Warner und Universal sind dieses Jahr Produktionen von Netflix.
Bloß keine Netflix-Oscars?
Drei von fünf Titeln, die um den Golden Globe für den besten Film konkurrieren, stammen vom Marktführer der Streamingwelt: Martin Scorseses „The Irishman“, Noah Baumbachs „Marriage Story“ und Fernando Meirelles’ „Die zwei Päpste“. Die sowieso schon üppigen Anzeigenstrecken, mit denen die großen Studios die rund 7000 mit Oscar-Stimmrecht bewaffneten Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences auf ihre Filme und Stars aufmerksam machen wollen, werden nun noch einmal kräftig anschwellen. Dass Netflix bei der Oscar-Verleihung am 9. Februar 2020 triumphiert, soll möglichst verhindert werden.
Seit Jahren führt die Kinowelt nun schon einen Krieg gegen die Streamingdienste, vor allem gegen den Branchenprimus Netflix. Studios, Filmverleiher und Kinobetreiber beschuldigen die Streamer, ihnen Talente und Projekte wegzuschnappen – und die fertigen Filme dann zum Schaden der Künstler und Filmfreunde nicht auf der großen Leinwand zu zeigen.
Musterbeispiel „The Irishman“
Bietet Netflix aber den Kinoeinsatz an, wird wütend zum Boykott aufgerufen: Netflix sei ein Parasit, der Filme nur auf die Leinwand bringe, weil wichtige Filmpreise wie der Oscar an einen Kinoeinsatz gebunden seien. Die ganze Verlogenheit der Debatte hat sich gerade wieder an Martin Scorseses „The Irishman“ gezeigt, einem Mafiadrama mit Robert DeNiro, Al Pacino und Joe Pesci. Der Film gehört zum Besten, was dieser für viele Klassiker verantwortliche Regisseur gedreht hat. Seit 27. November ist er bei Netflix abrufbar, 14 Tage zuvor hatte er auch in Deutschland einen kleinen Kinostart.
Wenn Studios, Verleiher und Kinobetreiber nun klagen, dieses preisverdächtige Werk hätte einen regulären Kinostart verdient gehabt, lassen sie einige fundamentale Umstände außer Acht. Zuallererst den, dass „The Irishman“ im derzeitigen Hollywood nie entstanden wäre. Die großen Studios konzentrieren sich auf sündhaft teure Spektakelproduktionen, am liebsten auf Fortsetzungen etablierter Franchises. Disney ist mit den Superheldenfilmen aus dem Marvel-Universum und der Marke „Star Wars“ zum mit Abstand mächtigsten Studio geworden.
Alte Herren als Risiko
Einen Film über ältere Mafiosi und praktisch ohne Elemente, die ein Teenagerpublikum in die Multiplexe locken könnte, hätte kaum ein Studio angefasst. Wer es trotzdem versucht hätte, der hätte eine Prestigeproduktion mit renommierten Schauspielern fürs Oscar-Rennen geordert – und dafür maximal 25 Millionen Dollar Budget bewilligt. „The Irishman“ aber hat 159 Millionen Dollar gekostet.
Zudem befinden sich Scorsese, DeNiro, Pacino und Pesci allesamt in der zweiten Hälfte ihres achten Lebensjahrzehnts, was als enormes Risiko für die Fertigstellung eines Projekts gilt. Eine weitere Hürde für „The Irishman“: Niemand hätte wohl lauter gegen die Lauflänge von 209 Minuten protestiert als jene Kinobetreiber, die nun so tun, als hätten sie Scorseses Alterswerk gerne einen Platz in ihrem Programm eingeräumt. Filme, die zum Preis von einer Eintrittskarte den Kinosaal für zwei Vorstellungslängen blockieren, mögen sie nämlich gar nicht.
Viel Konkurrenz für die Leinwand
Natürlich ist die schlichte Formel, die neue Lust am Serienfernsehen sei schuld am allmählichen Abbröckeln der Kinobesucherzahlen, so nicht haltbar. Mobile Endgeräte und dauerndes Online-Sein, Spielewelten und soziale Netzwerke, großstädtische Ausgehangebote und ländliche Defizite bei den neuesten Projektionstechniken tragen zu den Problemen des Kinos vermutlich mehr bei als der Boom der Streamingdienste. Ganz zu schweigen vom Störpotenzial jener chronisch aufmerksamkeitsreduzierten Besucher, das andere Menschen dazu bringt, dem Heimkino den Vorzug zu geben.
Es geht bei der Debatte um Filme wie „The Irishman“ oder „Marriage Story“ nicht um ein paar Tickets. Es geht um ein Geschäftsmodell. Kinos bekommen Filme derzeit für einige Monate exklusiv, bevor sie anderswo zu sehen sein werden. Streamingdienste aber erwiesen sich einen Bärendienst, überließen sie dem Kino einen Film lange exklusiv, um derweil die eigenen zahlenden Abonnenten auf einen späteren Zeitpunkt zu vertrösten.
Angst vor dem Wandel
Bei den paar meist eher auf ein älteres Filmkunstpublikum zugeschnittenen Netflix-Filmen, die einen Kinostart bekommen, wäre der Bruch der Sperrfrist wirtschaftlich zwar unerheblich. Aber Kinos wie Verleiher nehmen sie als Präzedenzfälle wahr. Sie fürchten eine Aufweichung, die zum ruinösen Wettrennen um immer frühere Nachverwertungen führen könnte – auch bei großen Popcorn-Produktionen.
Man kann diese Sorge nachvollziehen. Aber hinter meist noch vorgehaltener Hand wird auch in der Branche die Frage gestellt: Wie attraktiv ist das Kino mit seiner großen Werbemaschine eigentlich noch? Die durchschnittliche Besucherzahl der Blockbuster sinkt seit Jahren. Nur eine immer größere Masse teuer produzierter Spektakel verschafft dem Kino noch achtbare Gesamtbesucherzahlen.
Zugleich sind Menschen zunehmend bereit, sogar ein in der Straßenbahn in der Hand gehaltenes Smartphone als Minikino zu akzeptieren. Sind in solchen Zeiten Streamingstarts als Werbevehikel für eine zeitgleiche Kinoauswertung vielleicht ein Mittel gegen den Besucherschwund?
Für Scorsese ist die Sache kalr
Genaues weiß keiner, mulmig ist es vielen. Das Kino als Massenvergnügen ist schon oft totgesagt worden und hat dann doch weiter die Projektorlampen gezündet. Umgekehrt hat die Musikindustrie einen zuvor nicht für möglich gehaltenen Wandel weg vom einzeln verkauften physischen Tonträger hin zum Flatrate-Streaming erlebt.
Für Filmemacher wie Martin Scorsese ist das alles gar keine Frage mehr: Sie platzieren ihre Projekte dort, wo sie überhaupt finanziert werden und wo sie eine Chance bekommen, in Ruhe ihr Publikum zu finden. Im Zweifel ist das Netflix.