Über Rohrzuleitungssysteme gelangt das Abwasser im Klärwerk. Foto: Fatma Tetik

Wie sieht es eigentlich unter der Erdoberfläche von Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen aus? Was schlummert in der Tiefe und bleibt den Menschen für gewöhnlich verborgen? Eine Serie forscht nach. Heute: die Stadtentwässerung in Stetten.

Stetten - Aus den Augen, aus dem Sinn: Dieser Grundsatz gilt für viele beim Betätigen der Toilettenspülung. Was dem Verbraucher stinkt, verschwindet in den unsichtbaren Tiefen der Kanalisation. Dabei handelt es sich bei Weitem nicht mehr nur um Fäkalien und Klopapier. Das stille Örtchen wird zunehmend als Müllschlucker missbraucht. Dabei wird das Abwasser wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zugeführt und landet somit in Flüssen und Seen. Dass in den Gewässern am Ende weder menschliche Ausscheidungen noch entsorgter Unrat schwimmen, ist den Mitarbeitern der Abwasserreinigung bei den Stadtwerken zu verdanken.

Regelmäßig steigen die Fachkräfte in die Tiefen der 145 Kilometer langen Kanalisation, um Störungen im Netz zu beheben. Dabei handelt es sich fast immer um Verstopfungen im Pumpwerk. Aus den verstopften Abwasserpumpen fischen die Männer diverse Dinge, die dort zwar nichts zu suchen haben, jedoch über die Toilette entsorgt worden sind: Damenbinden, Windeln, Unterhosen, Kondome, Zigarettenkippen, Ohrstäbchen, Essensreste und sogar Puppen, Spielzeugautos und tote Haustiere. „Es gibt eigentlich kaum etwas, das nicht in der Toilette hinuntergespült wird“, berichtet der Sachgebietsleiter der Stadtentwässerung, Jürgen Kemmner. Das größte Problem ist aber feuchtes Toilettenpapier. Denn anders als gewöhnliches Toilettenpapier lösen sich die reißfesten Vliestücher, die in immer mehr Haushalten Einzug halten, in den Abwasserkanälen nur schlecht oder gar nicht auf. Auf ihrem Weg durch die Kanalisation werden die Feuchttücher ineinander verwirbelt und wachsen zu meterlangen Zöpfen heran, die sich in den Pumpen verfangen und sie blockieren.

Im Rechen landen auch mal Uhren und Colliers

In den beiden Klärwerken der Stadt setzt sich das Problem fort. Rechenanlagen filtern den groben Unrat, der es durch die Abwasserpumpen geschafft hat, aus dem Wasser und befördern diesen über ein Laufband in einen Müllcontainer. „Wir haben im Rechen schon diverse Schmuckstücke wie Uhren und Colliers gefunden“, erzählt der Abwassermeister in Stetten, Wolfgang Rutz. In einer Feinrechenanlage werden schließlich all jene Bestandteile herausgefiltert, die der Grobrechen nicht erfassen konnte.

Feuchttücher sind ein Problem. Foto: Fatma Tetik

Allein in der Kläranlage Stetten filtern die Rechen monatlich 4,2 Tonnen Restmüll aus dem Abwasser. Verbleibende Feststoffe werden anschließend im Vorklärbecken entfernt. Nach der mechanischen Reinigung folgen in verschiedenen Klärbecken biologische und chemische Reinigungsstufen, bevor das nun saubere Abwasser schließlich in die Gewässer geleitet werden kann. Neben dem Abwasser aus Toiletten, Duschen, oder Waschmaschinen fließt übrigens auch Regenwasser in das städtische Entwässerungssystem.

Jeder kann dazu beitragen, die Gewässer zu schützen

Um das örtliche Kanalnetz bei Starkregen nicht zu überlasten, gibt es im Stadtgebiet deshalb zusätzliche Regenüberlauf- und rückhaltebecken. Regenüberlaufbecken mit einem Gesamtvolumen von etwa 10 000 Kubikmetern entlasten die Kleingewässer auf der Filderebene und schützen Anwohner und Industrie vor Überschwemmungen. Stadtwerkechef Peter Friedrich erklärt, dass jeder Bürger dazu beitragen kann, die Gewässer zu schützen. „Unser Appell an die Bevölkerung lautet, keinen Müll über das WC zu entsorgen. Feuchttücher gehören in die Mülltonne“, betont er. Am Ende müssten schließlich die Bürger selbst die Kosten für das aufwendige Verwahren über die Abwassergebühr zahlen.

Der Betriebsleiter weist zudem darauf hin, Essensreste nicht über die heimische Toilette hinunterzuspülen. Das führe im Kanalnetz zu einer raschen Vermehrung der Rattenpopulation. „Wir legen zwar regelmäßig Rattenköder in der Kanalisation aus. Maultaschen schmecken den Tieren aber viel mehr“, sagt Friedrich.

Wer glaubt, der Rattenbesuch aus der Kloschüssel sei ein Ammenmärchen, irrt zudem gewaltig. Angelockt durch Speisereste, die über das WC entsorgt werden, können die krankheitsübertragenden Nager auf ihrer Suche nach Nahrung nämlich über mehrere Stockwerke auch senkrechte Rohre hinaufklettern. Fehlt eine Rückstauklappe im Abwasserrohr oder ist diese defekt, kann der Albtraum schnell zur Realität werden. Und dann hilft auch eine kräftige Klospülung nicht mehr weiter.

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