Bildungsgipfel mit der FDP: Die fünffache Mutter Zarah Abendschön-Sawall, FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke und Redakteurin Lisa Welzhofer (v. re). Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

„Wie erkläre ich meinem Kind, dass seine Schule zu bleibt?“, fragt Zarah Abendschön-Sawall Hans-Ulrich Rülke. Der FDP-Spitzenkandidat tut sich mit der Antwort schwer und leicht zugleich.

Stuttgart - Fast scheint es, als habe Hans-Ulrich Rülke im virtuellen Landtagswahlkampf den Austausch mit realen Bürgern ein bisschen verlernt. Zumindest verzieht er keine Miene, als Zarah Abendschön-Sawall ihn zur Begrüßung begeistert auf seine schwarz-gelben Socken anspricht, die er an diesem Tag modemutig zum kobaltblauen Anzug kombiniert. Und auch von der rhetorischen Kreativität und der Lust an der Auseinandersetzung, für die der FDP-Fraktionschef und Spitzenkandidat bekannt ist, ist erst mal nicht viel zu hören. Routiniert spult Rülke die Forderungen seiner Partei (Stufenplan zur Öffnung des öffentlichen Lebens, Schutz- statt Eindämmungsstrategie) und das Programm für die Landtagswahl im März zum Thema Bildungspolitik ab.

 

Kinder leiden unter Einschränkungen

Zarah Abendschön-Sawall, fünffache Mutter aus der Nähe von Heilbronn, Jungunternehmerin und Vorstandsmitglied des Vereins Initiative Familien, der sich als Eltern- und Kinderlobby versteht, will mit Rülke beim kleinen Bildungsgipfel unserer Zeitung über Bildungs- und Familienpolitik diskutieren, ihm von ihren Erfahrungen in der Pandemie berichten.

Ihre Kinder, zwischen zwei und 14 Jahre alt, litten unterschiedlich unter den Einschränkungen, erzählt die 35-Jährige. Ihre Tochter zum Beispiel laufe jeden Morgen zum Bahnhof und blicke der S-Bahn nach, mit der sie normalerweise zur Schule fährt. Erst dann fange sie daheim mit dem Lernen an. „Und mein Zweijähriger musste fast sein ganzes bisheriges Leben auf Distanz zu anderen gehen. Da blutet mir das Herz“, sagt Abendschön-Sawall.

Die Regeln sind widersprüchlich

Von Rülke erwartet sich Abendschön-Sawall, die sich für die Öffnung aller Schularten einsetzt, Antworten auf Fragen wie diese: „Wie soll ich meinem Kind erklären, dass es nicht zur Schule darf – auch wenn es alle Hygiene- und Abstandsregeln einhält? Warum bleiben die weiterführenden Schulen geschlossen, obwohl in manchen Gemeinden die Infektionszahlen niedrig sind?“

Der 59-Jährige, der den Wahlkreis Pforzheim/Enz vertritt, tut sich mit der Antwort schwer und leicht zugleich: Schwer, weil die FDP als Oppositionspartei in diese Entscheidungen nicht einbezogen wird. Leicht, weil seine Partei schon lange einen Stufenplan zur Öffnung von Kitas und Schulen fordert. Rülke haut deshalb rhetorisch seit Wochen auf die Landesregierung ein, wirft ihr Planlosigkeit vor oder – wie dem Grünen-Sozialminister – wichtige Entscheidungen im „Lucha-Schlaf“ zu verpennen.

Auf Kosten der Bildungsgerechtigkeit

Die FDP hat Bildung zu einem ihrer Wahlkampfschwerpunkte gemacht, sie will vor allem die Digitalisierung der Schulen massiv vorantreiben. Ansonsten will die Partei allerdings mehr oder weniger zur alten Schullandschaft zurück (gegliedertes System, verbindliche Grundschulempfehlung, Abkehr vom Dogma der Gemeinschaftsschule). Zu einem System also, in dem Bildungserfolg stark vom Elternhaus abhängt.

Es ist denn auch das Thema Bildungsgerechtigkeit, bei dem sich ein erstes Streitgespräch zwischen Zarah Abendschön-Sawall und Hans-Ulrich Rülke entspinnt, bei dem die beiden in ihren orangenen Sesseln im ehemaligen Fernsehstudio unserer Redaktion, welches genügend Corona-Sicherheitsabstand ermöglicht, ganz an die Kante vorrücken, um eindringlicher miteinander sprechen zu können. „Die Situation derzeit ist für uns als Familie sehr belastend, aber meine Kinder wachsen immerhin sehr behütet auf“, sagt Abendschön-Sawall, „wir haben ein großes Haus, keine finanziellen Sorgen. Immer hat jemand Zeit, sich zu kümmern.“ Privilegien, die viele andere Kinder nicht hätten. Abendschön-Sawall sieht den Staat in der Pflicht, solche Unterschiede durch ein gerechtes Bildungssystem auszugleichen.

Rülkes Faible für Zuspitzung erwacht

Ja, sagt Rülke, dessen Faible für Zuspitzung und Disput nun doch erwacht ist, Bildungsgerechtigkeit sei ein wichtiges Ziel, die FDP setze unter anderem auf frühkindliche Bildung. „Aber es kann nicht sein, dass Eltern ihre Kinder an der Schultür abgeben und erwarten, dass die Schule alle Probleme löst, die in manchen Familien nicht gelöst werden“, sagt Rülke und appelliert damit an die Eigenverantwortlichkeit der Eltern.

Einmal in Fahrt gekommen, wird das Gespräch zu einem Austausch, in dem die Diskutanten oft dasselbe, aber mit unterschiedlichen Mitteln, wollen. Beispiel Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Während Abendschön-Sawall kostenfreie Kitas und eine finanzielle Anerkennung für die Sorgearbeit, die vor allem Frauen daheim leisten, ins Spiel bringt, will Rülke lieber möglichst viele, gute Betreuungsplätze schaffen.

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht

Es ist nicht so, dass der Liberale der Freiheit des Einzelnen keinen staatlichen Rahmen setzen möchte. Der gebürtige Badener ist zum Beispiel ein Verfechter des starken Rechtsstaats. Und auch sonst zeigt er gern klare Kanten. Mit seiner emotionalen Brandrede im Landtag über die AfD, der er die Verwendung von Nazirhetorik unterstellte, heimste er 2017 viel Aufmerksamkeit und Beifall ein.

Im Wahlwerbespot präsentiert sich Rülke als Macher, mit dem ein „Impuls“ durchs Land gehen wird. Rülke, der eine Art raufboldigen und damit auch irgendwie interessanteren Gegenpol zum gemäßigten Landesparteichef Michael Theurer bildet, präsentiert sich als der Mann, den das Land jetzt braucht. In einem Interview mit unserer Zeitung hat er sich als Superminister für Wirtschaft, Energie und Infrastruktur ins Spiel gebracht. Auf die Frage, ob das nicht ein bisschen viel für einen Minister ist, sagte Rülke: „Kommt drauf an, wer es macht.“

„Zu Hause trägt meine Frau die Hauptlast“

Es ist Mittag geworden. Das Gespräch ist beim Thema Gleichberechtigung zwischen Müttern und Vätern angekommen. Zarah Abendschön-Sawall erzählt, dass sie oft gefragt werde, wie sie das schaffe, Erwerbsarbeit und Familie zu vereinbaren. „Dabei teilen mein Mann und ich uns die Aufgaben gleichberechtigt auf“, sagt sie und guckt zu Rülke. „Ich werde das tatsächlich nie gefragt“, sagt der, „bei mir gehen alle davon aus, dass meine Frau die Hauptlast der Arbeit zu Hause trägt, was ja auch so ist – was aber nicht heißt, dass ich nichts mache.“ Außerdem erzählt er dann noch, dass er in der Pandemie häufiger daheim sei. Zumindest der jüngste seiner drei Söhne sage, dass ihn das freue, sagt Rülke und dabei huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Abendschön-Sawall nickt zufrieden. Am Ende hat sie ihn dann doch noch ein bisschen geknackt.