Michi Beck (links) und Smudo sind Juroren bei der Casting-Show „The Voice of Germany“. Foto: © ProSieben/SAT.1/Richard Huebne

Die Fantastischen Vier kommen zum Jahresausklang in der nächsten Woche wieder in die Schleyerhalle. Zwei von ihnen, Smudo und Michi Beck, erzählen vorab, was die Band mit den Stuttgarter Wurzeln getrieben hat – und was sie als nächstes plant.

Stuttgart - Vor exakt zwei Jahren, wie traditionell zur Weihnachtszeit, waren die Fantastischen Vier zuletzt in der Schleyerhalle zu Gast. Jetzt ist die nach wie vor bekannteste Stuttgarter Band, die in ihrer Heimatstadt längst die größte verfügbare Halle gleich mehrfach für ihre Auftritte buchen muss, wieder dort zu Gast. Im Gepäck hat sie das etwas unorthodoxe Minialbum „Supersense Block Party“, eine Art Sampler – sowie ein brandneues Stück. Mindestens. Denn das Quartett hat natürlich schon wieder neue Pläne geschmiedet.

Smudo und Michi, die Fantastischen Vier gehen auf Tournee, und prompt mussten in der Stuttgarter Schleyerhalle zwei Zusatzshows angesetzt werden.
Michi Beck Ja, das ist super, besonders wenn man bedenkt, dass unser letztes Album auch schon wieder zweieinhalb Jahre alt ist. Drei Shows ohne ein neues Album spielen zu können: das ehrt uns sehr.
Immerhin wären da ja noch das vor einem Jahr erschienene Best-of-Album „Vier und Jetzt“ und das neue Minialbum „Supersense Block Party“. Gibt es aber einen konkreten Anlass für die Tour?
Michi Beck Wir machen Alben oder wir spielen live. Das ist unser Beruf.
Und: macht es noch Spaß?
Smudo Ja, touren ist das ­Beste.
Michi Beck Ja. Neue Songs zu schreiben ist manchmal sehr anstrengend. Wochenlang auf Tour zu sein ist auch anstrengend. Aber anders anstrengend. Für uns sind Konzerte jedoch auch wichtig, um die Maschine am laufen zu halten und weiter im Studio arbeiten zu können. Wir wohnen alle an unterschiedlichen Orten, jeder hat sein eigenes Umfeld, jeder von uns hat mittlerweile auch seine Familie, da schärft es das Bandgefühl sehr, wenn du zusammen unterwegs bist.
Was gibt es neues zu sehen und zu hören?
Smudo Wir haben unser Minialbum „Supersense“ gemacht, haben viele Sachen umarrangiert und den DJ-Weltmeister Eskei83 als DJ richtig als Bandmitglied für die Tour integriert. Wir haben schon bei der Festivalsaison viele Erkenntnisse gewonnen, die wir jetzt beim Proben verwirklicht haben. Wir spielen zwei neue Stücke. Und da es nicht die Tour zu unserem letzten Studioalbum „Rekord“, sondern die Best-of-Tour ist, spielen wir auch ganz alte Sachen oder schneiden sie zumindest an, „Jetzt pass auf“ zum Beispiel. Wir haben viel geändert im Vergleich zur Rekord-Tour. Eigentlich ist es eine ganz neue Show.
Wächst das Publikum nach? Kommen Leute, die noch nie bei einem Fanta-vier-Konzert waren?
Michi Beck Manchmal denke ich mir, dass wir schon so viele Konzerte gegeben haben, dass uns eigentlich alle schon mal gehört haben müssten. Aber wenn man sich dann überlegt, dass zum Beispiel Truppen wie die Blue Man Group seit 15 Jahren jeden Tag das gleiche machen und es immer noch Leute gibt, die das tatsächlich noch nicht gesehen haben. . . Jedenfalls hatten wir noch nie so eine große Nachfrage nach den Tickets wie jetzt bei den Open-Air-Konzerten. Und natürlich kommen jetzt wegen unserer Mitarbeit bei der Fernsehshow „The Voice“ auch viele ganz junge Menschen und Teenager.
Smudo Ich glaube, dass wir bei unseren Auftritten in vielen kleineren Konzertorten ganz viele Leute erreichen, die uns immer schon mal live sehen wollten, aber bisher keine Lust hatten, 150 Kilometer weit irgendwo hinzufahren.
Es gibt eine neue Fanta-Vier-Single, „Eines Tages“. Eine Single ist ja normalerweise der Vorbote für ein neues Album . . .
Michi Beck  . . . Ja, wir haben schon ein paar Sachen in der Pipeline, wir sind tatsächlich auch am Schreiben und wollten am Ende dieses Jahres auch schon mehr haben als nur eine Nummer. Es ist bisher aber nun mal nur eine Nummer. Ein weiterer Song ist aber schon fast fertig. An drei, vier Stücken schreiben wir gerade, also wir sind voller Hoffnung, dass Ende des nächsten Jahres ein neues Album da ist.
Also wird diesmal das klassische Popmusikmotto „Auf Album folgt Tour“ originell umgekrempelt: erst die Tour, dann das Album dazu?
Smudo Ach, da verschwimmt ja sowieso alles ein bisschen. „Vier und Jetzt“ haben wir zu einem so späten Zeitpunkt herausgebracht, als wir schon wieder so viel Material hatten, dass wir eigentlich längst ein weiteres Best-of-Album hätten machen müssen. Umgekehrt erhöht sich für uns der Druck, etwas Neues zu machen, weil es schon eine Weile nichts Neues mehr gab. Künstlerisch viel spannender war natürlich die Arbeit für die „Supersense Block Party“. Und im Kopf sind wir eigentlich dabei, ein neues Album zu machen. Das sind, sag’ ich mal, drei Produkte in einem 24-Monat-Turnus – und weniger die Tour-Album-Tour-Album-Routine. Aber Alben werden heutzutage ohnehin nicht mehr so richtig wahrgenommen wie früher.
Naja, wegen einer Single geht auch keiner mehr zu einem Konzert.
Michi Beck Nein, das hängt ja auch mit dem Alter der Band zusammen. Auch bei uns kämpfen sich viele Besucher durch die Stücke, die man noch nicht so richtig kennt, und warten nur darauf, dass endlich die Hits kommen. Mir geht es ja selbst nicht anders. Wenn ich auf ein Red-Hot-Chili-Peppers-Konzert gehe, freue ich mich auch, wenn „Under the Bridge“ kommt. Wie hat Max Goldt so schön gesagt: Das Publikum beklatscht sein eigenes Gedächtnis.
Konzerte sind allerdings teuer geworden, manche Festivaltickets kosten schon über zweihundert Euro.
Michi Beck Ja, schon krass. Andererseits: so viele Bands an drei Tagen, guck dir an, was die einzeln kosten würden.
Smudo Livekonzerte sind nicht billig, das ist richtig. Warum? Weil es geht. Sie sind halt ein ganz eigenes Unterhaltungserlebnis. Ich zum Beispiel habe gerade Skifahren gelernt. Man glaubt gar nicht, was das kostet. Im Vergleich dazu machen wir doch total faire Angebote.
Das Minialbumexperiment „Supersense Block Party“ erscheint neben den üblichen Formaten auch als Vinylbox, auf Kassette und verblüffenderweise auch als Tonband. Daran verdient man sich dann ja vermutlich dumm und dusselig.
Smudo Gute Vinylauflagen hatten wir eigentlich schon immer. Und eigentlich ist „Supersense“ ein Kunstprojekt und nicht zum Geldverdienen gedacht. Ein Experiment, ein Spaß. Wenn wir nur Alben machen würden in dem Rhythmus, in dem wir sie machen, alle drei bis vier Jahre, glaube ich, wird man uns auch eher vergessen. Solange wir uns für solche Projekte begeistern können, werden wir sie auch machen. Kassetten sind ja jetzt auch wieder total hip. Ich hätte niemals gedacht, dass das rauschende Kassettending wiederkommt.
Michi Beck Ich hab bei mir im Keller ein Topkassettendeck wiedergefunden.
Smudo Ich hab den ganzen Krempel kürzlich erst weggeschmissen.
Michi Beck Tja, du kannst es dir halt erlauben . . .
Smudo . . . Ja, zum Glück, weil wir so viele tolle Tonbänder verkaufen (allseits großes Gelächter). Aber nochmals ernsthaft: Die Aufnahmen zu „Supersense“ waren ein Erlebnis. Völlig konträr zu der Art, wie Musik heutzutage konsumiert wird. Musik ist ständig da und vorhanden. Sie läuft im Handy oder bei Edeka. Früher lief im Kaufhaus Fahrstuhlmusik, jetzt hast du in jedem Supermarkt angesagte Beats. Und das, was du früher hattest, sich Musik in ihrer Gesamtheit anzuhören, das ist auf dem Weg dahin verloren gegangen. Und daran erinnert das ganze Supersense-Ding dann auch.
Michi Beck „Supersense“ war eine gute Abwechslung, aber ich mag es auch nicht, die analoge Vergangenheit zu sehr zu idealisieren. Ich konsumiere genauso Musik wie die Kids von heute, mit dem Unterschied, dass ich sie nicht streame, sondern kaufe – weil ich mehr Geld habe als die Kids.
Man trifft Sie also nicht allzu häufig in Schallpattenläden?
Smudo Mich gar nicht. Manchmal kauf’ ich mir Raritäten online, etwa bei Discogs, und die werden bei mir doch digitalisiert. Tja, und dann liegen die Zuhause ’rum . . .
Michi Beck Mich auch nicht so oft. Was ich kaufe, kaufe ich online. Mit dem Ende meiner DJ-Karriere hat auch meine Begeisterung für Schallplattenläden stark nachgelassen. Trotzdem finde ich es beim Schallplattenhören erstaunlich, dass da mehr ist als Einsen und Nullen. Aber ich höre nicht so viel handgemachte Musik. Und außerdem frage ich mich oft, warum ich mir ein zeitgenössisches Album auf Vinyl kaufen sollte, das komplett digital entstanden ist.
Smudo So überraschend es ist, dass wir in unserem hohen Alter noch Musik machen und auf Tour gehen, so überraschend finde ich, was in dieser Branche schon so alles ausprobiert worden ist. Das kleine Wunder des digitalen Zeitalters ist für uns in erster Linie, dass wir in verschiedenen Städten leben und trotzdem unsere Musik machen können, weil wir alle miteinander verdropboxt sind. Das ging vor zwanzig Jahren noch nicht.
Hören die Menschen denn in zwanzig Jahren noch die Fantastischen Vier?
Smudo die, die nach dem großen Knall noch übrig sind . . . (lacht)
Michi Beck . . . genau, die hören dann unser Tonband, das als einziges Musikmedium noch übrig geblieben ist. Die rätseln dann alle über das Ding und versuchen herauszufinden, was das ist. Und verehren es wie ein Heiligtum.
Smudo Die Frage ist, ob wir das in zwanzig Jahren noch machen wollen. Aber hoffentlich doch schon.
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