Von Weil der Stadt in die entlegensten Ecken der Welt: Velotraum-Räder kommen herum auf dem Globus. Foto: Velotraum

Aus der Manufaktur Velotraum in Weil der Stadt kommen handgefertigte Fahrräder, die für den Abenteuertrip in Bolivien ebenso taugen wie für die Fahrt ins Büro. Dabei begann die Erfolgsgeschichte der Firma mit einem Sportunfall.

Es gibt Global Player, die beliefern mit ihren Drahteseln die Radmärkte der Welt. Und es gibt Fahrräder, die haben schwäbische Gene und kommen in der ganzen Welt herum. Ob Alpenpässe in der Schweiz, Schlammpisten in Bolivien oder – ganz profan – das Alltagspendeln ins Büro: Räder der Manufaktur Velotraum sind bei Individualisten begehrt. Von Weil der Stadt im Kreis Böblingen aus gehen sie in alle Welt. Vom Globetrotter bis zum Gelegenheitsfahrer sind die Stabilräder im Straßenbild ein Hingucker, obgleich sie vielleicht nicht ganz so sexy wirken. Aber: alles Ansichtssache. Velotraumfahrer ticken etwas anders. Sie rollen in einer Nische.

 

Wie eng Glück und Unglück beieinanderliegen können, zeigt Stefan Stiener, der Vetotraum-Chef, in Person.

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Der gebürtige Stuttgarter, der in Ostelsheim im Kreis Calw groß geworden ist, war als Landei ein ausgezeichneter Sportler. Ein Mehrkämpfer, Leichtathlet im baden-württembergischen Kader. Dann ist es passiert. Die Weitsprunggrube beziehungsweise der Sand darin war kürzer als Stefan Stieners mächtiger Fast-sieben-Meter- Sprung bei einem Sportfest in Nagold. Die Folge: ein empfindlich verdrehtes Knie. Autsch! Das Bein des jungen Kerls musste eingegipst werden. Als die Knochenstütze wegkam, war Kraftaufbau angesagt. Nur wie? Stefan Stiener, ein 1,90 Meter großer, baumstarker Kerl, packte das alte Fünf-Gang-Rädle seines Vaters aus – und arbeitete sich schonend zurück zu alter Stärke.

Das Architekturstudium schmiss der Chef

Im Nachhinein, muss man wohl so sagen, ein Glücksfall. Denn obschon der Drahtesel ein schwerer schwäbischer „Gebbel“ war: Stiener fand Gefallen an der Bewegung an der frischen Luft. Fahrwind um die Nase – hat halt was. Und so ließ den jungen Mann, der beim Autobahnamt Baden-Württemberg Straßenbauzeichner wurde, die Faszination Fahrrad nie mehr los. Sie hat ihn mehr begeistert als ein Architekturstudium in Stuttgart, das er hinwarf. Anders als seine Ehefrau Patricia Rose, die es beendet hat.

Statt Haus-Architekt zu werden zur Fahrrad-Architektur gekommen

Stefan Stiener hatte offensichtlich eine andere Mission: Fahrrad-Architektur, so könnte man sagen. Jetzt im Triathlon unterwegs, genoss der damals Mittzwanziger selbstbestimmte Mobilität und die Endorphine. Von seinem ersten Lohnsteuerjahresausgleich beschaffte er sich einen französischen Motobécane-Halbrenner, ein klassisches Stahlrahmen-Rad, und fuhr damit nach Belgien. „Aber die Bremsen waren Mist, und die Laufräder waren es auch“, sagt Stiener, heute 61 Jahre alt. Also fing er das Basteln und Schrauben an. Eine Keller-Garage in Ostelsheim war die Geburtsstunde für ein Unternehmen, das man heute ein „Start-up“ nennen würde. Mit einem Kumpel zusammen eröffnete Stiener ein Geschäft, einen kleinen Radladen – damals im Nebenerwerb. So kann es gehen, wenn man(n) viele Ideen und keine zwei linken Hände hat.

Er stieg auf den Mountain-Bike-Boom auf, andere nicht

Mit Rennrädern begonnen – die Rahmen anfangs von der bekannten Firma Centurion aus Magstadt – , war Stefan Stiener „wissbegierig und offen“. Genau zu jener Zeit, als aus den USA der Mountain-Bike-Boom herüber nach Deutschland schwappte. Was viele Radhändler für eine vorübergehende Mode hielten und ignorierten, infizierte Stiener in seiner Rad-Boutique. Auf diesen Trend stieg er auf, zog im Jahr 1995 mit seinem Radladen in den Mäurlesgang in der Weil der Städter Altstadt. An den Schriftzug „Velotraum“ dort im Schaufenster können sich noch viele Pedaleure gut erinnern. „Velotraum“ – auf die Kombination aus dem französischen Vélo und dem deutschen Traum ist Stefan Stiener bis heute stolz. Der Markenname, sagt er, sei ihm selbstverpflichtender Anspruch. Wer auf einem Velo seiner Manufaktur unterwegs ist, soll einen Traum erfahren, kein Trauma.

Das Maß aller Dinge sind die menschlichen Maße

Damit das Rad zum Radler passt wie ein Maßschuh zum Fuß, investiert das Velotraum-Team viel. Eine Messmaschine, buchstäblich ein Stahlross, nimmt die Proportionen von jeder und jedem exakt ab. Ob Sitzzwerg oder Sitzriese: Die Geometrie soll für kommodes Vorwärtskommen alles bieten. Ohne Schwielen am Po, ohne Kreuzweh, selbst wenn es den Col-du-Tourmalet hochgeht oder das Stilfser Joch, ob Schlagloch- und Schotterpisten oder Salzseen zu überwinden sind. Ein Beratungstermin vor Ort kann schon mal eine, gerne auch zwei Stunden in Anspruch nehmen. Welchen Lenker? Welche Gabel? Welche Rahmen-, welche Laufradgröße? Scheiben- oder Felgenbremsen? Ketten- oder Nabenschaltung? Der Premiumhersteller will nichts dem Zufall überlassen. Der individuelle Mensch soll eine auf ihn zugeschnittene „Maschine“ bekommen für ein langes Radlerleben. Anders als ein Rad von der Stange, kann so viel Passgenauigkeit nicht billig sein. 3000 Euro kostet ein Einsteigermodell, mit 8000 schlägt ein Pedelec mit allen Schikanen zu Buche. „Aber man muss den Anschaffungspreis durch die Zahl der gefahrenen Kilometer teilen“, meint Stefan Stiener. Am Ende des (Etappen-)Tages zahle sich (Wert-)Stabilität aus.

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Auf der Firmenhomepage mit deren Blog-Angebot präsentieren viele Kundinnen und Kunden ihre Velotraum-Abenteuer mit elektrisierenden Bildern ihrer Trips um den Globus. Hochzufrieden ist auch einer, der nicht bloggt, aber Velotraum-Jünger ist. Seit 22 Jahren fährt Thomas Peissner, 66, Biologe im Vogelschutz-Infozentrum in Sindelfingen, sein blaues Bike. „Das hat mich nie wirklich im Stich gelassen“, sagt der Fahrrad-Fan, der damit 80 000 Kilometer herunter geschrubbt ist. Mehrere Wochen Österreich mit Gepäck wie ein Lastesel hat Peissner mit seinem Velo absolviert. Und drei Wochen Norwegen. Was, außer mal einem Platten, mit dem Rädle passiert sei in all den Jahren? Peissner muss überlegen. „Mal ein Speichenbruch, sonst fällt mir nix ein.“

Die Fahrer mögen eine Schraube locker haben, diese Bikes nicht

Roland Schmitt, Chef der Ortsgruppe Böblingen des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs, stimmt in die Lobeshymne ein. Der 64-Jährige, der zuletzt noch bei Velotraum als Monteur und Reparateur geschafft hat, fährt die Marke fast zeitlebens. „Da musst du nicht nach 500 Kilometern alle Schrauben nachziehen“, sagt der Radabenteurer, der mit seinem Bike auch schon in Afrika war. Manche kämen erst nach ein paar zehntausend Kilometern zur Inspektion. „Setz dich drauf, radel los und gut ist’s“, sagt der Böblinger und lacht. Was heute schon Kult sei, das „Gravelbike“ (eine Mischung aus Renn- und Schotterrad), habe Velotraum seit über 20 Jahren im Programm. Die Firma selbst existiert schon fast 30 Jahre. „Außer auf der Antarktis kommen unsere Räder überall herum“, witzelt der 61-jährige Firmeninhaber. Mit Spikes ginge es womöglich selbst übers Eis.

Die Rahmen kommen aus Taiwan, fast alles andere aus dem Ländle

Die Rahmen, die Stefan Stiener und seine Frau Patricia Rose entwickeln, sind aus leichtem Alu beziehungsweise (seltener) aus Stahl. „Plattformrahmen“ nennt Stiener das, was in Taiwan hergestellt wird – den „Baden-Württembergern unter den asiatischen Rahmenbauern“, wie Stiener deren Qualifikation nennt. Große Teile des Zubehörs stammen aus dem Land und dem Ländle, seien es die Pinion-Getriebeschaltung oder der „Son“-Nabendynamo aus Tübingen. Die Wertschöpfung der auch im Second-hand-Markt wertigen Langzeitläufer sei hoch, sagt Roland Schmitt. 500 Räder pro Jahr schrauben die neun Beschäftigten zusammen. Die Bikes werden gerne vor Ort abgeholt oder gehen an 30 geschulte Velotraum-mit-im-Programm-Händler im deutschsprachigen Raum, in Belgien und Holland.

Die Ausnahmestellung der schwäbischen Manufaktur bestätigt einer, der zwar ein Konkurrenzfabrikat fährt, aber selber wohl gerne so ein „Traumfahrrad“ hätte: der Staatsanzeiger-Redakteur Michael Schwarz aus Holzgerlingen: „Keine Frage: Unter den Reise- und Trekking-Rädern ist das sicher die Goldwährung.“

Von Weil der Stadt in alle Welt

Radwanderer, -pilger und -verrückte werden auf der Firmenhomepage www.velotraum.de viel zu lesen finden. Ihre Publikationen bis hin zu Büchern machen Stefan Stiener und seine Frau selbst. Sie sind passionierte Hobbyfotografen und brauchen keine Models. „Authentizität“ bis zur letzten Speiche sei wichtig, das Fahrrad für sie ein „Lebens-Mittel“. Der Firmensitz in Weil der Stadt, 2008 bezogen, basiert auf den Entwürfen der Architektin Patricia Rose. Das Gebäude ist schlicht, groß, lichtdurchflutet.

Alle Veloträume fußen auf vier Grundformen - dem „Konzept“, dem sportlichen „Speedster“, dem „Finder“ und dem „Pedelec“; Modelle, die in der Fachpresse hervorragend getestet werden. Der „Finder“ ist ein auf europäische Bedürfnisse angepasstes Fat-Bike. Erst in den eigenen Reihen umstritten, hat sich das Modell mit den Gulliver-Reifen zu einem Verkaufsschlager entwickelt. Damit könne man sogar Sandwüsten durchpflügen, heißt es.

Die Rahmen kommen als Rohware aus Taiwan und werden in Stuttgart fachmännisch lackiert. Übrigens in allen RAL-Farben nach Kundenwahl. Nato-oliv gibt es hier ebenso wie Schweinchenrosa und alles von Schwarz bis Weiß. Wer Pink nimmt, habe die „beste Diebstahlsicherung“, lacht Roland Schmitt. Das klaue keiner. Wenn je doch, ist der Dieb mutmaßlich schnell gefunden.