Benjamin Kirschner hat kein Auto, er „flinct“ oder fährt mit der Bahn. Foto: Gottfried Stoppel

Benjamin Kirschner hat mit seiner Flinc-Mitfahrzentrale einen Nerv getroffen. Nach knapp einem Jahr „flincen“ bereits 80.000 Menschen.

Burgstetten/Darmstadt - Als sich Benjamin Kirschner vor acht Jahren entschied, an der Hochschule Darmstadt den Studiengang Media System Design zu belegen, sei das „ein Bauchgefühl“ gewesen. Als Alternative zog der damals 20 Jahre junge Mann Betriebswirtschaftslehre in Erwägung, weil er nach der Realschule in Backnang das Wirtschaftsgymnasium absolviert hatte – und weil er nach seinem Zivildienst beim Kreisjugendring noch nicht so recht wusste, wo die berufliche Reise überhaupt hingehen sollte. Das Bauchgefühl war wohl das richtige gewesen. Aus einer Studienarbeit heraus entwickelte Benjamin Kirschner zusammen mit anderen Kommilitonen eine Geschäftsidee, mit der er jetzt über die Landesgrenzen hinaus Furore macht.

Grundsätzlich ist das, was seine Firma macht, die er Flinc getauft hat, gar nichts wirklich Neues. Mitfahrzentralen sind mittlerweile eine etablierte Reisealternative, und die Schwarzen Bretter, auf denen die Mitfahrgelegenheiten offeriert werden, sind auch längst ins Internet gewandert. Doch Flinc besetzt eine Nische, die bisher kaum abgedeckt wurde: die Kurzstrecken, und damit immerhin rund 80 Prozent aller Autofahrten. Wer ein internetfähiges Handy besitzt und sich einmal in der Plattform registriert hat, kann sich via Flinc an jedem Ort über seine potenziellen Chauffeure informieren. Das System prüft in Sekunden, wer bereit ist, einen Beifahrer mitzunehmen und bietet die Fahrgelegenheit an. Dem ­Suchenden werden dann der mögliche Treffpunkt, das Profil und ein Bild des Chauffeurs übermittelt. Lehnt dieser ab, wird die nächstbeste Gelegenheit angeboten. 80 000 Menschen sind es zurzeit, die regelmäßig „flincen“. Dabei gibt es das Angebot erst seit rund einem Jahr.

Aus einer Studienaufgabe wird eine Geschäftsidee

Überhaupt scheint sich um Benjamin Kirschner herum alles rasant zu entwickeln. Keine vier Jahre ist es her, als er und weitere acht Studenten den Projektauftrag erhielten, Herausforderungen der Mobilität darzustellen und Lösungsansätze mit der Hilfe von Neuen Medien zu entwickeln. Dann folgte die Diplomarbeit zu einem anderen Thema, doch im August 2009 fasste Kirschner zusammen mit zwei Kollegen aus der Projektgruppe den Entschluss, an ihrem Konzept für spontane Mitfahrgelegenheiten weiterzumachen und andere von ihrer Idee zu überzeugen.

Es folgte das, was man in Jungunternehmerkreisen neudeutsch Pitches nennt: unzählige Kurzpräsentationen bei potenziellen Investoren. Oft jedoch wurde das Trio schon vor Ablauf seiner Drei- oder Fünfminutenfrist rüde unterbrochen, weil die Idee für nicht praktikabel befunden wurde. Doch es gab auch Menschen wie Klaus Dibbern, die an die Vision glaubten. Dibbern war fasziniert von der Idee, weil seiner Meinung nach so viele Menschen davon profitieren könnten.

Alternative Mobilitätskonzepte für Großkonzerne

Zusammen mit Kirschner und Michael Hübl aus dem Hochschulprojektteam flog Dibbern im März 2010 auf eigene Rechnung nach Kalifornien, um auf der angesehenen Demo Conference in Palm Springs dabei zu sein. 90 Sekunden hatte Benjamin Kirschner Zeit, um seine Idee Interessenten im Saal und per Live Stream in der ganzen Welt zu präsentieren. Auf der Bühne packte ihn das Lampenfieber. „Ich hatte einen kleinen Hänger und war mir sicher: ich hab’s versaut.“ Doch keine zwei Minuten später gingen per Mail die ersten Reaktionen ein: Kirschner hatte sein Publikum offensichtlich überzeugt.

Auch die Telekom wurde aufmerksam auf den jungen Unternehmer. Bei der Computermesse Cebit in Hannover wurde ein Pilotprojekt angebahnt. Kirschner & Co. durften ihre Mitfahrgelegenheit per Handy im Herbst in einem Pilotprojekt in der ­T-City in Friedrichshafen auf ihre Praxistauglichkeit hin testen.

Zuvor kratzten die Jungunternehmer bei Eltern, Freunden und Bekannten das Geld für die nötige Stammeinlage zusammen, gründeten am 21. Mai 2010 die Flinc AG und fingen nach der PR-Tour in eigener Sache wieder an „richtig zu arbeiten“, wie es Kirschner ausdrückt. Das Ziel war, eine Anwendung zu konzipieren, „die Spaß macht“ und darüber hinaus „auch für Faule geeignet“ ist. Eine solche Applikation für Smartphones wurde schließlich im Juli 2011 freigeschaltet.

Die zweite Flinc-Software-Generation geht an den Start

In diesen Tagen geht die zweite Generation der Software an den Start. Kirschners Firma, die mittlerweile auf 16 Mitarbeiter angewachsen ist, hat sie so konzipiert, dass nur noch zwei statt bisher vier Klicks nötig sind, um zum Ziel zu kommen. Das selbst gesteckte Ziel ist, noch mehr Nutzer dafür zu begeistern und nebenbei das Geschäft mit speziellen Unternehmenslösungen weiter auszubauen.

Firmen wie Bosch oder Vaude lassen sich von Flinc nämlich mittlerweile nicht nur interne Fahrgemeinschaften für ihre Mitarbeiter organisieren, sie bauen auch auf die anonyme statistische Auswertung der Bewegungsdaten. Flinc rechnet aus, welche Spitzenanreisezeiten es gibt, welche Entfernungen überbrückt werden, wo Parkplätze eingespart werden können oder wie der reduzierte Kohlendioxidausstoß die Umweltbilanz verbessert.

Das Potenzial scheint enorm. Beim oberschwäbischen Outdoor-Ausrüster Vaude beispielsweise geht man davon aus, dass jeder Mitarbeiter pro Monat alleine für den täglichen Arbeitsweg 200 Euro ausgibt und dabei so viel schädliches Abgas wie ein Flug von Friedrichshafen auf die Kanarischen Inseln und zurück produziert. Andere setzen auf den sozialen Aspekt der Fahrgemeinschaften, durch die ganz andere (Arbeits-)Beziehungen geknüpft werden können als im Büro.

Benjamin Kirschner muss derlei Probleme in seiner trotz allem doch eher überschaubaren Firma wohl noch nicht lösen. Dennoch verzichtet er gänzlich auf ein eigenes Auto. Langstrecken legt er am liebsten mit der Bahn zurück und fast 90 Prozent aller Fahrten zwischen seinem Wohnort per Flinc-Fahrgemeinschaft. „Nur abends, wenn es mal richtig spät geworden ist, klappt es manchmal nicht.“

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