Rosario Guerra und Luc Prunty (von links) in einer Szene aus Marco Goeckes „Nijinsky“ Foto: Regina Brocke

Die jährliche Kritiker-Umfrage des Fachmagazins „Tanz“ wird mit Spannung erwartet. Nach dieser Saison war es schwerer denn je, für eine Überraschung gut zu sein. Und so trifft man unter den Ausgezeichneten vor allem die üblichen Verdächtigen.

Stuttgart - Die Kritiker, die die Zeitschrift „Tanz“ in jedem Sommer um eine persönliche Spielzeitbilanz bittet, sind international aufgestellt. Von Montreal über Mailand bis Moskau, von Kopenhagen bis Tel Aviv sind die Standorte der 42 professionellen Hingucker über den Tanzglobus verteilt. Und auch wenn die meisten der Befragten aus dem deutschsprachigen Raum stammen, scheint ein Konsens über Herausragendes immer schwerer herzustellen. So stehen die Ergebenisse der aktuellen Umfrage, die von diesem Mittwoch an als Teil des neuen „Tanz“-Jahrbuchs an den Kiosken liegt, vor allem für eins: Für die große Vielfalt des Tanzes, die aber leider immer seltener für Überraschungen gut ist. Choreograf des Jahres ist nach 2008 und 2011 zum dritten Mal Sidi Larbi Cherkaoui, Kompanie des Jahres ist Martin Schläpfers Ballett am Rhein; zur Produktion des Jahres wurde Akram Khans „Giselle“ für das English National Ballet gewählt.

Aus Stuttgarter Sicht birgt die Umfrage 2017 nicht nur gute Nachrichten. Trotzdem die beste zuerst: Marco Goecke, eine Saison lang noch Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts, darf sich über das Votum der „Tanz“-Abonnenten freuen; sie wählten klar seinen „Nijinsky“ zur beliebtesten Produktion des Jahres. Unter den Kritikern war das für Gauthier Dance entstandene Stück ebenfalls ein so heißer Kandidat, dass Marco Goecke die Auszeichnung zum Choreografen des Jahres nur knapp verfehlte. Gauthier Dance wiederum bekam zum zehnjährigen Bestehen viel Kritikerlob dafür, wie die Kompanie mit ganz unterschiedlichen Facetten des Tanzes ihr Publikum gewinnt.

Sorge über die Zukunft des Stuttgarter Balletts

Und das Stuttgarter Ballett? Da haben die professionellen Hingucker leider wenig Positives parat – und das liegt nicht an der Absage von Marco Goeckes „Kafka“, der Premierentermin Ende Juni wäre für die Umfrage ohnehin zu spät in der Saison gewesen. Sorge bereitet den Stuttgarter Berichterstattern vor allem, dass sich der designierte Intendant Tamas Detrich von Marco Goecke trennen wird. Ohne seinen Haus-Choreografen wird sich das Stuttgarter Ballett in der Kritiker-Umfrage, das lässt ihre aktuelle Ausgabe vermuten, in Zukunft schwer tun. Dass „der Intendantenwechsel doch nicht so bruchlos vonstatten geht“, wie man sich das vorgestellt hat, nährt unter den Befragten Zweifel „an der Urteilskraft des neuen Stuttgarter Ballettintendanten“. Von den Stuttgarter Tänzern, die als herausragend (Pablo von Sternenfels und Agnes Su) oder gar als Hoffnungsträger (Adam Russell-Jones und Jessica Fyfe) genannt wurden, sind in der nächsten Saison nur noch die Damen übrig; die Herren hat die Lust nach mehr Modernem fortgetragen.

Das Zeug zum Ärgernis des Jahres hat unter den deutschen Kritikern freilich ein Hauptstadtereignis: die Ernennung von Sasha Waltz zur Direktorin des Berliner Staatsballetts. Eine Entscheidung, die nach wie vor polarisiert – und vor allem Negativreaktionen bewirkt: Während die einen über die Fehlbesetzung des Jahres schimpfen, missfällt anderen die „wertekonservativen und feindlichen Kommentare“, die den Graben zwischen Ballett und zeitgenössischem Tanz wieder aufrissen.

Überhaupt ist die Kritikermeinung, gerade was einzelne Tänzer betrifft, so breitgestreut wie das Talent auf den Tanzbühnen. Bei den Tänzerinnen des Jahres war die Vielfalt gar so groß, dass es keine eindeutige Siegerin, dafür nur Gewinnerinnen gab; unter ihnen neben Agnes Su die Ex-Stuttgarterin Katja Wünsche. Bei den Männern hoben Höhenflüge und eine neue Sinnlichkeit, die er dem Sowjet-Ballett „Spartacus“ gab, Osiel Gouneo hervor: Der Kubaner, der nun beim Bayerischen Staatsballett tanzt, schaffte es so zum „Tänzer des Jahres“.

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