Die eingebildete Allergie Die Mär um Gluten und Lactose

Von Sandra Markert 

Im Alltag kommt es einem so vor, als gebe es immer mehr Allergiker. Experten sagen, warum das nicht stimmt. Viele Allergien sind eigentlich Nahrungsmittelintoleranzen.

Egal ob man Freunde zum Essen einlädt oder im Supermarkt einkaufen geht:  Die Zahl von Lebensmittelallergikern scheint stetig zu wachsen. Aber stimmt das wirklich? Fünf Alltagsbeobachtungen – und was Experten zufolge wirklich dahintersteckt.
Stuttgart - 1. Jeder hat Freunde oder Kollegen, die auf Weizen allergisch reagieren oder keine Lactose vertragen. Das war früher nicht so.
„Die entscheidende Frage ist, ob all diese Menschen wirklich eine Allergie oder eine Unverträglichkeit haben“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Dorle Grünewald-Funk. So gaben bei einer Befragung an der Berliner Charité 35 Prozent der Befragten an, dass sie nach dem Essen allergische Symptome hätten. Tatsächlich ließ sich jedoch nur bei 3,7 Prozent anhand von Tests eine Allergie nachweisen.
 „Ob es heute tatsächlich mehr Allergien oder Lebensmittelunverträglichkeiten gibt als früher, ist je nach wissenschaftlicher Studie umstritten“, sagt Grünewald-Funk. Aber: Viele Menschen beschäftigen sich heute viel intensiver mit ihrer Ernährung. „Deshalb kommen sie auch eher auf die Idee, körperliche Beschwerden auf Lebensmittel zurückzuführen“, sagt Jörg Kleine-Tebbe von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie.
2. Das Internet ist voll von Foren über Allergien und Unverträglichkeiten.
In Internet-Foren haben Menschen anonym die Möglichkeit, sich zu informieren und ­Beschwerden auszutauschen. „Statt zum Arzt zu gehen, diagnostiziert man dann selbst eine Allergie und meidet fortan beispielsweise Weizen“, sagt Allergie-Experte Jörg Klein-Tebbe. Häufig läge zwar gar ­keine Allergie vor – aber die Zahl der angeblich Betroffenen ist dann weiter gestiegen. Auch Ernährungswissenschaftlerin Grünewald-Funk rät dringend davon ab, ausschließlich Dr. Google zurate zu ziehen. „Nur ein Test bei einem Allergologen kann Klarheit verschaffen. Und nur bei einer Ernährungsberatung bekomme ich die richtigen Informationen, welche Lebensmittel ich tatsächlich meiden muss und was ich ­vielleicht trotzdem noch essen kann.“
3. In den Supermärkten werden immer mehr Produkte für Allergiker oder Menschen mit Unverträglichkeiten verkauft.
„Endlich wieder unbeschwert genießen“, tönt es, von fröhlicher Musik begleitet, durch den Supermarkt. Es folgt Werbung für die neue Eigenmarke: glutenfreie Brötchen und Kekse, lactosefreier Mozzarella und Joghurt. In extra Regalen wird die Ware prominent platziert – und rege gekauft. Allerdings nicht unbedingt von Allergikern oder Menschen mit Unverträglichkeiten.
     Lebensmittelhersteller in den USA rechnen einer Umfrage zufolge damit, dass die Marktanteile für glutenfreie Lebensmittel zwischen 2013 und 2016 um 48 Prozent steigen werden. Und das nicht etwa, weil es immer mehr Menschen gibt, die eine Glutenunverträglichkeit haben. 75 Prozent der Käufer glutenfreier Produkte gaben in der Befragung an, keine Zöliakie zu haben. Sie kaufen die Produkte, weil diese ein gesundheitsbewusstes Image haben. Außerdem waren sie der Meinung, sie würden ihnen dabei helfen, ihr Gewicht zu halten.
     „Viele dieser Produkte spielen in der Werbung gezielt damit, welche Vorteile sie für die Gesundheit bringen, die Leute kaufen das, und die Hersteller bedienen die Nachfrage“, sagt Dorle Grünewald-Funk. Und die Nachfrage wird auch deshalb gern und immer offensiver bedient, weil sich mit Spezial-Lebensmitteln mehr Geld verdienen lässt als mit den normalen Produkten. Denn Verbraucher sind meist bereit, für besondere Produkte auch extra zu zahlen.
4. Auf vielen normalen Lebensmitteln stehen Hinweise wie „lactosefrei“ oder „glutenfrei“.
Viele Verbraucher wissen überhaupt nicht mehr, was natürlicherweise in einem Lebensmittel enthalten ist“, sagt Dorle Grünewald-Funk. Den Lebensmittelherstellern gibt das die Möglichkeit, mit Selbstverständlichkeiten zu werben, beispielsweise mit dem Aufdruck „lactosefrei“ auf einem Hartkäse. „Dabei enthält Hartkäse wegen der Produktionsweise von Natur aus kaum Lactose“, sagt Grünewald-Funk. Wer das nicht weiß, den verwirrt der Hinweis aber womöglich. „Im Zweifelsfall greift er dann zum ‚frei von‘-Produkt.“ Für die einen klingt das gesünder. Andere verzichten aus Angst auf Begriffe, die sie nicht verstehen. Verboten sind solche Werbebotschaften nicht: Nur für die Zutatenliste ist klar geregelt, was in welcher Form aufgeführt werden muss.
5. Auch manche Bäcker oder Kantinen geben inzwischen Hinweise auf Allergene in ihren Produkten.
Auf abgepackten Lebensmitteln müssen in der Zutatenliste seit 2005 die 14 wichtigsten Allergene angegeben sein. Sie gelten als Auslöser für 90 Prozent aller Allergien. Bis Ende 2014 gilt diese Hinweispflicht auch für lose verpackte Waren beim Metzger oder Bäcker, für Speisekarten und Kantinenpläne. Manche haben die Kennzeichnung bereits umgesetzt, die Art der Darstellung ist aber noch unklar.
     „Es ist lebenswichtig für Menschen mit der Diagnose Allergie umfassend über alle Zutaten informiert zu werden. Die übrigen Kunden dürfen dadurch aber nicht unnötig verunsichert werden“, sagt Grünewald-Funk. Sie befürchtet, dass es mit den neuen Deklarationen zu einem weiteren Anstieg von eingebildeten Allergikern kommt – wenn sie offensiv ausfallen und etwa direkt unter der Brötchenauslage beim Bäcker alle enthaltenen Allergene aufgeführt werden.
     Sabine Schnadt vom Deutschen Allergie- und Asthmabund glaubt nicht an eine auffällige Kennzeichnung. „Wahrscheinlich scheint, dass es einen Hinweis an der Bäckertheke gibt, dass eine Allergenliste eingesehen werden kann oder dass im Restaurant auf eine extra Karte für Allergiker hingewiesen wird.“ Aus ihrer Sicht ist eine solche Kennzeichnung nicht nur realistisch – sondern auch sinnvoll. „Der Allergiker bekommt seine Informationen, der normale Kunde wird nicht zusätzlich verunsichert.“ Das würde ihrer Meinung nach vor allem dann passieren, wenn sich ein weiterer, derzeit diskutierter Vorschlag durchsetzt: die 14 Allergene mit Buchstaben- und Zahlenabkürzungen zu versehen, damit sie auf ein Brötchenschild passen. „Wenn dort dann E2 steht, erinnert das zu sehr an Zusatzstoffe. Und davor haben die Kunden ja auch große Angst.“

 

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