„Sie spüren, dass da einer ist, der sich für sie interessiert“ , sagt Florian Schwarz. Foto: Florian Schwarz

Der Fotograf Florian Schwarz aus Stockach besucht Menschen am Rand der Gesellschaft und setzt sie vor die Kamera.

Im Alter von 23 Jahren kletterte Florian Schwarz auf den Dachboden des elterlichen Hauses und fand eine alte Minolta-Kamera. Das Gerät war verstaubt, doch funktionsfähig. Der Student hatte keine Ahnung von einer Spiegelreflexkamera und noch weniger Ahnung vom Fotografieren. Also begab er sich ins nächste Fotogeschäft in Radolfzell. Die Beraterin dort war geduldig und erklärte ihm wichtige Dinge wie Blendenwahl und Belichtungszeit. Den Sommer über zog er durch die Wälder des Kreises Konstanz und fotografierte, was ihm vor die Linse kam.

 

Diese Episode wäre belanglos, wenn sich ein Student damit nur die Semesterferien verkürzt hätte. Doch für Schwarz war der Zufallsfund wie ein Wink des Schicksals. Aus der zerstreuten Beschäftigung mit der Minolta wurde eine Entscheidung fürs Leben. Seitdem, das sagt er heute, hat er sich mit kaum mit anderem beschäftigt.

Bald schnürte eine Mappe mit seinen frühen Arbeiten und schickte sie an die Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Die Belgier nahmen ihn. Er sattelte um, ließ das Studium des Modedesigns fahren und warf sich auf das Foto. Heute gilt er in seiner Disziplin als Künstler, mehrfacher Stipendiat, Preisträger.

Von Raithaslach aus in die Welt

Wir sitzen im Wohnzimmer seines Hauses. Noch stehen Umzugskartons auf dem Boden, doch das Wichtigste funktioniert bereits nach dem Umzug der Familie Schwarz. In der Küche brennt schon Licht, der Kühlschrank läuft, das XL-Sofa steht frontal zum Kamin. Seine Familie ist gerade verreist, und Schwarz hat sich den Tag mit den Innentüren gemacht. Sie sollten dunkel gestrichen werden, und er hat sie dunkel gestrichen. „Jetzt ist aber gut“, sagt der 44-Jährige heiter.

Draußen ist es ruhig. Familie Schwarz ist vom Dorf aufs Dorf gezogen. Früher lebte sie in einem alten Bahnhof, jetzt wohnt sie in einem Haus in Raithaslach, ein Weiler mit 320 Seelen, Gemeinde Stockach. Den Ort kennen außer den Einheimischen nur Heimatforscher. Florian Schwarz fühlt sich hier wohl. In gewisser Weise ist er ja auch Heimatforscher. Das Küchenfenster schaut auf eine Pferdekoppel. Die elfjährige Tochter reitet und sieht ihre Herzenstiere schon, bevor sie frühstückt.

Familie Schwarz hat diesen Ort im hinteren grünen Winkel des Kreises Konstanz bewusst gewählt. Als Fotograf ist er viel unterwegs. „Die meiste Zeit des Jahres bin ich verreist“, berichtet er. Er fliegt nicht zu Modemessen oder Vernissagen, wo Hochglanz-Fotografie von schönen Menschen immer gefragt ist. Schwarz sucht seine Ziele selbst aus. Er kommt ohne Einladung und Visitenkarte, seine Modelle haben keine Visagistin. Er eilt an die Ränder – geografisch wie sozial.

In Portugal begab er sich zu einer Roma-Familie, die in einer Hotelruine lebt. In Kreta fand er einen Lastwagenfahrer, der lange Jahre die Sahara durchquerte. Nun lebt der Mann in einer Höhle. Schwarz fährt nicht hin, um ein schnelles Bild zu schießen. „Bis zu einer Woche verbringe ich mit diesen Menschen. Sie sind dankbar, dass sich jemand für sie interessiert“, sagt er zu seiner Methode. Sie erinnert an einen Forscher des 19. Jahrhunderts, der unvoreingenommen hinschaut, wo andere abdrehen. „Ich fühle mich diesen Menschen verbunden“, sagt Schwarz. „Als Fotograf lebe ich ja auch am Rande der Gesellschaft.“

Kein Blitz, kein Scheinwerfer

Seine Fotos entstehen ausschließlich auf Reisen, nicht im Atelier. Das Haus, eben bezogen, dient als Refugium und Familienplatz. Dort geht Schwarz an die Bearbeitung seiner Porträts und die Gestaltung des Fotobuchs, in die sie eingebettet werden.

Seine Werke entfalten eine eigenartige Wirkung: einerseits völlig natürlich, zum anderen extrem kunstvoll. Er verzichtet auf Blitz oder Scheinwerfer. Dadurch behalten die Gesichter ihre natürliche Marmorierung, sie wirken echt und vermitteln Tiefe. Man sieht, dass er die Porträts ohne große Staffage herstellt. Zum Beispiel: Die Krankenschwester sitzt auf einem Klinikstuhl, die Verkäuferin trägt das kurzärmelige Hemd des Arbeitgebers. Sie strahlen eine große Würde aus. Der Mann von der Müllabfuhr schaut ruhig am Betrachter vorbei auf einen imaginären Punkt. Er ist nicht etwa aufgeschreckt, weil ein Fremder Mann einen Apparat vor ihm aufstellt. Die Abgebildeten sind vorbereitet – und sie sind stolz. „Ich gebe ihnen eine Stimme“, sagt der reisende Künstler. „Sie spüren, dass da einer ist, der sich für sie interessiert.“

Wenn sie sprechen, wird das Gesagte auch dokumentiert. Florian Schwarz beschränkt sich nicht auf das Foto, sondern liefert einen Text dazu. Beides spielt er ein seinen Fotobüchern zusammen, die er in der Ruhe des Ateliers zusammenstellt. Er definiert sich als Fotokünstler. Bild und Kommentar sollen sich ergänzen. Nur so könne er die Welt verstehen, sagt er.

Die Menschen wirken durch sich selbst

Doch ästhetisch anspruchsvolle Alben genügen ihm nicht. Als 2020 Corona einbrach und die Pandemie ausgerufen wurde, tauchten seine Bildschöpfungen plötzlich im Stadtbild von Konstanz auf. Der Lockdown sperrte auch ihn ein, an Fliegen war nicht zu denken. Damals passierte etwas Denkwürdiges: Die Berufe am Rande rückten plötzlich in den Mittelpunkt. Krankenschwestern, Briefträger und Kassierer wurden flugs zu „Helden des Alltags“ erklärt – oft von Menschen, die den Menschen an der Kasse ihres Supermarkts kaum grüßen.

Pflegekraft, Müllmann, Chefarzt

Florian Schwarz erkannte das Momentum. Er fotografierte jene Leute, die das tägliche Leben am Laufen halten. Pflegekraft, Müllmann, Chefarzt. Dabei inszenierte er sie nicht vor ihren Apparaten. Sie wirken durch sich selbst. Sehr konzentriert, erschöpft, präsent. „Mir geht es um den Menschen“, sagt er, „das Bild ist zweitrangig.“

Auf marginalisierte Menschen kam er durch einen Zeitungsartikel. Der trieb ihn um und schob sein Interesse buchstäblich an die Ränder. Dazu zählen auch Einwanderer, also Menschen ohne Heimat. In einer eindrucksvollen Serie setzte er sie ins Bild. Der Zyklus wurde damals tausendfach bestaunt. Im Zollamt Konstanz-Kreuzlinger Tor zeigte er die Porträts von staatenlosen Menschen. Das Echo war immens. Ohne Unterstützer wäre das nicht möglich geworden. Der Fotokünstler arbeitet eng mit Nichtregierungsorganisationen (NGO) zusammen, die in der Szene unterwegs sind. „Menschen ohne Identität sind sonst unsichtbar. Die NGO kennt sie und bringt sie zu mir.“

„Ich muss noch packen“, meint er am Ende des Gesprächs. Also nicht die Umzugskisten auspacken, sondern den Koffer packen. Bald wird er Raithaslach verlassen und fahren, fliegen, fotografieren. Dieses Mal zieht es ihn in die spanischen Exklave Ceuta, die auf dem Staatsgebiet von Marokko liegt. Das bedeutet eine aufwendige Reise, die ihn erneut an die Ränder führen wird – diesmal an die EU-Außengrenze, die mit Mauer und Stacheldraht gesichert ist. Er wird dort Frauen treffen, die sich die verzwickte Lage der Exklave zunutze machen und daraus ein Geschäftsmodell entwickelt haben. Also muss er hin und mit ihnen reden und dann auf den Auslöser drücken, wenn alle fast müde sind.