Klaus Eberhartinger ist lang ergraut, aber noch ganz der Schalk. Foto: Oliver Willikonsky-Lichtgut

Die österreichsische Musiktruppe Erste Allgemeine Verunsicherung macht Schluss. Auf ihrer Abschiedstournee hat sie jetzt auch in Stuttgart ihre Späße getrieben. Dabei ging es schon mit einer Überraschung los.

Stuttgart - Es gibt Bands, die treten ab und kehren wieder. Fast nie ist da Ironie im Spiel. Ein Glück, dass es die Erste Allgemeine Verunsicherung gibt. Die Österreicher Rock-Komödianten spielen am Mittwoch im nahezu ausverkauften Beethovensaal der Liederhalle. „Abschiedstour – die Erste“ steht auf den Plakaten, „Alles ist erlaubt“ auf dem T-Shirt von Klaus Eberhartinger, ihrem Sänger, Conferencier. Das heißt wohl: es darf tief gegraben werden, im eigenen Katalog, und die Band, die sich 1977 formierte, sich den Namen eines real existierenden österreichischen Versicherungsunternehmens keck subversiv mit kleiner Änderung unter den Nagel riss, feiert auf dieser Tour ihr 1000-jähriges Bestehen. Der Zeitgenosse hat schon von schlimmeren Fake-News gehört.

Im Jahr 2019 bestehen EAV aus Klaus Eberhartinger, Thomas Spitzer, Kurt Keinrath, Franz Kreimer, Alvis Reid, Aaron Thier und Reinhard Stranzinger, eine breit aufgestellte Gruppe mit vielen Instrumenten, vielen Masken, Kulissen, heiteren Effekten, todernsten Botschaften. Mit einer reinen Spaßkapelle war die Erste Allgemeine Verunsicherung seit jeher leicht zu verwechseln – 1985 kletterte ihr fünftes Album „Geld oder Leben!“ hoch in den Hitparaden und blieb dort lange; Hits wie „Der Märchenprinz“, „Ba-Ba-Banküberfall“, „Heiße Nächte in Palermo“ schienen für den Karneval geschaffen. Aber EAV wollten und konnten immer schon mehr: in herzhaft albernen Liedern verstecken sie bittere Sozialkritik, vor dem politischen Kommentar schreckten sie nie zurück.

Clown, Frosch, Mafiaboss

Daran hat sich nichts geändert. Im September veröffentlichte die Band das 17. Studioalbum ihrer Karriere, darauf auch der Song „Trick der Politik“. „Auf der Bühne der internationalen Politik“, sagt Klaus Eberhartinger, „da sind die wahren Magier zuhause, die Un-Ehrlich Brothers, die ganz große Tricks können.“ Kaum ist das lustige Lied von Gier und Korruption gespielt, setzt Keyboarder Franz Kreimer sich einen Strahlenkranz auf, wird zur Freiheitsstatue, beginnt die US-Hymne – und Eberhardtinger turnt als Uncle Sam mit großem Hut herum: „I grab the pussy, I‘ll wash your brain, make America great again.“

Eberhartinger ist lang ergraut aber noch ganz der Schalk. Er schleicht im Trenchcoat vorbei und winkt mit dem Zeigefinger; im Hintergrund hüpfen Polizist und Bankräuber auf und ab. Er wird zum Clown, zum Frosch, zum Mafiaboss. Auch andere Versicherungsvertreter verkleiden sich – die Show der EAV ist eine Mischung aus Kabarett, Karneval und Rock‘ n Roll.

Der Sensenmann geht um

Thomas Spitzer und Kurt Keinrath brechen den Klamauk mit harten Gitarrenriffs, Franz Kreimer spielt heimlich Jazz, und manch ein Lied, das jeder aus den Hitparaden kennt, klingt plötzlich anders. Weit zurück in der Zeit reist die Gruppe, zu ihrer zweiten Langspielplatte „Café Passe“, auf der Walter Hammerl, Klaus Eberhartingers Vorgänger im Amte, noch „Oh, nur du!“ schluchzte, fast so schön wie Peter Kraus, nur lustiger. Nach mehr als zweieinhalb Stunden mit der EAV, geht der Tod um, im Beethovensaal, der Sensenmann. Zu Beginn kam die Band mit einem Sarg auf die Bühne – nun steht die Kiste wieder da, Eberhartinger legt sich hinein, Franz Kreimer verwandelt sich in eine Nonne und spielt ein elegisches Solo auf dem Saxofon. Dann klappt der Deckel zu und die Sargträger schlurfen mit ihrer Beute davon.

Natürlich kehren EAV noch einmal ins Rampenlicht zurück, singt Eberhartinger den Märchenprinzen und beschwört herauf die Fata Morgana. Mit ihrer Abschiedstour meint die EAV es aber möglicherweise ernst – genügend Scherze auf Kosten alternder Rockstars hat sie im Programm. Aus dem Banküberfall macht sie in einer Reprise den Bandscheibenvorfall, Kollegen, die es gar nicht einsehen wollen, zieht sie kräftig durch den Kakao: „Mit sieben Krücken wirst du gehn“, singt Eberhartinger. Wen er wohl meint? Ein Mal zumindest werden EAV noch nach Stuttgart kommen: am 1. Juli spielen sie ein Zusatzkonzert in der Liederhalle.

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