Wie kommen die beiden wohl an? Der Kanzleichef Wotan (Stefan Merki) und seine unkonventionelle Empfangsdame Fanny (Jutta Speidel) Foto: ARD

Manchmal muss der Titel einfach peinlich sein: Wie die ARD-Tochter Degeto verlorenes Terrain zurückerobert.

Stuttgart - Bis 2013 hatte Christine Neubauer freitags im Ersten eine Art Stammplatzgarantie. Dann jedoch begann die für den Sendeplatz zuständige ARD-Tochter Degeto Geschichten zu erzählen, in denen für die beliebte Schauspielerin kein Platz mehr war; plötzlich ging es um Kinderwünsche gleichgeschlechtlicher Paare („Vier kriegen ein Kind“), Teenager-Schwangerschaften („Mona kriegt ein Baby“) oder einen Jugendlichen im falschen Körper („Mein Sohn Helen“). Auf diese Weise konnten zwar junge Zuschauer gewonnen werden, doch das Stammpublikum des Sendeplatzes begann zu fremdeln; selbst klassische Seniorengeschichten blieben fortan deutlich hinter den Erwartungen zurück. Christine Strobl, die 2012 angetreten war, um als Geschäftsführerin frischen Wind in die Degeto und damit auch in ihre Produktionen zu bringen, versprach trotz der ernüchternden Bilanz, der neuen Philosophie treu zu bleiben: „Es wird ganz sicher keinen Weg zurück geben.“

Nun scheint sich die Beharrlichkeit auszuzahlen: Der Trend zeigt eindeutig nach oben. 2015 lag der Jahresschnitt der Freitagsfilme bei 11,6 Prozent, im ersten Halbjahr 2016 ist es fast ein Prozent mehr. Richtig zufrieden ist der Redaktionsleiter Sascha Schwingel allerdings erst, wenn ein Film bei über 14 Prozent liegt. Das ist in diesem Jahr bereits viermal gelungen, darunter zwei Komödien, deren Titel nur bedingt Qualität signalisierten: „Papa und die Braut aus Kuba“ (14,4 Prozent) sowie „Oma zockt sie alle ab“ (14,8 Prozent). Die Titel sind das Ergebnis einer internen Degeto-Analyse: Bei vielen anderen Filmen hätten die Zuschauer, erläutert Schwingel, gar nicht erst eingeschaltet. „Der Einschaltimpuls ist also der wesentliche Moment, der über die Akzeptanz entscheidet.“ In den Programmübersichten der Tageszeitungen zum Beispiel stehe meist nur der Filmtitel, und deshalb sei er eines der wenigen „Verkaufsinstrumente“: „Wir müssen in der Annonce unserer Filme immer treffsicherer werden. Die Titel sollen Lust auf einen Film machen und dem Zuschauer Orientierung geben.“ Wie sinnvoll diese Strategie aus Sendersicht ist, hat im letzten Dezember „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“ bewiesen. Selbst Degeto-Mitarbeitern war der Titel peinlich, aber die witzige Ethno-Komödie mit Michael Gwisdek war mit über 6 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von fast 20 Prozent der erfolgreichste Freitagsfilm 2015. Mit den beiden anderen Erfolgsproduktionen 2016, „Die Kinder meines Bruders“ (15,6 Prozent) und „Drei Väter sind besser als keiner“ (15,7 Prozent), hat das Erste laut Schwingel erstmals seit langem wieder mehr Zuschauer erreicht als das ZDF mit einer zeitgleich ausgestrahlten Krimiserie.

Christine Neubauer ist auch wieder dabei

An der generellen Ausrichtung des Sendeplatzes, versichert der Redaktionsleiter, habe sich jedoch „nichts Grundsätzliches geändert, die Ziele sind die gleichen geblieben“. Man sei aber „noch präziser in der Auswahl der Geschichten und Themen“ geworden. Dennoch legen Reihen wie „Einfach Rosa“ mit Sat-1-Star Alexandra Neldel als Hochzeitsplanerin oder aktuell die „Fanny“-Filme mit Jutta Speidel als Lebenskünstlerin eine gewisse Rückkehr zur einstigen Seichtigkeit nahe. Gerade den beiden Speidel-Komödien – an diesem Freitag zeigt die ARD den zweiten Film, „Fanny und die gestohlene Frau“ – mangelt es an Witz, Tempo und Originalität. Die Geschichten bieten vor allem Flucht aus dem Alltag, was Kritiker im Vergleich zu Themen von sozialer oder gesellschaftspolitischer Relevanz gern abschätzig als Eskapismus bezeichnen.

Schwingel kontert mit Zahlen: Die „Einfach Rosa“-Folge „Wolken über Kapstadt“, seiner Meinung nach der eskapistischste der vier Filme über die Berliner Hochzeitsplanerin, habe nur gut 3 Millionen Zuschauer erreicht (Marktanteil: 9,8 Prozent); die Reihe wird nicht fortgesetzt. Sein Gegenbeispiel ist „Matthiesens Töchter“. In der im Stil eines norddeutschen Westerns inszenierten Tragikomödie spielt Matthias Habich einen Gestütbesitzer, der sich um Haus und Hof gesoffen hat; über 4 Millionen Zuschauer (12,7 Prozent) nahmen Anteil. Schwingels Schlussfolgerung aus den beiden unerwarteten Resultaten: „Wir müssen sehr differenziert überlegen, welche Themen wir wie erzählen und was unsere Zuschauer interessiert. Es gibt keine einfache Erfolgsformel, weil der Erfolg durch viele Faktoren bestimmt wird. Und Erfolg heißt immer, dass ein guter Film viele Zuschauer erreichen sollte.“ Er glaubt ohnehin nicht, dass Teile des früheren Freitagsfilmstammpublikums verloren seien, auch wenn er einräumt, dass der eine oder andere Film „vielleicht zu speziell war“: „Es wird uns gelingen, den Freitag als erfolgreichen Sendeplatz für Qualitätsfernsehen zu etablieren, an dem die Zuschauer eine große Vielfalt unterhaltsamer Geschichten erwarten können.“

Für Qualitätsfernsehen stand der Name Christine Neubauer in den früheren Freitagsfilmen selten, mitwirken darf sie trotzdem wieder: Derzeit entsteht in Südamerika eine Degeto-Komödie mit dem Arbeitstitel „Tante Maria, Argentinien und die Sache mit den Weißwürsten“. Neubauer spielt eine bayerische Metzgermeisterin, die mit ihren preisgekrönten Weißwürsten den argentinischen Markt erobern will.

  
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