Ein Bild mit Symbolcharakter: Dieses Verkehrsschild mit einem Verbot der Einfahrt steht vor dem Gebäude der Stadtregierung von Tokio. Foto: dpa/Stanislav Kogiku

Der Fechter Max Hartung zieht als Athletensprecher die Konsequenzen und sagt seine Teilnahme an den Sommerspielen ab. Der DOSB will derweil ein Stimmungsbild bei den deutschen Sportlern einholen, und das IOC setzt sich eine Frist für die Entscheidung, ob die Spiele verlegt werden.

Stuttgart - Der Säbelfechter Max Hartung hat den Anfang gemacht, ganz nach dem Motto: einer muss es ja tun. Wenn sich schon der IOC-Präsident Thomas Bach und seine Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees trotz der Coronakrise nicht mit dem Gedanken anfreunden können, die Spiele in Tokio abzusagen oder zu verschieben, trifft Hartung einfach mal seine eigene Entscheidung. Das heißt: Die Spiele finden ohne ihn statt. „Ich mache mir Gedanken, wie ich als Sportler dazu beitragen kann, dass wir möglichst alle gut durch die Krise kommen“, sagte der Säbelfechter und zog deshalb auch die Konsequenzen: „Für mich war schnell klar, dass das bedeutet, zu Hause zu bleiben.“

Max Hartungs Worte verfehlen ihre Wirkung wohl nicht. Er ist ein mündiger Athlet und als Präsident der Vereinigung Athleten Deutschland nicht irgendwer. Wahnsinnig traurig sei er zwar über seine Entscheidung, doch könne sie Signalwirkung haben, so Hartung, der wegen der Coronakrise für eine Verschiebung der Spiele plädiert. In den kommenden Tagen will nun der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ein Stimmungsbild bei mehr als 200 potenziellen Olympia-Athleten einholen. „Nach dem Vorliegen der verschiedenen Positionierungen wird es uns gelingen, eine klare und ganzheitlich ausgewogene Position des DOSB zu formulieren und diese gegenüber dem IOC zu vertreten“ sagt der DOSB-Chef Alfons Hörmann über den bislang einzigartigen Vorgang, die Athleten direkt zu befragen, ob sie an Olympischen Spielen teilnehmen wollen oder nicht. Zudem möchte Hörmann demnächst den Dialog mit der Bundesregierung im Hinblick auf die heikle Frage intensivieren.

Verständnis für die anderen

Max Hartung sagt aber auch das: Er habe „Verständnis für jeden, der sagt: Ich habe hart gearbeitet, ich will die Spiele noch nicht aufgeben“. Der Musberger Ringer Frank Stäbler etwa wird sich nicht vorzeitig von seinen Olympia-Träumen verabschieden, so wie Hartung. „Für mich ändert sich nichts. Ich warte, bis die Entscheidung gefallen ist, und dann setze ich mich damit auseinander“, sagt der dreimalige Weltmeister, der in Tokio seine ersehnte erste Olympiamedaille gewinnen will. Der Vielseitigkeitsreiter Michael Jung kann es sich auch nicht vorstellen, die Spiele abzusagen. „Das ist für jeden Athleten ein großer Traum, ein großes Ziel, da trainiert man jahrelang drauf hin. Wenn das einfach wegfällt, das ist zwar kein Weltuntergang, aber so bitter. Im Moment hoffe ich immer noch, das alles klappt oder das es wenigstens verschoben wird“, sagt Jung dem SWR.

Der ehemalige deutsche Mittelstreckenläufer Nils Schumann, der 2000 bei den Sommerspielen in Sydney über 800 Meter Olympiasieger wurde, glaubt, dass dem Beispiel Hartung zahlreiche andere Athletinnen und Athleten folgen werden. „Das wird noch mehr Sportler mobilisieren und dann den Druck auf das IOC erhöhen“, sagt Schumann und ergänzt: „Natürlich haben Olympische Spiele wirtschaftlich und gesellschaftlich einen hohen Stellenwert, deshalb ist es schwierig, sie Hals über Kopf abzusagen – doch glaube ich nicht, dass man das jetzt so um jeden Preis durchziehen kann.“ Der Schwebezustand sei für die Athleten „total unbefriedigend“, auch sei durch die unterschiedlichen Trainingsmöglichkeiten keine Chancengleichheit mehr gewährleistet. In diesen Zeiten gebe es wichtigeres als den Sport. „Ich bin ja selbst auch betroffen und musste mein Fitnessstudio schließen“, sagt Schumann dieser Zeitung.

Unrühmliches Spiel

Das unrühmliche Spiel auf Zeit von Thomas Bach spaltet die Sportwelt. Nach Hartungs Entscheidung und der Athletenbefragung ist ein historischer Boykott des gesamten deutschen Olympia-Teams nicht mehr ausgeschlossen. Die Reaktionen auf seine Entscheidung seien in Sportlerkreisen „durch die Bank positiv“, die Kollegen „haben großen Respekt davor“, sagt Hartung, der die DOSB-Befragung ebenso als positives Zeichen bewertet. Der Verband hört erst die Athleten, bevor er sich selbst positioniert – wann gab es zuletzt solch eine Mitbestimmungskultur im Verhältnis zwischen Verband und Athleten?

Thomas Bach hofft derweil weiterhin tapfer auf eine Austragung der Olympischen und auch Paralympischen Spiele (25. August bis 6. September) – im Sinne der Sportler. Eine Absage würde den olympischen Traum von 11 000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees zerstören, so Bach gegenüber dem SWR, sie wäre die „am wenigsten faire Lösung“. Doch nun rollt auf den „Herrn der Ringe“ ausgerechnet aus dem eigenen Land eine Lawine der Anti-Olympia-Stimmung zu, die Bach immer stärker unter Druck setzt. Der ehemalige Schwimm-Olympiasieger Michael Groß hat sich in einem offenen Brief an Bach gewendet mit den Worten: „Lieber Thomas, diesmal geht es darum, dass Du den Traum von Olympia für viele Athleten retten kannst – durch das Verschieben der Spiele auf 2021 oder 2022. Jetzt, 2020, wäre eine Durchführung unfair!“ Und auch für den Virologen Alexander Kekule steht fest, dass es zu einer Absage und Verschiebung keine Alternative gibt. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir in Tokio dieses Jahr die Olympischen Spiele austragen können.“

Am Sonntagabend hat das IOC nach einer Sitzung des Exekutivkomitees einen offenen Brief an die Athleten verfasst. Darin wird erstmals eine Frist in der Diskussion um die Verlegung genannt: Innerhalb der nächsten vier Wochen soll eine Entscheidung fallen, ob die Sommerspiele verlegt werden. Eine Absage schloss das IOC aus.

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