Carolin Kebekus muss erst noch zur alten Form zurückfinden. Foto: WDR/btf/Melanie Grande

Die Satirikerin Carolin Kebekus ist aus der Pause zurück. Ihre Show im Ersten flutscht noch nicht – bietet aber einen unglaublichen Sommerhit mit der vermeintlichen Spaßbremse der Nation.

Stuttgart - Irgendwie ist das ja auch tröstlich. Dass auch die größten Talente Lampenfieber kennen und die wendigsten Hirne und flinksten Zungen ein wenig angerostet aus einer längeren Pause kommen können. Im Ersten ist am Donnerstagabend die zweite Staffel der „Carolin Kebekus Show“ gestartet. Und die frisch mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Satirikerin und Entertainerin war nicht in Topform: viel steifes Textaufsagen auf der Stelle, mit groben Überbetonungen und ein paar arg flauen Gags.

Sorgen muss man sich aber noch nicht. Auch Jan Böhmermann – mit dem Kebekus viel verbindet: zum Beispiel eine Bissigkeit, die durch Selbstironie und Spott über die eigenen Attacken flankiert wird, und eine Liebe zur Popmusik, die weit über das übliche Proforma-Singen von Kabaretttexten hinausgeht – ist Ende vergangenen Jahres gelenksteif aus der Pause gekommen.

Erst mal räuspern

Die erste Ausgabe des neuen „ZDF Magazin Royale“ war weit hinter den besten Momenten des Vorgängerformats beim Spartensender Neo zurückgeblieben. In Nullkommanichts aber hat sich das „ZDF Magazin Royale“ zum Pflichttermin der Fernsehwoche gemausert. Man darf also auch vom Auftakt der neuen Staffel der „Carolin Kebekus Show“ denken: Das war wohl bloß ein Halsfreiräuspern.

Gute Momente gab es trotzdem. Da war zum einen Bill Kaulitz als Studiogast. Der Leadsänger von Tokio Hotel ist ein Typ für sich und gewiss nicht jedermanns Lieblingsmusiker. Er wäre in einem satirischen Bonmot-Gefecht wohl auch kein chancenreicher Duellpartner von Kebekus. Aber Kaulitz ist ein sympathischer, auf seine Art ganz authentischer und unverstellter Typ – und Kebekus hat ihn kein bisschen vorgeführt. Sie lädt sich Gäste nicht als unterlegene Sparringspartner ein, das macht auch sie sehr sympathisch.

Großer Auftritt für Karl Lauterbach

Noch mehr hat man allerdings vom Musikvideo „Der Sommer wird gut“. Das flitzt faszinierend ungreifbar zwischen echter Aufbruchseuphorie und galliger Sorglosigkeitskarikatur umher: „Wir gehen steil, endlich virenfrei“ singt eine Kebekus in halber Ballermann-Laune. Den alles noch verwirrender machenden Kontrapunkt bildet aber SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der Carolin Kebekus immer wieder mit Mahnungen und Hinweisen auf „neue Harvard-Studien“ dazwischen quasselt.

Nicht zum ersten Mal zeigt der in den Augen der Ungeduldigen zur Spaßbremse der Nation Aufgestiegene, dass er nicht nur trocken-sachlich Hoffnungsballone platzen lassen kann, sondern zu einer noch viel trockeneren Selbstveräppelung fähig ist. In „Der Sommer wird gut“ können sich fast alle wiederfinden, diejenigen, die endlich wieder Rummel möchten, und diejenigen, denen verfrühte Öffnungen wie Wahnsinn vorkommen. Vor allem aber jene, die beide Impulse gleichzeitig in sich spüren. Und Karl Lauterbach könnte es jetzt in die Musikvideocharts schaffen. Wir leben in Zeiten, die wir uns 2019 nicht hätten träumen lassen.

Verfügbarkeit: Die ganze Sendung ist hier in der ARD-Mediathek abrufbar – bis zum 27. Mai 2022.

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