Lebensmittel und Medikamente könnten knapp werden – aber die Briten lassen sich davon nicht beunruhigen. Foto: Getty Images Europe

Die meisten Briten zeigen wenig Panik, angesichts der Möglichkeit eines „No-Deal“-Brexit in weniger als drei Wochen.

London - In London sind es derzeit manchmal die kleinen Nachrichten am Rande, die es in sich haben. Fast beiläufig hat man erfahren, dass die Londoner Polizei ihre Vorräte an Plastikgeschossen kräftig aufstockt – „in einer Zeit wachsender Angst vor Brexit-Unruhen“, wie die proeuropäische Tageszeitung „Guardian“ vermerkt. Plastikgeschosse sind in London nicht einmal zu Zeiten blutiger Straßenkrawalle benutzt worden. Man hat sie ausschließlich in Nordirland eingesetzt, zu Zeiten der blutigen Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken. Dort werden sie für den Tod von mindestens 17 Menschen, darunter acht Kinder, verantwortlich gemacht. Und eben den Kollegen in Nordirland haben englische und schottische Polizeiverbände für den Fall von Post-Brexit-Unruhen Verstärkung versprochen. Bekannt ist, dass derzeit rund tausend Polizisten zwischen London und Glasgow für entsprechende Einsätze ausgebildet werden.

Polizei und Soldaten stehen in Bereitschaft

Zugleich hat Verteidigungsminister Gavin Williamson verkündet, dass 3500 britische Soldaten „in Bereitschaft gehalten“ werden. Sie sollen bei Bedarf – auch östlich der Irischen See – „einspringen“, falls die regulären Dienste im Vereinigten Königreich überfordert sind. Nicht ausgeschlossen hat die Regierung aber auch, dass sie notfalls im ganzen Land das Kriegsrecht ausrufen und Ausgangssperren verhängen könnte. Entsprechende Verordnungen liegen offenbar bereit, falls es zu Bürgeraufständen kommt. Die Existenz solcher Pläne bestätigt hat Williamsons Kabinettskollege Matt Hancock, der Gesundheitsminister, der freilich zugleich beteuert, die Regierung sei mit Wichtigerem als mit „martial law“ beschäftigt.

Merkwürdige Stimmung, aber keine Panik

In der Tat herrscht gegenwärtig eine merkwürdige Stimmung in Großbritannien. Im politischen Raum ist alles auf die dramatischen Vorgänge in Westminster, auf das Ringen zwischen Legislative und Exekutive konzentriert. Doch die meisten Briten zeigen wenig Panik, angesichts der Möglichkeit eines No-Deal-Brexits in weniger als drei Wochen. Für die Brexiteers sind all die Warnungen vor Kriegsrecht und Notstandsmaßnahmen eh nur „Angstmacherei“ derer, die den Brexit verhindern wollen. Nur ein Fünftel der Briten hat letzten Umfragen zufolge damit begonnen, mal ein paar Konserven oder etwas Klopapier einzulagern. Eher ungläubig als in fieberhafter Angst treibt Großbritannien auf seinen „Abgrund“ zu.

Dabei wird von vielen Geschäftsleuten, Verbänden und Experten eine No-Deal-Perspektive als „echte Katastrophe“ betrachtet. Befürchtet wird, dass in einem solchen Fall der Grenzverkehr stockt, der Lebensmittelnachschub abreißt, lebensnotwendige Medikamente nicht mehr ins Land kommen. Dass Preise in die Höhe schnellen und den Ärmsten überhaupt nichts mehr an Kaufkraft bleibt.

Krankenhäuser stellen sich Medikamenten-Engpass ein

Lang ist die Liste absehbarer Konsequenzen. Supermärkte haben erklärt, sie könnten nicht genug Produkte lagern und keine frische Ware garantieren. An die Öffentlichkeit gelangte Regierungsdokumente gehen davon aus, dass die Briten dann eben „ihre Ernährungsweise ändern“ müssten. Das wird für viele Bürger eine neue Erfahrung sein. Von möglichem Mangel an sauberem Trinkwasser hat zeitweise sogar Landwirtschaftsminister Michael Gove, ein Chefstratege des Brexits, gesprochen. Und die Apotheken des Landes haben bereits das Recht gefordert, Rezepte eigenhändig abzuändern. Sie stellen sich, wie die Krankenhäuser, auf Rationierung von Medikamenten ein. Ein „war room“, eine Art Kommandozentrale für den Gesundheitssektor, ist eingerichtet worden. Minister Hancock hat ein Flugzeug gechartert, um bei Bedarf Insulin und Isotopen für Krebsbehandlungen einfliegen zu lassen. Sein Ministerium sei neuerdings „der größte Kühlschrank-käufer der Welt“, witzelt er.

Nach den ersten Abzugsankündigungen diverser Großkonzerne bahnen sich riesige Jobverluste an. Allein im Bereich des Automobilbaus werden nach jetzigem Stand Zehntausende von Arbeitsplätzen verloren gehen. Heimischen Firmen, die nicht mehr konkurrieren könnten, droht der Konkurs.

Nach Schätzungen der Bank von England und anderer Finanzinstitutionen könnte das Vereinigte Königreich auf 15 Jahre hin 8 bis 10 Prozent seiner Wirtschaftskraft einbüßen – und prompt auf eine Rezession zusteuern. Die von den Brexiteers versprochenen neuen Handelsverträge mit aller Welt haben sich nicht eingestellt.

Noch gar nicht berücksichtigt sind dabei die existenziellen Probleme, die sich für die Million Briten ergeben, die in der EU leben (und für 3,7 Millionen EU-Bürger im Vereinigten Königreich) – und die ohne Brexit-Vertrag erst einmal illegale Migranten wären. Gute Behandlung wurde ihnen von beiden Seiten in Aussicht gestellt. Garantien haben sie nicht.

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