Die Kunst der kleinen Gesten: Jossi Wieler hat sie in Stuttgart kultiviert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Entschleunigung, Konzentration, dramaturgisches Denken, die Wahrung der Tradition und behutsame Erneuerung prägten seit 2011 die Oper Stuttgart. Nun verlässt Jossi Wieler das Haus. Ein Rückblick auf sieben glückliche Jahre.

Stuttgart - Am Anfang stand ein Versprechen. Tief eindringen in die Untiefen des Musiktheaters wollte Jossi Wieler, als er 2011 als Intendant an die Oper Stuttgart kam. Allein die Werke sollten im Zentrum stehen, und ein kleiner Kreis von Regisseuren sollte behutsam die Relevanz von alten Stücken für eine neue Zeit herausarbeiten. Um dieser Idee der Vertiefung und Konzentration willen hat der zuvor im Schauspiel stark gefragte Schweizer Regisseur alle auswärtigen Anfragen abgelehnt und sich beim Inszenieren auf sein eigenes Haus fokussiert. Hinzu kam zunächst drei Jahre lang Andrea Moses als Hausregisseurin, danach öffnete man sich auch anderen Handschriften. Die Grundidee allerdings blieb, und so steht die Oper Stuttgart nach sieben Jahren Jossi Wieler als ein Haus da, welches das dramaturgische, also theoretische Befragen der Ära Zehelein nicht nur weitergeführt, sondern ins Praktische geweitet hat – und so seine Einzigartigkeit unter den Opernhäusern der Welt untermauerte. Vielleicht konnte dies nur einem – gemeinsam mit einem Dramaturgen – Regie führenden Intendanten gelingen.

Vorausgegangen waren fünf künstlerisch nicht unerhebliche, aber auch krisenreiche Jahre unter Albrecht Puhlmann. Das vielleicht größte Problem seines Vorgängers, eine klare Kommunikation nach innen und außen, wollte Wieler nicht wiederholen, und das war der eine Grund, weshalb den Intendanten stets ein Hauch des Übervorsichtigen umwehte. Der andere lag in seiner Persönlichkeit selbst: Jossi Wieler, Künstler durch und durch, sind alle plumpen Thesen zuwider, und so nähert er sich redend wie inszenierend dem Gegenüber, sei’s ein Gesprächspartner oder eben die Kunst, stets bedächtig und sanft tastend, ganz im Sinne einer hermeneutischen Spirale. Wielers Idee einer Entschleunigung des Betriebs, in dem die Innenschau das Äußerliche ersetzen soll und Erkenntnis das Event, hat auch mit diesem Charakterzug zu tun. „Wir prägen“, hat er zu Beginn seiner Intendanz gesagt, „vielmehr eine Ethik als eine Ästhetik.“

Jossi Wieler war auch als Intendant ein Teamplayer

So einer stellt sich nicht hin und gibt die Richtung vor. Deshalb hat sich Wieler von Anfang an auch als Intendant so etabliert, wie man ihn als Regisseur erlebt hat: als Teamplayer. Eine Bilanz seiner Ära ist deshalb auch ein Fazit der Arbeit jener, die mit ihm gemeinsam wirkten – am prominentesten waren das Eva Kleinitz als Operndirektorin, Sylvain Cambreling als Generalmusikdirektor und Sergio Morabito als Chefdramaturg und Ko-Regisseur. Nicht zu vergessen die zahlreichen, exzellent funktionierenden Gewerke im Haus, die zu loben Wieler nie müde wurde. Sie alle sorgten dafür, dass die Scharniere der Stuttgarter Opernmaschine stets gut geölt waren, dass größere Pannen bei Planung und Disposition ausblieben und das Ensemble weiter an Qualität gewann – und dass das Publikum nicht nur ernst genommen und mit etlichen Vermittlungsformaten bereichert wurde, sondern dem Haus von Anfang an verlässlich zugewandt blieb. Es spricht für den Intendanten, dass er diese paradiesische Situation nicht einfach weiter genießen wollte, sondern dem Haus wie sich selbst den Impuls eines Neubeginns verordnete: auch dies die Entscheidung eines Künstlers, der nichts so sehr fürchtet wie die Stagnation.

Was haben wir in den vergangenen sieben Jahren erlebt? Zunächst den Willen zur Kontinuität und das Bekenntnis zur Tradition, das sich in den zahlreichen, mit Zeit und Ruhe neu belebten Wiederaufnahmen zeigte. Den Reigen der Neuproduktionen begann die Hausregisseurin Andrea Moses. Sie setzte mit Interesse für politische Themen und Lust an plakativen Akzenten markante Kontrapunkte zu den filigraneren Arbeiten von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Das war gut, nur vermisste man bei Moses zuweilen genau das, was dieses Duo in Überfülle besitzt: gute dramaturgische Führung. Manchmal steckten zu viele bunte Ideen in den Arbeiten der quirligen Regisseurin, unter denen „La Cenerentola“ die beste war.

Seit 2011 hat Wieler gemeinsam mit Sergio Morabito vierzehn Opern in Stuttgart inszeniert

Der Intendant und sein Chefdramaturg selbst haben seit 2011 vierzehn Stücke in Stuttgart inszeniert. Zu den stärksten Produktionen zählten die Plädoyers für ernst zu nehmenden Belcanto (Bellinis psychologisierte und sanft ironisierte „La Sonnambula“, aber auch „I Puritani“), die Wiederentdeckungen von Edison Denisovs satirischer Oper „Der Schaum der Tage“ und Niccolò Jommellis „Berenike“, die zwingende Vertauschung von Vorspiel und Oper in Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ sowie die Geisterbahnfahrt zwischen altem und neuem Russland in „Pique Dame“. Mit diesen Inszenierungen etablierte sich in Stuttgart ein Musiktheater der subtilen Bilder voller bedeutsamer kleiner Gesten, Blicke und Bewegungen, das so vielleicht nur im Dialog zweier Künstler entstehen kann.

Unter den Gastregisseuren enttäuschte nur Rudolf Frey mit einem mut- und blutlosen „Nabucco“. Jenseits davon aber gelang viel Glückliches: Calixto Bieito bezauberte mit einem verspielten Zugriff auf Jean-Philippe Rameaus „Platée“, Andrea Breth inszenierte Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ still, genau und sehr text- und musiknah, Frank Castorf machte Charles Gounods „Faust“ zur schillernden Paris-Revue im Spiegelkabinett historischer Assoziationen, Kirill Serebrennikow infiltrierte Strauss‘ „Salome“ mit Terror, und Demis Volpi brachte in Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ Gesang und Körper, Tanz und Gesang auf poetische Weise zusammen.

Unter den Sängern wird man vor allem drei als Aushängeschilder der Ära Wieler in Erinnerung behalten: Die Mezzosopranistin Diana Haller und der Tenor Matthias Klink entwickelten sich rasant, und keine Sängerin stand bei Regiearbeiten von Wieler und Morabito so sehr im Mittelpunkt wie Ana Durlovski. Mit ihrer kleinen, feinen, koloratursicheren Stimme, die sich glänzend mit ihrer Ausdruckskraft paarte, wies die mazedonische Sopranistin auf all das hin, was dem Intendanten wichtig war: Konzentration, Energie, Wahrhaftigkeit, Ethos, Genauigkeit. Ein Mal während seiner Amtszeit, ein Mal während der sieben Jahre, in denen der heute 67-Jährige fast an jedem Aufführungsabend in der Intendantenloge auftauchte wie ein kaum sichtbarer, aber verlässlich schützender Security-Mann der Kunst, hat Jossi Wieler dafür die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ nach Stuttgart geholt. Die Bewohner von Stadt und Region können mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Titel eigentlich sieben Jahre lang zutreffend war.

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