Junge Kreative mit Geschichtsbewusstsein: Mitglieder des Kollektiv 44 Foto: K44

Die Villa Bolz lebt – dafür sorgen ihre jungen Bewohner, die sich zum Kollektiv 44 zusammengeschlossen haben. Ende November müssen sie ausziehen, das Haus soll abgerissen werden. Im Interview erläutern vier Bewohner, was verloren ginge.

Stuttgart - Florian, Peter, Raphael, Florian, wer seid ihr, und was ist das Kollektiv 44?
Florian H.: Wir sind ursprünglich ein Freundeskreis aus Crailsheim, der in Stuttgart ein Haus gesucht hat, um gemeinsam wohnen und uns kreativ entfalten zu können. So sind wir auf die Villa gestoßen. Das Haus war als Abrisshaus ausgeschrieben. Wir haben uns beworben und haben’s bekommen. Ende Mai sind wir eingezogen. Daraus hat sich in sehr kurzer Zeit das Kollektiv 44 entwickelt, eine Gemeinschaft, die nach bestimmten Werten leben will – offen, ehrlich, mit Respekt füreinander. Heute sind wir eine WG mit 21 Bewohnern. So was gibt’s nicht mal in Berlin. Wir haben eine Küche, zwei Waschmaschinen, keine Spülmaschine – und es funktioniert.
Florian W.: Das war so gar nicht geplant, sondern hat sich ergeben. Ganz unterschiedliche Leute kommen hier zusammen: Künstler, Erzieher, Studenten.
Was macht eure Lebensform aus?
Raphael: Das merkt jeder sofort, der hier reinkommt. Wir gehen gut miteinander um, man ist willkommen und fühlt sich wohl. So könnte es eigentlich überall sein. Die Frage ist, warum das nicht gelingt.
Peter: Es ist, wie wenn man sich beim Eintreten in die Villa ausziehen würde. Status und Ballast – das alles bleibt draußen. Hier herrscht Augenhöhe. Wir haben keine direkte Struktur, es gibt keinen Putzplan, aber wir halten jede Woche Sitzungen ab, auf denen wir darüber sprechen, was alles so ansteht und was den Leuten auf dem Herzen liegt. Dafür brauchen wir keine Handys oder E-Mails. Ich vergleiche unser Kollektiv mit einem U-Boot. Es gibt Steuerleute, einen Koch, einen Mechaniker. Alle sind aufeinander angewiesen.
Wie entscheidet ihr, wer aufgenommen wird?
Peter: Wichtig ist die Menschlichkeit. Wer sich engagiert und etwas beitragen will, gehört dazu. Es geht nicht darum, dass Einzelne etwas Tolles darstellen. Wir wollen als Kollektiv an einem Strang ziehen.
Florian H.: Hier ist prinzipiell jeder willkommen. Es kann auch ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt kommen und für ein paar Stunden eine schöne Zeit erleben. Ich würde dem nie sagen, wie er sein Leben zu leben hat. Das muss jeder selbst wissen.
Wann seid ihr zum ersten Mal auf den Namen des früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz gestoßen?
Raphael: Ich hab’ Eugen Bolz vorher nicht gekannt. Im Geschichtsunterricht kam er nicht vor. Als wir hier eingezogen sind, haben wir uns informiert. Uns wurde klar, was für ein bedeutender Mann das ist.
Peter: Uns war bewusst, wie groß die Sache ist und wie vorsichtig man das Ganze angehen muss. Wir hätten auch sagen können: ,Hammerhaus‘, wir sind Jungs aus Crailsheim, und was hier ist, kann uns alles egal sein. Aber es war anders. Wir sind ins Haus reingelaufen und haben gesehen, da ist ein Koffer vom Herrn Bolz, da sind alte Negative, da ist ein riesiger, fünf Meter langer Stammbaum. Vieles haben wir auch in Gesprächen mit den Nachbarn erfahren.
Florian H.: Wir haben das Haus entdeckt, Eugen Bolz entdeckt und dabei auch uns selbst entdeckt.
Peter: Die ganze Energie, die dabei entstanden ist, floss in die Gruppe. Dadurch hat sich eine Riesengemeinschaft entwickelt.
Die Geschichte des Hauses hat euch die letzten fünf Monate über begleitet . . .
Florian H.: Ja, weil wir vieles in dieser ­Geschichte für uns entdeckt haben. Es sind verrückte Sachen passiert. Passend zu unserem Kulturwochenende am 17./18. Oktober hat uns jemand einen Brief geschickt, den Eugen Bolz am 17. Oktober vor 71 Jahren aus dem Gefängnis an seine Frau geschrieben hat.
Peter: Oder das mit der Nachbarin . . .
Raphael: Lotte! Die Dame ist 94 und hat noch den Herrn Bolz erlebt. Sie kommt öfters zum Tee.
Wie seht ihr die Person Eugen Bolz?
Peter: Ich seh’ ihn als Geist, der in diesem Haus wohnt
Raphael: Er war einer der bedeutendsten Personen im Widerstand gegen Hitler, das verdient Respekt. Ich sehe es als Ehre, in seinem ehemaligen Haus wohnen zu dürfen.
Florian H: „Du weißt, du lebst gefährlich – Ja, aber ich will dabei sein“: Dieses Zitat von ihm beeindruckt mich schwer.
Florian W.: Er hat uns zum Nachdenken gebracht. Da gibt’s viele Dinge, die auch auf die heutige Lebenssituation passen: sein Einsatz für Freiheit und Demokratie, die ­Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Peter: Eigentlich müssten wir uns darum kümmern, was wir nächsten Monat machen, weil im Dezember 20 Leute auf der Straße sitzen. Stattdessen haben wir jetzt ein Kulturfestival veranstaltet, um diesen Platz nochmals zu zeigen. Aus Respekt vor Herrn Bolz.
Florian H: Ganz wichtig ist der Gedanke des Teilens. Jemand, der hier reinkommt und sagt, ,Leute ihr habt das klasse gemacht‘ soll beim nächsten Mal sagen: ,Wir haben das klasse gemacht.‘ Das ist ein Ding für alle.
Sollte das Haus erhalten bleiben?
Peter: Auf jeden Fall. Ich habe wenige Häuser erlebt, in denen man so eine Atmosphäre ­erzeugen kann. Man muss hier keine Show veranstalten, um Menschen zu bewegen. Es lebt aus sich heraus.
Florian H.: Der Wow-Effekt, der sich einstellt,wenn man reinkommt, ist unvergleichlich.
Ein Haupteinwand gegen eine Gedenkstätte ist, dass solche Orte nur wenige Besucher anziehen. Wie würdet ihr das machen?
Florian W.: Die Menschen, die uns besuchen, wollen wissen, was hier war. Durch solche Begegnungen bleibt viel mehr hängen. Das ist einfach anders, als wenn mir mein Opa eine Geschichte von früher erzählt. Hier lebe ich die Geschichte mit und erzähl sie weiter. Das ist etwas sehr Schönes. Eine solche ­Gedenkstätte lebt.
Peter: Wir würden aus dem Haus eine lebendige Gedenkstätte machen mit viel Kultur. Wir sind jetzt auch ein gemeinnütziger Kunst- und Kulturverein. Das wäre ­genau das Ding: Kultur ins Haus bringen.
Florian: Wenn die Leute nach einer Party heimgehen, wissen sie, sie waren im Haus des Freiheitskämpfers Eugen Bolz, der für die Freiheit gestorben ist.
Das wäre ein neues Konzept . . .
Peter: Ja, und es wäre interessant zu sehen, was das mit den Menschen macht.
Raphael: Ein Grundstein ist gelegt – wir haben eine Eugen-Bolz-Wand gestaltet.
Ihr traut euch zu, junge Leute dafür zu interessieren?
Peter: Ja, denn es geht auch um Jugendkultur in Stuttgart.
Wie erlebt ihr die Jugendkultur hier?
Florian H.: Ich sehe die Jugendkultur in Stuttgart als Suche an – suchend nach Räumen und Möglichkeiten. Es wird ihr wenig Freiraum gelassen.
Peter: Jugendliche suchen nach Bestätigung und Anerkennung. Es geht ja nicht nur ums Feiern, sondern vor allem darum, etwas zu gestalten.
Florian W.: In dieser Stadt fehlt es an kreativen Räumen – auch für Leute, die bewusst anders leben wollen und ein Interesse an ­anderen Menschen haben.
Peter: Ich frage mich: Warum kann man alte Häuser wie ­dieses nicht wiederauferstehen lassen? Man denkt, sobald Jugendliche einziehen, geht alles kaputt. Uns wurde vom Eigentümer (dem wohnbau-studio, d. Red.) gesagt: Bis zum Abriss könnt ihr hier machen, was ihr wollt. Wir sind der Meinung: Das gehört sich nicht. Wir gehen achtsam mit diesem Haus um und präsentieren es respektvoll.
Wollt ihr auch künftig gemeinsam leben?
Florian H.: Eindeutig ja. Man kann sich fast nicht mehr vorstellen, ohne die anderen zu wohnen.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: