Welch pittoreske Autorenklause: Claire Beyer wohnt im ausgebauten Dachstuhl des historischen Markgröninger Wimpelinhofes. Wie lebt es sich dort? Und wie beflügelt der Ort die Schriftstellerin?
Markgröningen - Dass sich eine Autorin, die das Zuweisen eines angestammten Tisches im Restaurant mit den Worten „Wir bekamen unseren Platz, unantastbar wie ein Chorgestühl im Dom“ beschreibt, in einem Gebäude wie dem Markgröninger Wimpelinhof bestens behaust fühlt, erstaunt nicht. Jahrhundertealtes, bei Westwind wisperndes Gebälk, ein Dachboden wie eine Kathedrale und Ecken und Winkel, „in denen es mich, als ich kürzlich gerade eine Gruselgeschichte geschrieben habe, selbst gegruselt hat“, wie sie erzählt: „Ich bin verliebt in das Haus“, sagt Claire Beyer über das mehr als 400 Jahre alte Fachwerk-Kleinod in Markgröningen. Tagsüber wird es auch von Besuchern des darin beheimateten Museums, nachts aber einzig von der Schriftstellerin selbst belebt.
Wie sie an den beflügelnden Schaffensort kam? „Es müsste ein Traum sein, im Wimpelinhaus zu wohnen“, hatte sie dem Bürgermeister Rudolf Kürner gegenüber einmal fallen lassen. Das ließ sich machen: Es gab eine alte, leer stehende Wohnung unter dem Dach. Vor 15 Jahren zog sie ein.
Eingerollt wie im Schneckenhaus
Von ihrem Schreibtisch aus kann Claire Beyer Blicke und Gedanken über die Dächer der Stadt hinweg in die Weite ziehen lassen. Oder aber sich auf dem Bett unter der Dachschräge wie im Schneckenhaus einrollen und Geschichten gebären, „fürs Schreiben alles andere ausschließend, auch die Menschen“.
Lesen Sie hier: Eine Wintergeschichte von Claire Beyer
Eine leichte Geburt ist das Schreiben selten. Gleich gar nicht bei ihrem jüngsten Roman „Revanche“, der 2019 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschien. „Ich hatte 150 Seiten geschrieben. Und dann habe ich alles wieder eingestampft“, erzählt sie. Der Roman verwebt die Geschichte des larmoyanten Unternehmersohnes Tobias Ristow – er will an seinem Vater Rache nehmen, weil er ihn übervorteilt hat – mit derjenigen von Tobias’ Großvater August, einem Meldereiter im Ersten Weltkrieg.
Warum der Radikalschnitt sein musste
„Irgendwann war mir klar: Über diesen Krieg mit seiner elementaren Dimension hätte ich nichts sagen und schreiben können, was nicht schon gesagt und geschrieben wurde“, begründet Beyer ihren Radikalschnitt. Sie fing noch einmal von vorne an, gewichtete neu. Der Meldereiter von damals findet in die Cyberwelt von heute Eingang – in Form eines Computerspiels. Und der zarten, zu einem fatalen Entschluss führenden Liebesgeschichte des Soldaten August und der Französin Simone stellte Claire Beyer die Affäre von Tobias mit Lea entgegen. Die in Liebesdingen pragmatische Frau tauscht Tobias irgendwann herzenskalt gegen seinen Vater, den vermögenden Patriarchen, aus. Der hat mal wieder keinen Schmerz dabei, seinen Sohn auszumanövrieren.
Sich in die Dinge dreinzufinden anstatt sich in Selbstmitleid und Hader einzurichten: Auch davon handelt „Revanche“. Tobias Ristows Therapeut packt das in die Formulierung: „Du musst lernen, deine Vergangenheit zu trösten.“ A propos Hader: Wie geht Claire Beyer damit um, dass sie an den großen Erfolg ihres Prosa-Debüts „Rauken“ im Jahr 2000 mit ihren späteren Büchern nicht mehr anknüpfen konnte? Zwar bekommt die Virtuosin der Verdichtung und des ungesagt Durchscheinenden, die so meisterlich die Brüchigkeit von vermeintlich Festgefügtem freilegt, immer wieder Elogen in den Feuilletons – „auch wenn Literaturrezensionen in Tageszeitungen ja leider immer weniger werden“. Doch der Publicity- und Verkaufserfolg von „Rauken“ blieb solitär.
Beyer: „Den Erfolg von ,Rauken’ nimmt mir keiner“
Die 72-Jährige lächelt. „Ich bin schon ein bisschen altersweise“, sagt sie. „Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Und den Erfolg von ,Rauken’ nimmt mir keiner. Aber ich werde sicher keinem Mainstream hinterherschreiben. Auch wenn’s dafür die Preise gibt“, bemerkt sie mit einem Anflug von Spott. Es müssen schon Inhalte sein, die aus ihr heraus wollen – nicht solche, die gerade auf dem Wellenkamm der aktuellen Befindlichkeiten reiten. Das Thema für ihren neuen Roman? „Weiß ich noch nicht. Aber es kratzt schon an der Tür.“
Den Rücken stärkt ihr Joachim Unseld: Der Verleger hat den Kurs seiner von der Lyrik geschulten Autorin von Beginn an konsequent unterstützt. Als „Revanche“ in Markgröningen Heimatpremiere feierte, war Unseld dabei. Claire Beyer wiederum repräsentierte die Frankfurter Verlagsanstalt vor wenigen Tagen in der Main-Metropole beim „Langen Tag der Bücher“. Die Autorin freut sich: „Endlich ein volles Auditorium!“ Sicher hundert Zuhörer seien bei der Lesung gewesen.
Die Stadt und die Autorin: Sie wissen, was sie aneinander haben
Wieder zuhause sein: Das genießt sie trotzdem. „Ich bin in Markgröningen gut aufgehoben“, sagt Claire Beyer. Als Kind zog sie mit ihren Eltern aus dem Allgäu her; das weich gerollte Allgäuer „R“ blieb haften. Die Markgröninger kennen die Autorin und wissen, wie sie sich abrackerte, bevor der späte literarische Erfolg kam: den Sohn allein aufgezogen („Mit Hilfe von anderen Müttern, vor allem von Gastarbeiterfrauen“), Vollzeit im Steuerbüro gearbeitet, ihre schwer kranke Mutter gepflegt – bis zur Erschöpfung. In Nachtschichten studiert, Gedichte geschrieben.
„Als Elke Heidenreich im ,Spiegel’ eine ganze Seite über ,Rauken’ schrieb, waren alle mit mir stolz. Sie gönnen es mir“, erzählt Beyer. Und bei der „Revanche“-Lesung im örtlichen Spitalkeller war kein Zentimeter Platz übrig. „Der Keller geschmückt, Brezeln und Getränke für das Publikum: Welcher Ort macht so was schon für einen Autoren?“
Eine späte Premiere
Im Allgäu, wo sie ihre Wurzeln hat, sieht das anders aus. „Rauken“, das bittere und beklemmende Buch über die deformierte deutsche Nachkriegsgesellschaft, hat sie dort verortet. Landauf, landab war sie mit dem Buch zu Lesungen eingeladen – im Allgäu ließ man sie links liegen, obwohl sogar das Bayerische Fernsehen einen an Originalschauplätzen gedrehten Beitrag brachte.
Der Wikipedia-Eintrag ihres Geburtsortes Blaichach schmückt sich unter „Persönlichkeiten“ zwar mit Claire Beyer. Dennoch mussten 20 Jahre vergehen, bis sie nun erstmals ins Allgäu eingeladen wurde. Am 3. April liest sie im Literaturhaus in Immenstadt. Nicht aus „Revanche“, sondern aus „Rauken“.