Das wirkt schnell mal martialisch: Ein kräftiger Hund mit Maulkorb Foto: Radio Bremen

Die ARD-Reportage „Wie gefährlich sind Kampfhunde?“ will eigentlich Belege für die These finden, die Gefährlichkeit eines Tieres hinge von seiner Rasse ab. Aber sie müht sich vergeblich. Das wahre, das soziale Problem rund um Kampfhunde nimmt sie nicht in den Blick.

Stuttgart - Der Mann brüllt ins Mikrofon: „Für uns ist Chico unser Held, unser Freiheitskämpfer, Chico Vara!“ Chico Vara spricht er so aus, dass es wie der Name von Che Guevara klingt, einst die Symbolfigur des Befreiungskampfs aller Unterdrückten dieser Erde. Es geht aber um einen Schreckenshund, jenen Staffordshire-Mix-Rüden, der im April 2018 in Hannover seine beiden Besitzer totgebissen hat. Später ist Chico eingeschläfert worden, und die bei Radio Bremen entstandene ARD-Reportage „Wie gefährlich sind Kampfhunde“ zeigt nun eine kleine Demo jener extremen Tierschützer, die den Risikohund zum Märtyrer stilisieren, zum Symbol dafür, dass uns allen von denen „da oben“ das Leben kaputt gemacht werde.

Es gibt diese Art Tierschützer. Susanne Brahms und Rainer Krause, die Autoren dieser Reportage, dürfen sie natürlich zeigen. Das Problem ist nur, dass sie aus einer Minderheit eine Art Volksbewegung machen wollen. Die Grundthese ihres Films ist die einer bedrohlichen Werteveränderung. Nachdem im Mai 2000 in Hamburg der Kampfhund Zeus einen kleinen Jungen getötet hatte, habe sich die Bevölkerung mit dem menschlichen Opfer solidarisiert. Nun habe wieder ein Hund getötet, aber die Menschen solidarisierten sich mit dem Totbeißer, nicht mit den Opfern.

Familienhunde und Beißmaschinen

Das ist selbst als vorläufige Arbeitshypothese grober Unfug. Als die Politik im Jahr 2000 unter großem öffentlichem Druck übereilte Maßnahmen ergriff, protestierten sehr wohl viele Tierhalter, Tierschützer und Tierexperten. Nicht zur verqueren Ehrenrettung des hochgefährlichen, vor Ort von der Polizei erschossenen Zeus, sondern zum Schutz all der harmlosen Familienhunde die nun von Amts wegen als Beißmaschinen behandelt wurden.

Auch damals gab es jene in den Irrsinn hinüberfließende Randzone des Tierschutzes, den Brahms und Krause als neue Entwicklung darstellen. Dass die Durchgeknallten damals nicht so auffällig wurden, liegt schlicht daran, dass die sozialen Netzwerke noch nicht einzelne Spinner zur vermeintlichen Volksbewegung verknüpften.

Keine wissenschaftlichen Belege

Die Reportage „Wie gefährlich sind Kampfhunde“ entlarvt sich immer wieder. Am Ende etwa, wenn Bilanz gezogen wird: „Kampfhunde, so der Stand, sind nicht gefährlicher als andere Hunde. Doch sicher ist das nicht.“ Der Nachsatz des Zweifels kann sich auf nichts als ein Ressentiment der Autoren stützen. Aber er soll beiseite räumen, was vorher zähneknirschend zur Kenntnis genommen werden muste: dass es keine seriöse verhaltenskundliche, tierwissenschaftliche oder statistische Untermauerung der These gibt, Kampfhunde seien gefährlicher als andere Hunde.

Sehr wohl gibt es aber einen anderen Zusammenhang zwischen Hund und Gefährlichkeit, dem Brahms und Krause nicht nachgehen. Von manchen instabilen Menschen und in bestimmten Milieus werden Staff-Terrier und andere einschüchternd wirkende Hunde als Persönlichkeitskrücken, als Prestigesymbol und als Waffe gehalten.

Tödliche Probleme

Die Tiere werden mal unabsichtlich, mal vorsätzlich verrückt gemacht. Sie sollen jene Aura rücksichtloser Aggression verbreiten, auf die ihre Besitzer bei sich selbst stolz sind. Nimmt man diesen Leuten bestimmte Rassen per Gesetz weg, weichen sie auf andere aus. Oder sie halten die verbotenen Rassen weiter, aber unter noch problematischeren Bedingungen als zuvor. Das Problem liegt am oberen Ende der Leine.

Der Hund Zeus übrigens wurde von seinem Besitzer Ibrahim K. über Jahre hinweg scharf gemacht. Immer wieder griff Zeus Hunde und Menschen an, die Behörden griffen nicht durch. Aber auch wiederholte Anzeigen wegen Diebstahls, Straßenraubs und Hausfriedensbruch gegen Ibrahim K. verliefen ja im Sande. Der Mann betrieb Beißtraninig mit Zeus auf genau jenem Schulgelände, wo der Hund schließlich den Jungen attackierte. Am Ende soll die Rasse von Zeus schuld gewesen sein. Diese Details werden hier nicht erzählt.

Ausstrahlung: ARD, 13. August 2018, 22.45 Uhr

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