Mit Action Painting, Nackenspoilern und federleichten Schlagern zum Erfolg: Die Amigos. Foto: picture alliance/dpa

Kleider machen Leute. Oder auch nicht. Letzteres gilt besonders für die Amigos, die Schlagerhelden der Stunde. Ihr neues Album „Babylon“ stürmt die Albumcharts. Auch weil die Amigos ganz schön schräg aus ihrer bunten Wäsche schauen.

Stuttgart - Es kursiert das Gerücht, dass im Gefangenenlager Guantánamo in den Zellen den lieben Tag die größten Hits der Amigos laufen – als Foltermusik. Das ist ein ganz böses Gerücht, das sicher nur der Missgunst eines dünkelhaften Feuilletonisten geschuldet ist. Die Stimme? Eindeutig überbewertet, zumindest außerhalb der Oper. Es gibt ja noch andere hochdotierte Künstler, deren Gesang oft wie Rohrreiniger im Ohr brennt. Madonna zum Beispiel. Oder der bellende und nuschelnde Herbert Grönemeyer, was ja völlig in Ordnung geht. Die Zeiten, als man in der Populärmusik noch ab und an Töne treffen musste, um sich hernach eine Platinplatte an die Wand zu hängen, sind längst passé. Man presst, man jault, man quiekt. Oder säuselt kaum hörbar wie die Amigos, Deutschlands wahrscheinlich erfolgreichstes Schlagerduo.

Gänsehaut auf den Augäpfeln

Interessanter als das harmlose Liedgut der Brüder Bernd (68) und Karl-Heinz Ulrich (70) aus dem hessischen Villingen ist allerdings ihr psychedelischer Partnerlook bei Auftritten. Hawaiihemden über schneeweißen Bügelfaltenhosen, himmelblau schimmernde Anzüge mit hängenden Schulterpartien, silberne Manschettenumschläge, glänzende Kunstlederhosen, die einem Gänsehaut auf den Augäpfeln zaubern: Impressionen wie aus einer von den gängigen Modediktaten befreiten Parallelwelt. Die zwei Ulrichs meinen das nie ironisch, weshalb der pseudoedle Klamottentand und ihre Haarschnitte bei Hunderttausenden authentisch rüberkommen. Die Amigos sind äußerlich eine Ausnahmeerscheinung, jeder Konzertbesuch eine Zeitreise in die Kostümgeschichte des 80er-Jahre-Schlagers, die Brüder wirken wie eine Kreuzung aus Bata Illic, Lady Gaga und Ralf Zumdick, dem menschgewordenen Vokuhila. Kompromisslos stillos, beinahe cool. Und irgendwie sympathisch renitent. Unnötig zu erwähnen, dass die Amigos mit ihrer aktuellen Platte „Babylon“ sofort Platz eins der Album-Charts erobert haben.

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