Die Ecke Ilgen-/Sonnenstraße ist eine von vielen verschwundenen Straßenecken in der Stuttgarter Altstadt: Die Bildergalerie zeigt viele weitere nicht mehr erhaltene Straßen.Foto: Stadtarchiv Stuttgart Foto:  

Etliche Straßen wurde in Stuttgart nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut. Wie kleinteilig und eng die Altstadt davor stellenweise war, zeigen die Bilder in unserem „Stuttgart 1942“-Bestand.

Stuttgart - Sie heißen Im Zwinger, Sonnen-, Kloster- oder Weinstraße – und sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Stadtbild verschwunden. Der Wiederaufbau nach 1945 war in Stuttgart auch ein Großreinemachen in Sachen Straßennamen und Straßenführung. Das gilt besonders für den Stadtbezirk Mitte, wo mittelalterliche Bausubstanz und enge Straßen nicht mehr zum automobilen und modernen Zeitgeist passten. Etliches, was von den Bomben zerstört worden war, wurde nicht wieder aufgebaut.

 

Allerdings kam man nicht erst in den Jahren nach 1945 auf diese Idee. Die verwinkelten Altstadtgassen zwischen Königstraße und Bohnenviertel „waren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts als problematisch empfunden worden“, schildert die stellvertretende Stadtarchivleiterin Katharina Ernst. Die Bausubstanz galt als schlecht, die Gassen waren eng und die Häuser hoch – düstere Häuserschluchten, die oftmals nur wenig mit der Wohnqualität in den Gründerzeitquartieren oder den damaligen Neubaugebieten zu tun hatten.

Im Archiv liegt eine fast 100 Einträge umfassende Liste mit Stuttgarter Straßen, die es nicht mehr gibt. Zum Beispiel im heutigen Geißplatzviertel wurden 1906 bereits 86 Häuser abgerissen. So gesehen waren die starken Zerstörungen durch die Luftangriffe vor allem im Stadtbezirk Mitte aus Sicht vieler damaliger Stadtplaner „die Chance, einen städtebaulichen Neuanfang zu machen und modern zu bauen“, sagt Katharina Ernst.

Bilder von der Altstadt im ursprünglichen Zustand

Kurz bevor die alliierten Bomber die mittelalterliche Altstadtstruktur zerstörten, waren die städtischen Fotografen auch in diesen Gassen unterwegs. Im Bestand unseres Projekts „Stuttgart 1942“ finden sich daher etlich Bilder jener Straßen, die es nicht mehr gibt. Man sieht darauf beispielsweise die Straße Im Zwinger. Als Zwinger bezeichnet man die freie Fläche zwischen der äußeren und inneren Stadtmauer. Er diente im Mittelalter der Stadtverteidigung. Als solche Flächen ebenso wie die Stadtmauern selbst obsolet wurden, überbaute man sie.

Mit dem Wegfall solcher Straßen wurden auch einstige städtebauliche Zusammenhänge überschrieben. Anhand der heutigen Straßenführung wird quasi nirgends mehr sichtbar, wo einst die Stadtmauer verlief. Hinzu kommt die teilweise massive Verbreiterung von Straßen, etwa der Roten Straße (heute Theodor-Heuss-Straße). Die sogenannte Reiche Vorstadt wurde vom neuen City-Ring zerschnitten und ähnlich wie das Bohnenviertel vom Rest der Altstadt abgetrennt. Das einst hübsche „Lindle“ wich dem Verkehrsbauwerk Österreichischer Platz.

Wiederaufbau hieß auch Abriss

Auch solche Planungen lagen bereits vor dem Krieg in der Schublade, wurden aber erst nach 1945 unter der Leitung des Stadtplaners Walter Hoss realisiert. Er leitete die Zentrale für den Aufbau Stuttgart, die neben dem wachsenden Autoverkehr auch den Mangel an Wohnraum bewältigen und das Stadtzentrum wirtschaftlich beleben wollte. 1948 waren der Verkehrsgerippeplan und der Generalbebauungsplan fertig – die Grundlage für das moderne Bild, das die Stuttgarter City rund um den Marktplatz heute abgibt.

So wurden nach den Bombardements weitere Teile der damaligen Altstadt zerstört. Im Bohnenviertel fiel beispielsweise die stark zerstörte Brunnenstraße völlig weg. Heute verläuft zwischen Leonhards- und Katharinenplatz nur noch die Pfarrstraße, die statt an Wohngebäuden nun an einer Grünanlage und dem dahinter liegenden Züblin-Parkhaus vorbeiführt. Ganz in der Nähe, an der Holzstraße, war schon 1942 ein ganzer Häuserblock zum Abriss freigegeben. Er stand der heutigen B 14 im Weg, die nach dem Krieg als Stadtautobahn weiter Richtung Charlottenplatz verlängert wurde. Heute wirken die Holzstraße, die Hauptstätter Straße und die Esslinger Straße wie eine einzige zusammenhängende Verkehrsschneise.

All das kann man im Bildbestand unseres Projekts nachvollziehen. Idealerweise nutzt man zusätzlich das Stadtlexikon des Stadtarchivs, wo alte Stadtpläne gezeigt werden und mit dem aktuellen Zustand verglichen werden können. Bilder von heute noch existierenden Straßen sind über die Bildersuche auf der Projektwebsite zugänglich. Fotos von weggefallenen Straßen können so nicht gefunden werden; wir haben sie in der Bildergalerie eigens aufbereitet.