Wanted hieß vor 40 Jahren die erste Sindelfinger Rockband. Heute tritt sie unter dem Namen If you wanted to auf. Foto: Helmut Bail/Stadtarchiv

Die 1970er Jahre waren auch in der Kleinstadt wild. Rockbands wie Fleetwood Mac und Status quo lockten jugendliche Fans aus der gesamten Region an. Daran erinnert eine Ausstellung.

Sindelfingen - Als die Hippies die Welt eroberten und die Rockmusik die Jugend überall in der Welt in den Bann nahm, ging es im kleinen Sindelfingen fast genauso wild zu wie in Berlin und Frankfurt. Auf jeden Fall deutlich wilder als in der Großstadt Stuttgart. Dort erteilte die Stadt Anfang der 1970er Jahre Rockgruppen ein Auftrittsverbot für die Liederhalle, nachdem Fans bei einem Konzert der Chicken Shack die Halle auseinander genommen hatten. Auch im benachbarten Böblingen gab es bei einem Rockkonzert von Emerson Lake and Palmer in der legendären Sporthalle 1971 Randale. Die Folge: Fans hatten in der gesamten Region Stuttgart keine Möglichkeit, ihre Idole live zu erleben.

Einige Sindelfinger Jugendliche, die meisten noch nicht einmal volljährig – dies wurde man damals erst mit 21 Jahren - wollten dies nicht hinnehmen. Sie begannen, selbst Konzerte zu organisieren. Und die Stars der Szene gaben sich in der Sindelfinger Klosterseehalle die Klinke in die Hand. „Fleetwood Mac ist hier gewesen – und Kraftwerk, Emerson, Lake and Palmer und Status Quo“, nennt Illja Widmann einige der Bands. Dies hat die Leiterin des Stadtmuseums bei umfangreichen Recherchen ausgegraben.

Zeichnung von Roland Emmerich – gerahmt im Klodeckel

Der Anlass dafür war eine Schenkung von Manfred „Manne“ Zöller an die Stadt. Der langjährige Wirt des Café Paletti hatte dieses Ende des vergangenen Jahres für das neue Jugendcafé räumen müssen. Einige seiner Dekostücke vermachte er dem Stadtmuseum mit der Bitte, sie nicht im Depot verschimmeln zu lassen. So wurde die Idee zu einer 1970er-Jahre-Ausstellung geboren.

Wahre Schätze birgt die Zöllersche Sammlung – darunter, eingerahmt von einem Klodeckel, ein Porträt von Manne, das Roland Emmerich gemalt haben soll. Emmerich, der in Hollywood als Regisseur sein Glück gemacht hat, ist in Sindelfingen aufgewachsen. Er habe einige seiner Werke im Laden Claqose ausgestellt, erzählte Zöller der Museumschefin. Zöller hatte das Claqose einige Jahre lang betrieben. Er war auch der Hauptorganisator der legendären Konzerte gewesen. Die Musik – auch die Bands der lokalen Musikszene, die entstand – soll einen Schwerpunkt der geplanten Ausstellung bilden.

Kampf um eine Jugendhaus

Ein zweiter, so Widmann, die die Schau gemeinsam mit Ulrike Izuora konzipiert, sei dem Kampf um ein selbstverwaltetes Jugendhaus gewidmet. 1971 demonstrierten mehr als 500 Schüler vor dem neu gebauten Rathaus und forderten vom Oberbürgermeister Arthur Gruber: „Arthur, rück die Schlüssel raus.“ Der Protest hatte Erfolg: Wenige Monate später konnten die jungen Leute ihr Jugendhaus eröffnen.

Viele Erinnerungsstücke und Fotos haben Widmann und Izuora bereits für die geplante Schau. Um aber die ganze Bandbreite des Jugendalltags in den 1970er Jahren zu zeigen, hoffen sie auf weitere Exponate aus der Sindelfinger Bevölkerung. „Wir freuen uns über Schülerzeitungen, typische Kleidungsstücke und Fotos von Aktivitäten wie Flohmärkten, die damals aufkamen“, sagt Widmann. Gesucht werden auch noch Fotos, die im Jugendhaus entstanden sind. Wenige Bilder gibt es auch aus den späten 1970er Jahren. „Wir interessieren uns auch für ganz normale Aktivitäten in Sportvereinen“, betont Widmann. „Uns geht es darum zu zeigen, wie die Jugendlichen in den 1970er Jahren lebten, und wir wollen auch die Sichtweise der damals Erwachsenen darstellen.“

Freuen würden sich die Kuratorinnen auch über eine original Jukebox oder ein Mofa aus dieser Zeit. Ergänzt werden soll die Schau mit Video-Interviews, die die Kinderfilm-Akademie Sim TV unter der Leitung von Siegfried Barth mit Zeitzeugen erstellen soll. Die Filme werden dann auf Monitoren in der Ausstellung eingespielt.

Fotos und Fundstücke sind erwünscht

Fundstücke
Sindelfinger, die etwas zu der Ausstellung beisteuern möchten, sollten sich – und zwar möglichst bis Ende September – bei Illja Widmann melden (Telefonnummer: 0 70 31/9 43 57 oder E-Mail: illja.widmann@sindelfingen.de).

Ausstellung
Eröffnet wird die Schau am 18. November in der städteübergreifenden Nacht der Museen. Sie wird bis mindestens zum kommenden April zu sehen sein. Bei der Vernissage spielt die Sindelfinger Kultband If you wanted to. Es war die erste Rockband überhaupt in Sindelfingen, die in den 1970er Jahren um den Musiker Joachim Kupke gegründet wurde. Damals hieß sie Wanted.

Museum
Zu sehen ist die Schau im zweiten Obergeschoss des Stadtmuseums in der Langen Straße 13. Dort räumt die Chefin Illja Widmann einen Raum der Dauerausstellung frei, der auch künftig ausschließlich für wechselnde Sonderausstellungen genutzt werden soll. Bislang fehlte ein solcher Raum im Museum.

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