Alina wächst als liebevoll umsorgtes Pflegekind in Bad Cannstatt auf. Ihren leiblichen Vater hat sie niemals kennengelernt. Plötzlich schreibt er ihr Briefe. Was geht in der 15-Jährigen nun vor sich?
Alina ist gerade mal vier Wochen alt, als sie sich den Schädelknochen bricht. Ihre Mutter sagt, das Baby sei von allein aus seinem Bettchen gefallen, aber das klingt wenig glaubwürdig. Claudia B. (Name geändert) wird das Sorgerecht entzogen, das Wohl des Kindes sei in ihrer Obhut gefährdet, entscheidet das Familiengericht. „Ich wüsste es gerne, wie es damals zu dem Sturz gekommen ist, aber ich werde es wohl nie erfahren“, sagt Alina.
Die 15-jährige Alina wohnt in Bad Cannstatt und besucht die Freie Waldorfschule in Winterbach. Sie liest Bücher von J. K. Rowling, hört Liebeslieder von Max Giesinger und schmust mit ihrer Hündin Luigina. Sie zeichnet, spielt Flöte, rudert im Verein, schwimmt und wandert gern. Sie hat eine leibliche Mutter und zwei Pflegemütter, die sie Claudia, Mama und Mami nennt.
Corinna Burkhardt ist die Mama. Die 56-Jährige sitzt neben ihrer Pflegetochter, um sie bei der Rekonstruktion ihrer Lebensgeschichte zu unterstützen. An manch prägendes Ereignis kann sich Alina nicht erinnern, sie war ja noch sehr jung, als diese Dinge passierten. Mit 14 Monaten kam das Mädchen aus der Bereitschaftspflege zu Corinna Burkhardt und Melanie Engel (die Mami): „Meine Frau und ich waren damals sehr aufgeregt. Aber Alina war sofort da, ganz nah bei uns. Bereits in der ersten Nacht hat sie tief und fest geschlafen, während wir mit pochenden Herzen wach lagen.“
Eine Patchwork-Regenbogen-Familie
Corinna Burkhardt arbeitet als Sozialpädagogin, Melanie Engel ist Mediengestalterin. Bevor sie Alina aufnehmen durften, mussten sie gegenüber dem Jugendamt ihre finanzielle Situation offenbaren, ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und einen Vorbereitungskurs absolvieren. Am Ende des aufwendigen Verfahrens stand eine Eignungsprüfung, wo sie zig persönliche Fragen beantworten mussten – zum Beispiel: „Welche Eigenschaften schätzen Sie an Ihrer Partnerin besonders?“
Heute, fast 14 Jahre später, haben Corinna Burkhardt und Melanie Engel längst bewiesen, dass sie die passenden Pflegeeltern für Alina sind. Dem Mädchen geht es gut. Es hat ein eigenes Zimmer in der großzügigen Altbauwohnung, zwei einfühlsame Mütter, die rund um die Uhr für sie da sind, und zwei Geschwister – Emilia und Joris. Die Zwillinge sind die leiblichen Kinder von Melanie Engel und drei Jahre jünger als Alina. Ihr Vater Markus Ewald war bis Anfang dieses Jahres Oberbürgermeister von Weingarten und ist mit einem Sozialpädagogen verheiratet. Mehr Patchwork-Regenbogen-Familie geht kaum. „Ich finde es gut, dass jeder so sein kann, wie er will“, sagt Alina. „Jeder soll lieben, wen er liebt.“
Ein Pflegekind ist kein Adoptivkind. Das Sorgerecht bleibt in der Regel beim Jugendamt, das einen Vormund einsetzt. Es gibt Entscheidungen, die immer in Abstimmung mit dem Vormund getroffen werden müssen: Schulwahl, Impfungen, Urlaube oder auch, ob Alina mit einem Journalisten von der Zeitung sprechen darf. Zudem hat die leibliche Mutter das Recht, ihr Kind regelmäßig zu sehen. Folglich gibt es diverse Personen, die auf Alina einwirken.
Problematische Mutter-Tochter-Beziehung
Das kann für ein Kind anstrengend und irritierend sein. Als Alina zwei Jahre alt ist, will Claudia B. ihre Tochter zu sich zurückholen. Der Familienrichter ist zunächst auf ihrer Seite: „Ein Kind gehört zu seiner leiblichen Mutter!“ Erst als das Jugendamt einen Gutachter bestellt, wird deutlich, dass das Mädchen in seiner Pflegefamilie besser aufgehoben ist: Alinas leibliche Mutter gilt als psychisch instabil und unzuverlässig.
2015 zieht Claudia B. nach Norddeutschland und bekommt mit ihrem neuen Partner zwei Kinder. Alina besucht sie nun nur noch zwei, drei Mal im Jahr. Zur Begrüßung nimmt sie ihre Tochter wie einen großen Teddybären in die Arme und drückt sie ganz fest. „Ich mochte das gar nicht, fühlte mich bedrängt“, erzählt Alina. Die Bücher, die Schminke, die H&M-Gutscheine, die sie geschenkt bekommt, wirken auf Alina wie Köder. „Claudia erwartete, dass ich mich bei ihr bedanke, aber ich konnte das einfach nicht“, sagt sie.
Im Sommer 2018, Alina ist elf Jahre alt, fordert Claudia B. sie bei einem Spaziergang in der Wilhelma auf, zu ihr und ihrer Familie in den Norden zu ziehen: „Du könntest doch jetzt bei uns wohnen.“ Wenn Alina darüber spricht, was sie damals empfunden hat, wirkt sie plötzlich sehr aufgeregt. Sie rudert mit den Armen und ruft: „Das war sooo spooky!“ – gespenstisch.
Briefe vom Vater
Alina will seit jenem Tag in der Wilhelma mit ihrer leiblichen Mutter nichts mehr zu tun haben. Auch ihren Nachnamen hat sie – mit großem bürokratischem Aufwand – ändern lassen. Sie heißt jetzt wie ihre Mami Melanie und ihre Geschwister Emilia und Joris: Engel. „Der Name ist sehr wichtig für mich, weil er beweist, dass ich ein Teil dieser Familie bin“, sagt sie.
Und ihr Vater? Martin K. (Name geändert) war 13 Jahre lang quasi verschollen. Er saß wohl mal im Gefängnis, vielleicht lebte er auch eine Zeit lang auf der Straße – Genaues weiß man nicht.
Vor zwei Jahren beginnt Martin K. damit, Briefe an seine Tochter zu schreiben. Er schickt sie ans Jugendamt Stuttgart mit der Bitte, sie an Alina weiterzuleiten. Es dauert noch eine Weile, bis ihr Vormund sie ihr gibt: Alina fühlt sich zu jener Zeit von Klassenkameradinnen gemobbt, sie wechselt die Schule. In dieser Situation will man sie nicht zusätzlich belasten.
Das erste Telefonat
Als Alina im vergangenen Jahr die Briefumschläge in ihren Händen hält, weiß sie nicht, ob sie sie überhaupt öffnen soll. Sie kennt den Absender ja nicht, ihr Vater ist für sie ein Fremder. Schließlich siegt die Neugier über die Bedenken: Wer ist der Mann, dessen Gene in ihr stecken?
Martin K. hat Fotos von sich zu dem Brief gelegt. Alina ist enttäuscht: Er sieht ihr gar nicht ähnlich. Ein hagerer Typ mit Glatze. Er schreibt: „Liebe Alina, ich heiße Martin und bin dein Vater. Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht bei dir gemeldet habe. Aber mein Leben verlief leider so, dass ich es nicht konnte.“ Zu wissen, dass es offenbar Gründe für seine Abwesenheit gab, tut Alina gut. „Das ist seine Vergangenheit, mit der ich nichts zu tun habe“, sagt sie.
An Weihnachten kommt es zu einem ersten Telefonat. Erst wissen beide nicht recht, was sie sagen sollen. Dann erzählt Martin K., dass er in Berlin lebe, seit Kurzem bei einer Landschaftsbaufirma arbeite und, wenn er genug Geld zusammengespart habe, Alina gerne in Stuttgart besuchen würde. Sie redet über ihre besten Freundinnen, ihre neue Schule, ihren Ruderverein. Er hört ihr zu, fragt nach, scheint sich wirklich für sie zu interessieren. „Für mich hat sich das super angefühlt“, sagt sie.
Wer bin ich?
Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der sich die Frage nach der eigenen Identität stellt: Wer bin ich? Für Alina, die ihre Herkunft nur ausschnittsweise kennt, ist die Suche nach einer Antwort besonders schwierig. Oft, erzählt sie, habe sie überlegt, was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen wäre. Würde sie Zigaretten rauchen und in dreckigen Jogginghosen beim Discounter einkaufen? Solche Bilder hatte sie im Kopf. Doch seit sie mit ihrem Vater telefoniert hat, erscheint ihr ihre Herkunft in einem helleren Licht.
An ihrem 15. Geburtstag ruft Martin K. sie wieder an, diesmal tratschen sie lange miteinander. Er hat einen Hund – wie sie. Er liest gerne Fantasy-Romane – wie sie. Wenn er mal ins Reden kommt, ist er kaum zu stoppen. „Wir sind beide Plaudertaschen“, sagt sie. „Ich finde ihn witzig, nett und sehr sympathisch.“
Bei aller Freude über den Kontakt zu ihrem Vater beschleicht Alina ein schlechtes Gewissen: „Ich habe Angst, dass ich Martin mehr lieben könnte als meine Mütter.“ – „Das musst du nicht“, sagt Corinna Burkhardt und streichelt Alina sachte den Unterarm. „Man kann ja auch mehrere Menschen gleich stark lieben.“
Ein Blick in die Zukunft
Corinna Burkhardt weiß, wie sehr Alina an ihr und ihrer Frau hängt. Bevor sie aus dem Haus gehen, müssen sie ihrer Pflegetochter mitteilen, was sie vorhaben und wann sie zurückkommen. „Alina braucht Gewissheit und Geborgenheit.“ Nur ungern verlässt sie ihre vertraute Umgebung. Morgens, wenn sie zur Schule muss, bekommt sie regelmäßig Wutanfälle. Manchmal pfeffert Alina ihre Schultasche aus dem Fenster und brüllt rum. „Jede Veränderung macht ihr erst einmal zu schaffen“, erzählt Corinna Burkhardt.
Wie stellt sich Alina ihre Zukunft vor? Mit 18 will sie sich von ihren Pflegemüttern adoptieren lassen – das ist ab der Volljährigkeit unkompliziert möglich. Dann möchte sie, wie sie sagt, „eine Zeit lang durch Deutschland und Österreich reisen“. In den folgenden Jahren: eine Ausbildung zur Heilerzieherin machen („Ich will mit Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten“) und eine Familie gründen, mit der sie Urlaube in einem Ferienhaus an einem Alpensee verbringt. Erstaunlich konkrete Pläne für eine 15-Jährige.
Was man nicht kennt, das kann man nicht vermissen. Bevor ihr Vater sich bei ihr gemeldet hat, hatte Alina nicht das Gefühl, dass es eine Lücke in ihrem Leben gibt. Sie hat ja bereits Menschen, die sie liebevoll umsorgen. „Aber jetzt fände ich es schon schön, wenn ich mich mit meinem Vater gut verstehen würde“, sagt sie.
Warum geht Alina an die Öffentlichkeit?
Ist Martin K. der Mensch, den sie in ihm sieht? Oder wird er sie enttäuschen? Deborah Zeh vom Stuttgarter Jugendamt betreut Alina und rund 50 weitere Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. „Es besteht zwar die Gefahr, dass Alinas Erwartungen nicht erfüllt werden“, sagt die Sozialpädagogin. „Aber natürlich darf sie ihren Vater bald kennenlernen, wenn sie sich das wünscht.“
Alinas biografischer Rucksack wiegt schwer, seit zwölf Jahren besucht sie regelmäßig einen Therapeuten. „Es tut mir gut, über meine Probleme zu reden“, sagt sie. Ihr Vater könnte ein neuer Ansprechpartner sein. „Wir wollen alles dafür tun, dass Alina eine starke, selbstbewusste Frau wird“, sagt Corinna Burkhardt. Sollte die Pflegetochter gekränkt werden, fangen Corinna Burkhardt und Melanie Engel sie wieder auf.
Es war Alinas Wunsch, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Es gibt viele Menschen, denen es ähnlich geht wie mir“, sagt sie. Allein in Stuttgart leben 330 Kinder in Pflegefamilien, bundesweit sind es mehr als 80 000. Etwa die Hälfte von ihnen hat zurzeit keinen Kontakt zur leiblichen Mutter und/oder zum leiblichen Vater. Wie kommt man damit klar? Alina spricht offen über ihre Gefühle und Gedanken. Das hilft ihr – und vielleicht auch anderen.
Weitere Informationen zum Thema Pflegekind
Streaming
Die Stuttgarter Filmemacherin Almut Röhrl hat Alina mehrere Wochen lang begleitet. Die Doku „Sehnsucht nach Familie – Alina geht ihren Weg“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar.
Aufruf
Die Stadt Stuttgart sucht dringend neue Pflegefamilien. Für Interessierte bietet das Jugendamt am 20. Oktober um 19 Uhr eine Online-Veranstaltung an. Anmeldung per E-Mail unter: 51Pflegekinderdienst@stuttgart.de