Ulf Stolterfoht begibt sich gern in fremde Textwelten. Foto: Ullstein

Der jüngst mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnete Dichter Ulf Stolterfoht betreibt seit einem Jahr einen eigenen Verlag, um Kollegen ein Obdach zu geben. Arbeitsmittelpunkt beim Schreiben und Büchermachen ist dabei eine Berliner Kneipe.

Berlin - Das Jonas ist eine der Berliner Kneipen, wo ein großes Pils noch 2,50 Euro kostet und ein Mineralwasser 1,10 Euro. Am Wochenende wird hier Bundesliga-Fußball gezeigt, dienstags und mittwochs Champions League. Es gibt einen großen Billardtisch und auch einen vollen Bücherschrank. Die Kneipenbesucher tauschen hier ihre Lektüren. Nicht weit von den Büchern und vom Billard sitzt der Autor Ulf Stolterfoht – liest, schreibt, denkt nach. Die gemütliche Kneipe ist seit mittlerweile 17 Jahren sein Arbeitsplatz. Er ist meist der Erste am Morgen, wenn das Jonas um 11 Uhr öffnet. Stolterfoht lässt sich einen doppelten Espresso und ein großes Mineralwasser servieren, schaut kurz in die Zeitungen, die neben der Tür hängen, dann lässt er sich in der Regel nicht mehr ablenken . . . „außer es kommt ein ganz interessanter Billardpartner vorbei, den man sonst nicht zu fassen kriegt“, sagt der Stammgast verschmitzt.

Ulf Stolterfoht ist Dichter, Übersetzer und neuerdings auch Verleger. Das eigene Schreiben ist immer noch das Wichtigste, sagt er. Der eigene Verlag, das ist erst mal ein Experiment: Lässt sich Lyrik verlegen ohne einen Mäzen an der Seite? Stolterfoht weiß natürlich, dass er mit Gedichten kein Geld verdienen kann, aber verlieren will er dabei auch keines.

Der gebürtige Stuttgarter lebt schon lange in Berlin. Er hat drei Kinder, seine Frau war früher Anwältin und arbeitet ­heute als Lehrerin. Er wollte raus aus der Wohnung, weil er dort nicht zum Schreiben kam, und hat verschiedene Kneipen ausprobiert. Beim ­Jonas ist er schließlich hängen­geblieben. Längst gehört das Schöneberger Lokal zu seinem Leben, und deshalb macht er sich auch heute, obwohl die Kinder tagsüber aus dem Haus sind, wie jeden Morgen auf den kurzen Weg. „Ich kenne alle hier, und die kennen mich und lassen mich in Ruhe. Wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, kann ich ganz zwanglos von meinem Schreibtisch an den Tresen wechseln und noch zwei oder drei Feierabendbiere trinken. Dann war es für mich ein schöner Arbeitstag“, resümiert Ulf Stolterfoht.

In der Küche werden die Lexika zwischengelagert

In einer kleinen Tasche hat er alles dabei, was er braucht für den Tag: Unterschiedliche Ordner mit Texten, ein Notebook, einen E-Book-Reader mit Wörte­r­büchern und verschiedenen Lexika. Die schweren Wörterbücher aus Papier, die er gerade häufiger benötigt, weil er Gedichte des englischen Lyrikers Andrew Duncan ins Deutsche übersetzt, darf er in der Küche vom Jonas lagern.

Ein Band mit den Versen des Briten soll im Herbst im dritten Programm von Brüterich Press erscheinen – so heißt Stolterfohts 2015 gegründeter Verlag. Der eigenwillige Name stammt aus einem seiner ersten Gedichtbände. Zur Poetologie des Lyrikers gehört es, sich von anderen Wissensgebieten und Fachsprachen inspirieren zu lassen.

Er sammelt deshalb Wörter, die ihm im Alltag begegnen, zur späteren Verwendung in Gedichten – Wörter wie Sprödian, Wagenblas, Brüterich, Stoffregen. „Hinten auf den Nummernschildern stehen doch die Autohäuser – und wenn da was Schönes dabei ist, schreibe ich es in mein Notizbuch“, sagt er. Wagenblast – so heißt zum Beispiel ein Autohaus in der Nähe von Schwäbisch Gmünd. Zum einprägsamen Verlagsnamen passt der eigenwillige Slogan, mit dem Ulf Stolterfoht augenzwinkernd für sein Programm wirbt: „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“. Als Dichter weiß er natürlich nur allzu gut, dass Lyrik gemeinhin als kompliziert und schwer zugänglich gilt. Für ihn selbst, sagt er, gebe es allerdings keine schwierige Lyrik. Andererseits wundert er sich, wenn es immer wieder heißt, Goethe-Gedichte seien einfach. „Ich glaube nicht, dass das stimmt.“ Die schön gestal­teten Bände der Brüterich Press, die ganz auf werbende Texte verzichten, kosten 20 Euro pro Band.

Lyrik hat es schwer auf dem Büchermarkt

Ulf Stolterfoht hat seinen Verlag gegründet, um Dichtern „ein Obdach zu geben“, wie er sagt. Immer mehr Literaten stehen auf der Straße, klagt er, nicht zuletzt weil es in den Programmen der größeren Verlage immer weniger Platz für Lyrik gibt: „Diese ganzen Säuberungen, das hat vor zehn Jahren angefangen.“

Der Neuverleger hat mittlerweile 158 Abonnenten gewonnen. Sie bilden das finanzielle Rückgrat des Verlags. Ursprünglich dachte er, schon mit 75 Abonnenten am Ziel zu sein. Aber der bald 53-Jährige hatte sich verrechnet – aus einem einfachen Grund: Die Bücher, die er herausbringt, sind dicker geworden als geplant, die Druck­kosten deswegen höher. Jetzt meint er: „Ich bräuchte vielleicht noch fünfzig weitere Abonnenten. Herstellungskosten und große Teile des Autorenhonorars wären so ab­gedeckt. Dann müsste ich nur noch den Rest des Autorenhonorars durch den freien Verkauf einspielen.“

Die Namen der Abonnenten stehen auf einer „Ehrentafel“ der Verlagshomepage – es sind Verleger, Schriftsteller, Verwandte, Lyrikbegeisterte oder auch einfach nur Unterstützer von Ulf Stolterfoht. Ursprünglich wollte dieser die Namen der Förderer – wie es in den USA üblich ist – auch in den Büchern abdrucken, aber davon ist er wieder abgekommen.

500 Exemplare lässt Stolterfoht von jedem Titel drucken. Fast hundert davon verschickt er an Rezensenten, Multiplikatoren. Wenn es glückt, die übrigen 400 Exemplare zu verkaufen, dann sei das ein großer Erfolg. Gelungen ist das etwa mit dem Gedichtband von Oswald Egger „Gnomen & Amben“. Aber Egger ist auch einer von denen, die nicht auf der Straße stehen, seine Bücher erscheinen in der Regel bei Suhrkamp, er gehört zu den bekanntesten Lyrikern der Szene. Das Gleiche gilt für Franz Josef Czernin und Marcel Beyer, die das Auftaktprogramm von Brüterich Press komplettierten.

Die Ausgeglichenheit in Person

Doch so soll und wird es nicht bleiben. Neben den Gedichten von Andrew Duncan erscheint im Herbst auch ein Band des US-amerikanischen Dichters Cyrus Console. „Übersetzungen unterzubringen ist noch schwieriger, deshalb fühle ich mich dazu verpflichtet“, erklärt der Verleger.

Die Organisation von Brüterich Press beansprucht inzwischen viel mehr Zeit als ursprünglich geplant. Kein Wunder, denn der Verleger erledigt fast alles selbst. Er kümmert sich um die Auslieferung, schnürt also Päckchen und bringt sie zur Post, liest Korrektur. Und natürlich schreibt er auch weiter eigene Gedichte. „Ich mache das, was am drängendsten ist“, sagt der Viel­beschäftigte. „Aber ich hänge mit allem immer hinterher, was für mein Seelenheil nicht so gut ist.“

Anzumerken ist das Ulf Stolterfoht nicht, im Gegenteil. Er wirkt wie die Aus­geglichenheit in Person. Denn er tut das, was er bereits als Jugendlicher wollte: Gedichte lesen und schreiben. Dass sich wirtschaftlich so nur schwer über die Runden kommen lässt, damit hat er sich von Beginn an arrangiert: „Man überlebt durch Preise und Stipendien, das ist das Einzige. Ich war so ein bisschen ein Hätschelkind – auch wegen der drei Kinder haben viele gedacht, oh je, die arme Sau, dem müssen wir mal wieder ein Stipendium geben. Tatsächlich kam fast jedes Jahr ein Preis oder ein Stipendium oder beides. Dann geht es, wenn beides kommt. Aber sonst war es immer ein Kämpfen.“

Seit einem Jahr arbeitet seine Frau wieder als Lehrerin, seitdem kommen sie finanziell besser zurecht. Dass er das Vorerbe seines Vaters dazu genutzt hat, einen Verlag zu gründen, das bereitet ihm trotzdem manchmal ein schlechtes Gewissen. „Meine Frau ist auch nicht so glücklich mit dem Verlag“, sagt er. Ulf Stolterfoht hingegen wirkt trotz allem wie ein Mensch, der zufrieden, vielleicht sogar glücklich ist. Mit vergleichsweise wenig Geld lässt sich viel erreichen – das hat er in den letzten Monaten erfahren. Sechs Bücher gibt es nun schon mit dem Logo von Brüterich Press. Die nächsten kommen im Herbst heraus.

An diesem Dienstag liest und spricht Ulf Stolterfoht im Stuttgarter Literaturhaus mit dem Dichter Marcel Beyer. Beginn 20 Uhr.

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